Heft 
(1890) 02
Seite
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Ich? Flügel?" fragte Willy, dessen ganze Aufmerksamkeit wieder aus die Angelschnur gerichtet war.Unsinn! Wer wird sich Unmögliches wünschen!"

Ich wollte, ich hätte sie!" rief Hartmut aufflammend.Ich wollte, ich wäre einer von den Falken, von denen wir den Namen sichren. Dann stiege ich hoch empor, in die blaue Luft, immer höher, der Sonne entgegen, und käme nie, niemals wieder zurück!"

Ich glaube, Du'bist verrückt," sagte der junge Majorats- Herr gleichmüthig.Aber nun habe ich wieder nichts gefangen, der Fisch will heute durchaus nicht anbeißen, ich muß es einmal an einer andern Stelle versuchen."

Damit nahm er seine Angelgeräthschaften und ging hinüber nach der andern Seite des Weihers, während Hartmut sich Wieder­aus den Boden warf. Wer konnte auch von dem braven Willy verlangen, daß er sich mit dem Gedanken an Fliegen abgebe!

Es war einer jener Herbsttage, die für wenige kurze Mittag­stunden den Frühling zurück zu zaubern scheinen. Der Sonnen­schein war so golden, die Luft so mild, der Wald so frisch und duftig. Auf dem leuchtenden kleinen Gewässer tanzten Tausende von strahlenden Funken und leise und geheimuißvoll flüsterte das Schilf, wenn ein Windhauch darüber hinstrich.

Hartmut lag noch immer regungslos ausgestreckt und schien diesem Wehen und Flüstern zu lauschen. Verschwunden war die wilde Leidenschaftlichkeit, die Flamme, welche fast unheimlich in seinem Auge aufloderte, als er von dem Raubvogel sprach. Jetzt hingen diese Augen träumerisch an der strahlenden Himmelsbläue und es lag etwas wie verzehrende Sehnsucht in denselben.

Da nahten leise Schritte, fast unhörbar auf dem weichen Waldboden, und in den Gebüschen rauschte es, als streife sie ein seidenes Gewand. Jetzt theilten sie sich, eine Frauengestalt glitt lautlos daraus hervor und blieb dann stehen, den Blick unver­wandt auf den jungen Träumer gerichtet.

Hartmut!"

Der Gerufene fuhr auf und sprang dann rasch empor. Er­kannte weder die Stimme noch die fremde Erscheinung überhaupt, aber es war eine Dame, er machte ihr mit vollendeter Ritterlich­keit eine Verbeugung.

Gnädige Frau?"

Eine schmale, bebende Hand legte sich rasch und verbietend auf seinen Arm.

Still, nicht so laut! Dein Gefährte könnte uns hören, und ich habe nur mit Dir zu sprechen, Hartmut, mit Dir allein!"

Sie trat wieder zurück und winkte ihm, zu folgen. Hartmut zögerte einen Augenblick. Wie kam diese Fremde, deren Gesicht dicht verschleiert war, die ihrer Kleidung nach aber den vornehmen Ständen angehörte, an den einsamen Waldweiher, und was be­deutete dasDu" aus ihrem Munde ihm gegenüber, den sie zum erstenmal sah? Aber das Geheimnißvolle dieser Begegnung be­gann ihn zu reizen, er folgte.

Sie standen jetzt im Schutze des Gebüsches, wo sie von der andern Seite nicht gesehen werden konnten, und langsam schlug die Fremde den Schleier zurück. Sie war nicht mehr ganz jung, eine Frau von einigen dreißig Jahren, aber das Antlitz mit den dunklen, brennenden Augen besaß einen eigenartigen Zauber, und derselbe Reiz lag in ihrer Stimme, die, wenn auch im Flüster­ton, doch in weichen, tiefen Lauten klang, mit fremdartiger Be­tonung, als sei das Deutsch, das sie vollkommen fließend sprach, nicht ihre Muttersprache.

Hartmut, sieh mich an! Kennst Du mich wirklich nicht mehr? Hast Du keine Erinnerung aus Deiner Kinderzeit bewahrt, die Dir sagt, wer ich bin?"

Der junge Mann schüttelte langsam verneinend den Kopf, und doch tauchte jetzt eine Erinnerung in ihm auf, undeutlich und traumartig, als höre er diese Stimme nicht zum erstenmal, als habe er dies Antlitz scholl einmal gesehen in ferner, ferner Zeit. Halb scheu, halb gefesselt stand er da und blickte auf die Fremde, die jetzt plötzlich beide Arme nach ihm ausstreckte.

Mein Sohn, mein einziges Kind! Kennst Du Deine Mutter nicht ui ehr?"

Hartmut zuckte zusammen und wich zurück.

Meine Mutter ist ja todt!" sagte er halblaut.

Die Fremde lachte bitter aus, seltsam, es klang genau so wie jenes herbe unkindliche Lachen, das vorhin von den Lippen des Knaben gekommen war.

Das also war es! Man hat mich todt gesagt! Nicht ein­mal die Erinnerung an die Mutter wollte man Dir lassen. Es ist nicht wahr, Hartmut, ich lebe, ich stehe vor Dir, sieh mich an, sieh meine Züge, die auch die Deinen find. Das wenigstens hat man Dir nicht nehmen können. Kind meines Herzens, fühlst Du denn nicht, daß Du zu mir gehörst?"

Hartmut stand noch immer regungslos und blickte in das Antlitz, in dem er wie in einem Spiegel das seinige wiederfand. Es waren dieselben Linien, dasselbe üppige, bläulich schwarze Haar, dieselben großen, nachtdunklen Augen; ja selbst jener seltsame dämonische Ausdruck, der in dem Blick der Mutter wie eine Flamme loderte, glühte bereits als Funke in dem Auge des Sohnes. Die Ähnlichkeit schon bezeugte es, daß sie eines Blutes waren, und jetzt wachte die Stimme dieses Blutes auf in dem jungen Manne. Er forderte keine Erklärungen, keine Beweise, die traumartig verworrenen Erinnerungell aus seiner .Kinderzeit wurden plötzlich klar, noch ein kurzes, sekundenlanges Zögern, dann warf er sich in die Arme, die sich ihm entgegenstreckteu.

Mutter!"

In dem Ausrufe lag die ganze glühende Innigkeit des Knaben, der nie gewußt hatte, was es heißt, eine Mutter zu be fitzen, und der sich doch danach gesehnt hatte mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Natur! Seine Mutter! Jetzt lag er in ihren Armen, jetzt überschüttete sie ihn mit heißen Liebkosungen, mit süßen, zärtlichen Schmeichelnamen, wie er sie nie gehört - - es versank ihm alles andere in den Finthen dieses stürmischen Entzückens.

So vergingen einige Minuten, daun löste sich Hartmut aus den Armen, die ihn noch immer umschlungen hielten.

Warum bist Du niemals bei mir gewesen, Mama?" fragte er heftig.Warum hat mail mir gesagt, daß Du todt seiest?"

Zalika trat zurück, in einem Augenblick war all die Zärtlich keit ausgelöscht in ihren Zügen, es flammte dort auf wie wilder, tödlicher Haß und die Antwort kam fast zischend von ihren Lippen:

Weil Deiil Vater mich haßt, mein Sohn und weil er mir nicht einmal die Liebe meines einzigen Kindes lassen wollte, als er mich voll sich stieß!"

Hartmut schwieg betroffen. Er wußte freilich, daß der Name seiner Mutter nicht genannt werden durfte in Gegenwart des Vaters, daß dieser ihn mit der herbstell Strenge zurückgewieseu hatte, als er es einmal wagte, danach zu fragen, aber er war noch zu sehr Knabe gewesen, um über dasWarum" uachzugrübeln. Zalika ließ ihm auch jetzt keine Zeit dazu. Sie strich ihm das dichte Lockenhaar von der hohen Stirn, lind es flog wie ein Schatten über ihr Gesicht.

Die Stirn hast Du voll ihm!" sagte sie langsam.Das ist aber auch das einzige, was an ihn erinnert, alles andere ge­hört mir, mir allein. Jeder Zug spricht davon, daß Du mein bist ich wußte es ja!"

Sie schloß ihn voll neuem in die Arme und überschüttete ihn mit endlosen Zärtlichkeiten, die Hartmut ebenso leidenschaftlich erwiderte. Es war wie ein Rausch des Glückes, wie eins von den Märchen, die er sich so oft geträumt hatte, lind er gab sich fraglos und rückhaltlos diesem Zauber Hill.

Da machte sich Willy drüben am andern Ufer bemerclich. Er rief laut nach seinem Freunde und mahnte, daß es Zeit zur Heimkehr sei. Zalika fuhr empor.

Wir müssen uns trennen! Niemaud darf erfahren, daß ich Dich gesehen und gesprochen habe, vor allem Dein Vater nicht! Wann kehrst Du zu ihm zurück?"

In acht Tagen."

In acht Tagen erst?" Die Worte klangen fast triumphi- rend,und bis dahin sehe ich Dich täglich. Sei morgen um dieselbe Stunde hier am Weiher, Deinen Gefährten hältst Du unter irgend einem Vorwände zurück, damit wir ungestört sind. Du kommst doch, Hartmut?"

Gewiß, Mutter, aber"

Sie ließ ihm keine Zeit zu einem Eiuwurse, sondern fuhr ill demselben leidenschaftlichen Flüstertöne fort:

Vor allen Dingen Schweigen gegen jedermann, wer es auch sei. Vergiß das nicht! Leb' wohl, mein Kind, mein geliebter einziger Sohn, auf Wiedersehen!"