einanderbezogensein des Leutnants und des englischen Kaufmanns nicht wahrgenommen hat, fallen die Urteile über sie so gegensätzlich aus. Conrad Wandrey nennt Vogelsang den einzigen bei dem Diner, „der es ganz ehrlich meint“. Er sei „der Solide in dieser bourgeoisen Scheinwelt, aber die Solidität tritt leider als Borniertheit auf, als Utopismus“, 5 während Müller-Seidel ihn als den „in die Politik verirrten Leutnant Vogel- sang“ und als „einen hinter der Zeit zurückgebliebenen Prinzipienreiter“ 1 * bezeichnet. Ein paar Seiten später dient Nelson dem Verfasser als Beleg, daß „man sicher nicht fehl [geht], Frau Jenny Treibei als eine versteckte Huldigung für englische Lebensform, englische Literatur und englischen Humor zu interpretieren“. 7 Dagegen spricht Richard Brinkmann in seinem Fontanebuch von dem „flegelhaften Engländer“. 8 Aber erst die Beantwortung der Frage, was der Fabrikant mit dem Reserveleutnant und die Professorentochter mit dem englischen Kaufmann zu tun hat, läßt ein angemessenes Urteil zu.
Mißt man Treibeis Toastformel auf „our army and navy“ an der Realität, dann ist sic geradezu hanebüchen falsch. Vogelsang ist „seit wenigstens dreißig Jahren außer Dienst“ und hat „mehr die Steifheit eines alten,, irgendeiner ganz seltenen Sekte zugehörigen Torf- und Salzinspektors als die gute Haltung eines Offiziers“; und Mr. Nelson erscheint immerhin zu einem Diner so, daß „eigentlich alles die Kritik herausforderte“, denn er kommt, „den ungebürsteten Zylinder im Nacken und reisemäßig in einem gelb- und braunkarierten Anzuge steckend“ (21). Dieser Aufzug ist aus zwei Gründen besonders auffällig. Einmal ist er, was immer wieder Verblüffung auslöst und daher immer wieder in den Gesprächen hervorgehoben wird (16, 22, 33, 38, 71), ein Namensvetter des englischen Admirals Viscount Horation Nelson aus der „navy“, der in den napoleonischen Kriegen die französische Flotte 1798 bei Abukir und 1805 bei Trafalgar besiegte, und verdient deshalb auf der Folie des Seehelden gedeutet zu werden, mit dem er eigentlich nichts gemein hat. Zum anderen wird von Helene Treibei, der als Hamburgerin in absurder Übertreibung alles Englische als der Gipfel der Vornehmheit gilt, so daß ihr Schwiegervater fürchtet, sie werde in dem „im stillen immer gehegten Herzenswünsche, ,für eine Engländerin gehalten zu werden“', ihre Tochter „noch, auf Vorder- zähnezeigen hin, englisch abrichten“ (85), über ihn vor seiner Ankunft gesagt, er habe „ganz die Gesetztheit und Wohlerzogenheit, die die meisten Engländer haben. Und dabei immer wie aus dem Ei gepellt.“ (20) Man glaubt daraufhin, „einen Ausbund an Eleganz“ (21) erwarten zu dürfen.
Sowohl Vogelsang als auch Nelson sind also gerade nicht, was man von ihnen erwartet: ein richtiger preußischer Offizier und ein aristokratischer Seeheld aus dem „meerumgürtetefn] Albion“ (35). Aber gerade die Verkennung, gerade das Messen an einem Ideal, dem gegenüber sie Dekadenz- stufen darstellen, signalisiert, daß etwas mit den Projekten Corinnas und Treibeis faul ist, denen die Ehrengäste beim Diner dienen sollen. Die Professorentochter und der Kommerzienrat wollen mit „our army and navy“ Schlachten schlagen, die gerade mit ihnen nicht zu gewinnen sind. Da weder Corinna noch Treibei als groteske Charaktere angelegt sind,
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