Chr. Grawe (Melbourne)
Lieutenant Vogelsang a. D. und Mr. Nelson aus Liverpool: Treibeis politische und Corinnas private Verirrungen in „Frau Jenny Treibei“
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Es mag berechtigt sein, Jenny Treibei und Willibald Schmidt als „die beiden wichtigsten Figuren“, Hauptgestalt und „zweite Hauptgestalt“, 1 in Frau Jenny Treibei zu bezeichnen und zu sagen, daß Jenny als „Titelheldin“ die „ausschlaggebende Stellung innerhalb der Romanwirklichkeit“, Schmidt aber „durch zahlreiche Aufklärungen und Kommentare, das Geschehen im allgemeinen, die Vergangenheit Jennys und ihr Leben im besonderen betreffend“, den „zentralen Ort des Ganzen“ 1 einnehmen. Nur darf man bei dieser Gewichtsverteilung nicht aus den Augen verlieren, daß die Frau Kommerzienrat und der Herr Professor, die nur auf eine temperamentsmäßig bedingte sehr unterschiedliche Weise auf die Aktionen anderer reagieren, gerade nicht die eigentlich handelnden Personen des Romans sind, sondern die ihnen familiär am nächsten stehenden Gestalten, nämlich Jennys Ehemann und Schmidts Tochter. Diese letzteren sind zudem die beiden, die im Laufe der Handlung eine psychologische Entwicklung durchmachen, indem $ie von ihren Verirrungen geheilt werden, während Jenny und Schmidt sich das ganze Buch hindurch gleichbleiben.
Der Roman handelt eigentlich davon, daß Treibei Reichstagsabgeordneter werden und Corinna seinen Willensschwächen Sohn Leopold heiraten möchte. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß schon das zentrale Ereignis der ersten Kapitel, das Diner im Hause Treibei, Schauplatz und Vehikel ihrer Aktivitäten bildet, denn die Ehrengäste des gesellschaftlichen Ereignisses sind genau diejenigen Personen, über die Treibei und Corinna ihrem Ziel näher zu kommen hoffen: Lieutenant a. D. Vogelsang und „Mr. Nelson from Liverpool“ (21), 3 die als Rollenträger bei den Vorhaben der beiden aufeinander bezogen sind. Treibei hofiert Vogelsang, weil dieser als „Präsident unseres Wahlkomitees“ (23) für ihn den Wahlkampf in Teupitz- Zossen führen und gewinnen soll; und Corinna flirtet mit Mr. Nelson, um Leopold in sich verliebt zu machen. Und so feiert Treibei den Leutnant und den Engländer in seinem Toast „auf zwei liebe Gäste, die hier zu sehen ich heute zum ersten Male die Ehre habe“, denn auch als eine Einheit: als „our army and navy“ (38).
Walter Müller-Seidel bemerkt in seinem Buch über Theodor Fontane: Entsprechung ist [...] ein Strukturmerkmal des Erzählens in Fontanes Romankunst, das er bewußt einzusetzen versteht. 4
Daß diese zweifellos richtige Beobachtung auch auf Corinna Schmidt und Treibei und durch sie auch auf Nelson und Vogelsang zutrifft, ist anscheinend bisher für das Verständnis von Frau Jenny Treibei nicht fruchtbar gemacht worden. Ja, gerade weil man in der Fontane-Forschung das Auf-