Heft 
(1984) 38
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im Club auffordern und eine Plauderhalbestunde mit ihnen haben kann. Aber ich sehe nicht mehr hin. trotzdem ich es immer amüsant und auch selbst lehr­reich gefunden habe. Der Grund ist die Zusammensetzung der Gesellschaft. Ich finde vielleicht Brahm der eben von Gensichen hat drucken lassen .er sei ein Schafskopf*. Wie soll ich midi da benehmen? Kann ich mit dem kleinen Brahm ein Liebes- und Freundschafts-Töte ä Töte haben, während Gensichen oder Zabel oder irgend ein andrer eben Abgeschlachteter daneben sitzt? Oder ich kose mit Mauthner und im selben Augenblick tritt Frenzei oder Rodenberg ein, von denen M. hat drucken lassen: sie seien Cretins oder könnten keinen Satz gutes Deutsch schreiben? Es geht nicht.

Anscheinend hatte Mauthner Fontane seinen Roman Der letzte Deutsche von Blatna. Erzählung aus Böhmen (Dresden/Leipzig: Heinrich Minden 1881) zu­kommen lassen und um eine kritische Stellungnahme gebeten, dieser Jedoch noch keine Muße zur Lektüre des Buches gehabt.

Theophil Zolling: Der Klatsch. Ein Roman aus der Gesellschaft (Leipzig: Hässel 1889), ein langatmiger, mittelmäßiger Roman mit kolonialgeschichtliehem Hinter­grund; Zolling (1849-1901) war seit 1881 Herausgeber der Wochenschrift Die Gegenwart; zu Zollings Roman vgl. auch Fontanes Bemerkung im Brief an Wilhelm Hertz vom 2. 4. 1889 (Nr. 465, S. 309):Immer neue Novellen von immer neuen Kollegen, darunter die fragwürdigsten Gestalten. So von Zolling ein Buch, das sich .Klatsch* nennt und diesen Namen verdient, aber einfach als Aufschrift und ganz anders als der ich glaube moralisiren-wollende .. . Herr Verfasser vermeint. Ob Fontane Zollings Roman rezensiert hat, ließ sich bisher nicht ermit­teln : vgl. dazu aber Fontanes Rezension von Zollings zweitem Roman Frau Minne. Ein Künstler-Roman (Leipzig: Hässel 1890) in der VZ (nicht ermittelt), auszugs­weise zitiert in einer Anzeige in der Zeitschrift Die Gegenwart 37 (1890), 6 (vom 8. 2. 1890), S. 96, worin es heißt:Theodor Fontane beschreibt in der Vossischen Zeitung u. A.: .Der Herausgeber der Gegenwart, der seit einer ganzen Reihe von Jahren Berlin angehört und das Berliner Leben aus dem Grunde kennt, gibt hier eine Schilderung eben dieses Lebens, die in Ihrer photographisch exakten Wiedergabe einen Werth für unsere dermaleinstige Kulturgeschichte hat . .. Wie im Klatsch die sogenannte Gesellschaft, so haben wir hier die Künstler­schaft. In Geschlossenheit der Composition, überhaupt der Technik, wächst dieser zweite Roman über den ersten hinaus, mit dem er die Lebendigkeit des Vortrags und die Frische der Farbe gemein hat. Jedenfalls hat sich Zolling ln hervorragender Weise in die Gruppe derer eingeführt, die den sog. Berliner Roman zu einem bestimmten Literaturzweig gemacht haben*.

Offensichtlich erhoffte Fontane, sich bei der Lektüre von Mauthners Roman Der letzte Deutsche von Blatna (s. Anm. 121) von Zollings Roman zu erholen: vgl. ferner Brief Nr. 64, Anm. 515.

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Noch nicht ermittelt; eventuell Im Zusammenhang mit personellen Verände­rungen innerhalb der .Literarischen Gesellschaft* (vgl. Anm. 120 zu Postkarte Nr. 11 vom 2. 4. 1889), die Fontane seit Mitte März 1889 frequentierte; vgl. dazu auch Kühn, S. 174:Neben Richard Greiling und Otto Neumann-Hofer Ist er [Mauthner/die Hrsg.) Vorstandsmitglied der 1888 gegründeten, von Friedrich Spielhagen geleiteten Litterarischen Gesellschaft, dem Club, der sich donnerstags- abends im .Kaiserhof* traf.

Diese Initialen konnten bisher nicht eindeutig ermittelt werden. Vielleicht sollte man zur Annahme tendieren, daß sich hinter M und L die Namen von Schau­spielern bzw. Sängern verstechen: so fand z. B. im Frühsommer 1889 am Berliner Hoftheater durch das Engagement Adalbert Matkowskys (1858-1969) eine Wach­ablösung statt (ab l. 6. 1889), da in Zukunft Matkowsky - und nicht mehr Maximilian Ludwig (1847-1906) - die Rollen der Bravourhelden und Liebhaber spielte (vgl. hierzu Julius Bab/Willi Handl: Deutsche Schauspieler. Porträts aus Berlin und Wien [Berlin: Oesterheld 1908], s. 30-31:ihm gab die Natur den Leib eines Riesen und die weitaus langenden, königlich packenden Gebärden eines Löwen, ein Antlitz blühend im Fleisch, doch durch das Leuchten zweier mächtiger Augen stets seelischer Bewegung überflutet, und eine Stimme ohne Schranken ...); Matkowsky hatte zwischen 1887 und 1889 wiederholt Gastspiele in Berlin gegeben, und Fontane hat sich verschiedentlich ausführlich mit dessen Schauspielerpersönlichkeit auseinandergesetzt (vgl. hierzu Julius Bab* Adalbert Matkowsky. Eine Heldensage [Berlin: Oesterheld 1932) insbes das Kap Die Eroberung Berlins*, S. 99 f, worin Fontane ausführlich zitiert wird); Matkowskys erstes Gastspiel fand am 7. 6. 1887 in Schillers Die Braut von Messina statt (und ÄS? b Ä e e ei M in ,u der Y. z Nr *. 257 ' vom 7 * 6 - 1887] >n wobei derEindnick h»« 1 «$?* ^K? ko « s S ys zi , emllch gemischte Gefühle hinterlassen

hat), im Dezember 1887 erlebte Matkowsky seinen ersten Triumph in Calderons Das Leben ein Traum (wobei Fontane in der VZ Nr. 592 [vom 19. 12. 1887)1gesteht,

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