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Noch ein glühender Kuß auf die Stirn Hartmuts, dann tauchte sie wieder in das Gebüsch zurück, so lautlos wie sie gekommen war. Es war die höchste Zeit, gleich darauf erschien Willy, dessen Nahen sich nun allerdings nicht durch Lautlosigkeit auszeichnete, denn er stampfte nachdrücklichst den Rasen-mit seinen schweren Tritten.
„Warum giebst Du denn keine Antwort?" fragte er. „Ich rufe nun schon zum drittenmal, Du warst wohl eingeschlafen? Siehst auch ganz verträumt aus."
Hartmut stand in der That noch wie betäubt da und blickte
auf das Gebüsch, in dem seine Mutter verschwunden war. Jetzt richtete er sich auf und fuhr mit der Hand über die Stirn.
„Ja, ich habe geträumt," sagte er langsam. „Einen ganz seltsamen, wunderbaren Traum!"
„Du hättest lieber angeln sollen," meinte Willy. „Sieh, welch einen prächtigen Fang ich da drüben gemacht habe. Der Mensch darf nicht am Hellen lichten Tage träumen, er muß etwas Ordentliches thun — sagt meine Mutter — und meine Mutter hat immer recht!" (Fortsetzung folgt.)
Die Entdeckung der Wtquessen und Stanteys jüngster Afrikazug.
Ein geschichtlicher Rückblick von K.
^sber wenn auch ein noch so ^4 tapferer Mnth in meiner Brust glüht, eine noch so große Liebe zur Wahrheit, so giebt es
doch nichts, was ich lieber kennen lernen möchte, als die so viele Jahrhunderte lang verborgenen Anfänge des Stroms und seine unbekannte Quelle; man eröffne mir die sichere Aussicht, die Nilquellen zu sehen, und ich will vom Bürgerkriege Massen."
- Diese Worte legt der römische Dichter Lucan in seinem Epos „Pharsalia" Julius Cäsar in den Mund, und sie bezeichnen treffend das Interesse, welches von den Völkern des Alterthums der Nilforschnng entgegengebracht wurde. Den Forschern der damaligen Zeit erschien der gewaltige Strom, der, aus fernem Süden und wüsten Ländern kommend, zur bestimmten Zeit alljährlich aus seinen Ufern trat, als ein großes Geheimniß der Natur, dessen Enthüllung seit Anbeginn der geographischen Wissenschaft von den hervorragendsten Gelehrten angestrebt wurde. Schon Herodot sammelt im 5. Jahrhundert v. Ehr. Nachrichten über die Quellen des Nils, ohne zu einer entschiedenen Meinung zu gelangen. In späteren Werken, namentlich bei Eratosthenes (3. Jahrhundert v. Ehr.), taucht die Meinung auf, daß der Nil fern im Süden aus Seen entspringe, und diese Ansicht wird am klarsten von Ptolemäus ausgesprochen. Laut den Nachrichten, die er arabischen Kaufleuten verdankte, entspringt der Nil südlich vom Aequator auf den nördlichen Abhängen des Mondgebirges. Sechs kleinere Flüsse ergießen sich zunächst in zwei im Osten und Westen von einander gelegene Seen; aus jedem derselben entspringt ein Flußarm und beide vereinigen sich ein wenig nördlich vom Aequator. 'Ein dritter kleinerer See liegt nordöstlich von den beiden zuerst erwähnten unter dem Aequator selbst, und er nährt den Blauen Fluß oder den Nil Abessiniens.
Dies war der Stand der Wissenschaft im 2. Jahrhundert nach Christi Geburt, eine Darstellung der Nilquellen, die in großen Zügen durchaus zutreffend ist und die durch die rastlose Forscherarbeit unseres Jahrhunderts nach 1700 Jahren zu Ehren gebracht wird. Die Entdeckung der südwestlichsten Nilquellen ist das große geographische Ergebniß der letzten Expedition Stanleys; die endgültige Lösung eines Räthsels, das 24 Jahrhunderte die Menschen beschäftigte.
Die Expeditionen zur Entdeckung der Nilquellen beginnen schon frühzeitig. Die Stromschnellen bei Assuan, das eigentliche Thor Aegyptens, wurden überschritten, und Kaiser Nero sandte eine Expedition unter zwei Centurionen aus, um das „Haupt des Nils" (Ouxut Mi) zu finden. Sie drangen weit nach Süden vor, bis sich der Fluß in großen Sümpfen verlor, in denen es nur schmale Wasserrinnen gab, kaum für die kleinsten Kähne fahrbar. Die Centurionen nahmen eine Karte jener Gegend auf und kehrten zurück, um Nero den Bericht abzustatten. Wir wissen heute, daß auch diese Schilderung auf Wahrheit beruht. Der Weiße Nil wird oft durch das „Seit" oder die Grasbarre verstopft. Der klassische Papyrus, das wunderbare, in der Regenzeit mit ungeahnter Schnelligkeit emporwachsende Ambatschholz und ein scharfes, mit weißlichem Flaum bedecktes Gras, welches die Araber die „Mutter der Wolle" nennen, bilden hier an der Oberfläche des Stromes Wiesen, auf denen mitunter Rinder grasen können, und verstopfen den Fluß, daß er nur schmale Rinnen der Schiffahrt offen läßt, oder verstopfen ihn ganz und gar, daß die Barken ruhig liegen müssen und keine Macht sie vorwärts bringen kann.
Das Mittelalter brachte keinen Fortschritt der Nilforschung. Die Araber waren die Geographen Afrikas in jener Epoche; sie verwirrten das Bild des Ptolemäus, indem sie unter den Aequator nördlich von den beiden Nilseen des Ptolemäus noch einen dritten runden See setzten, aus dem nicht nur der Nil, sondern auch die andern damals bekannten großen Flüsse Afrikas, der Senegal und der Jnba, entspringen sollten.
Jahrhunderte vergingen, bis europäische Reisende in die Gebiete der Nilquellen eindrangen. Der erste, der sich rühmte, die Nilquellen gesehen zu haben, war Pero Paez, der während seines Aufenthaltes in Abessinien im Anfänge des 17. Jahrhunderts an die Quellen des Blauen Nils gelangte - eine Entdeckung, die von Jerome Lobo, der 1625 bis 1632 Abessinien bereiste, bestätigt wurde. Beider Angaben fanden jedoch nicht den genügenden Glauben, und 1768 bis 1773 unternahm der Schotte James Bruce von Kinnaird eine Reise nach Abessinien, besuchte den Tanasee, dem der Blaue Nil entströmt, und wurde zu dem Nilbrnnnen geführt, den er folgendermaßen beschreibt:
„Ich kam an die Raseninsel, welche die Gestalt eines Altars hatte und offenbar ein Werk der Kunst war, und stand voll Entzücken an der stärksten Quelle, die in der Mitte entspringt. Mau kann sich nicht denken, was in diesem Augenblicke in meiner Seele vorging; ich stand an der Stelle, welche seit beinahe dreitausend Jahren sich dem Geiste und der Forschung der ausgezeichnetsten Männer entzogen hatte. Könige hatten an der Spitze ihrer Heere diese Entdeckung versucht, aber ihre Versuche unterschieden sich nur von einander durch die größere oder geringere Zahl von Menschen, welche dabei zu Grunde gingen. Reichthum, Ehre und Ruhm waren seit einer Reihe von Jahrhunderten demjenigen geboten, der diese Aufgabe lösen würde, und es fand sich keiner, der die Neugierde der Fürsten zu befriedigen, die Wünsche der Geographen zu erfüllen und diesen Flecken von der Thatkraft der