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„Die Marie soll sich ja verheirathen wollen," sagte Wonneberger. „Ist es denn richtig, daß sie Kunstreiterin war und als Kind durch fünf Papierreifen gesprungen ist?"
„Ich habe sie nicht gezählt und es mögen wohl auch ihrer sieben gewesen sein. Aber fünf oder sieben, es ist eine forsche Person und sie hat so was, was nicht jede hat, und wenn sie so das Essen bringt und die Messer und Gabeln über den Tisch hinfliegen läßt, wie die chinesischen Messerspieler, dann denk' ich immer, es geht wieder los. Haben Sie 'mal solche Messerspieler gesehen?"
„Ei freilich, einen Messerspieler und einen Degenschlucker. Und waren noch dazu Brüder. Das 'Runterschlucken ging noch; aber wenn er dann die lange Klinge wieder 'raus holte . . . na, so was wird die Marie doch wohl nicht gemacht haben."
„Wer weiß! Sie hat so was Biegiges und da geht alles. Und dann, lieber Wonneberger, Sie glauben gar nicht, was die Weiber alles können, wenn sie wollen. Sie können eigentlich alles und wenn ich höre, Marie hat einen Windmühlflügel mit der Kniekehle festgehalten . . . aber hier ist ja schon die Mühle . . . Nu Gott befohlen, Wonneberger, und stecken Sie nicht immer mit dem Menz zusammen. Er hat jetzt seine zwei Monat' abgesessen und wenn ich ihn recht kenne, so ruht er nicht eher, als bis er die zwei Monat' auf zwei Jahre gebracht hat. Er ist ein Thnnichtgut und, was schlimmer ist, ein Uebermnth und ein hochfahrender Schlingel, der große Rosinen im Sack hat. Aber ich werde sorgen, daß sie klein werden."
Wonneberger wollte was zur Vertheidigung sagen, weil er eigentlich eine Liebe für Lehnert hatte. Opitz unterbrach ihn aber und fuhr fort: „Und Sie wissen doch, Freund, die Lehrer sollen ein gutes Beispiel geben. Der Liegnitzer Schulrath paßt auf und da steht man im schwarzen Buch, man weiß nicht wie: Reputation, Wouneberger! Immer aufpassen und nie vergessen, daß man Vorgesetzte hat und daß man dem Staat dient und daß man mitzählt. Alles andere gilt nicht und wenn es gelten will, ist es Hochmuth und Unsinn. Und nun Gott befohlen, Wonneberger. Und nehmen Sie sich in acht, wenn Sie weiterhin übers Wasser müssen; die Brücke ist weggeschwemmt und die Steine sind glatt und Sie sind nicht mehr ganz fest auf den Beinen. Adieu, Wonneberger! Sie sind eigentlich ein guter Kerl, eine gute Schulmeisterseele. Kommen Sie her, Sie sollen noch einen Kuß haben."
Und nun schieden sie wirklich und während der Lehrer höher bergan stieg, stieg Opitz einen Abhang nieder, der ihn unten, an einem Waldsaume hin, auf die Wolfshauer Gemarkung führte. Freundliche Häuser waren über einen weiten Wiesengrund hin ausgebreitet, durch den die Lomnitz schoß, an deren diesseitigem Ufer das Forsthaus, mit dem Hirschgeweih am Giebel, aufragte. Opitz, der jeden Steg kannte, nahm seinen Weg über eine hoch in Blumen Irnd Gräsern stehende Wiese hin und eh' er noch bis auf hundert Schritt an seine Gartenpforte heran war, schlug der große Kettenhund an lind die bis dahin stumm hinter ihm her trollende Diana antwortete mit einem kurzen Blaff.
Und wenige Minuten später überschritt Opitz die Schwelle seines Hauses.
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Frau Opitz, eine hagere Frau mit tiefliegenden dunklen Augen, die einmal schön und lachend gewesen sein mochten, jetzt aber nur noch geüngstigt in die Welt blickten, empfing ihren Mann und fragte, ob sie decken und das Mittagbrot auftragen solle.
So zaghaft die Worte klangen, so klang doch auch was von Vorwurf und Anklage heraus, was Opitzeu, trotz seiner Um- uebeltheit, nicht entging.
„Ach was, Bärbel, Mittagbrot! Was soll das wieder! Wenn ich nicht da bin, bin ich nicht da. Du sollst nicht auf mich warten, ein für allemal. Alles bloß Eigensinn, und mir zum Tort wird das Essen bei Seite gestellt und schmort in der Schüssel, daß es wie Leder aussieht und wie Leder schmeckt. Ich will Ordnung und Stunde halten, so soll's sein, und wenn ich die Stunde nicht halte, weil ich sie 'mal nicht halten will, nun dann will ich sie nicht halten und will nicht dran erinnert sein, am wenigsten durch Deinen Schmorbraten und Dein Jammer- gesicht, in dem immer so was liegt, was mich ärgert und was ich nicht leiden kann."
Diana, müde von dem weiten Marsche, war auf den Groß
vaterstuhl gesprungen und wollte sich's eben bequem machen. Aber das paßte Opitzen schlecht. „Ist denn alle Welt verrückt geworden?" rief er, und den Hund beim Fell Packend, warf er ihn auf die Erde und gab ihm einen Fußtritt. Danu ging er auf einen Schrank zu, nahm eine mit Rohr umflochtene Flasche heraus und trank. Es war Kirschwasser, zu dem er, mit oder ohne Grund, das Vertrauen hatte, daß es „Niederschlage". Daun hing er den Staatsrock an den Riegel, machte die Krawatte weiter und warf sich, einen Stuhl heranschiebend, aufs Bett. Und keine halbe Minute mehr, so hörte mau nur noch sein Athmen und Schnarchen. Diana kroch unter den Stuhl und die Frau Försterin verließ leise die Stube; draußen in' der Küche aber setzte sie sich zwischen Wand und Herd und ließ sich von Christine, die seit etwa zwei Jahrerl in ihrem Dienste stand, die Kaffeemühle geben und begann sofort ein allerintimstes Gespräch. Denn in einem ihr eigentümlichen Klageton über Ehe zu sprechen, war ihr so ziemlich das Liebste vom Leben, auf das sie nicht verzichten mochte, trotzdem sie wohl wußte, daß Christine durchaus abweichender Meinung war.
„Es war ihm wieder nicht recht, Christine! Und wenn ich es nicht warm stelle, ist es auch nicht recht. Er redet immer von Ordnung, aber jeden Tag hat er eine andere. Heb' ich was auf, weil er zu spät kommt, dann ist zwölf Uhr Ordnung und darf nichts aufgehoben werden, und heb' ich nichts auf, daun ist es Ordnung, daß eine Frau was aufhebt. Und immer grob und bullrig. Ich sage Dir, Christine, heirathe nicht! Du steckst so mit dem Lehnert zusammen, aber glaube mir, einer ist wie der andere."
„Nein, Frau Försterin, Lehnert ist doch ganz anders."
„Ja, das sagt Ihr, das sagt jede; jede denkt, ihrer ist besser und ihr wird der Kuchen besonders gebacken. Aber dem ist nicht so. Freilich hat er nicht solchen kurzen Hals wie Opitz und die Kurz- halsigen sind immer die schlimmsten, das ist wahr und kann ich nicht bestreiten, aber es bleibt doch dabei, sie sind sich gleich, oder wenigstens sehr ähnlich. Sie quälen uns bloß, heute mit Eifersucht und morgen mit Liebe."
„Na, mit Liebe, das ginge doch noch, Frau Opitz; das is doch nich schlimm! Liebe, denk ich mir, is die Hauptsache."
„Ja, Kind, das sagst Du wohl, weil Du noch jung bist. Da sieht es so aus. Aber nachher ist es alles anders und mit der Liebe auch. Und wenn man dann alt ist, ist man bloß noch dazu da, sich schimpfen und schelten zu lassen und Strümpfe zu stopfen und einen Knopf anzunäheu."
Christine versicherte das Gegentheil und schon ihre Mutter selig habe immer gesagt: „Christine, heirathen mußt Du, heirathen muß der Mensch! Und die, die viel schimpfen und schlagen, die sind auch gut und mitunter sind es die besten." „Und dann, Frau Opitz, ich habe doch auch schon gesehen, daß er Ihnen einen Kuß gegeben hat, und da waren Sie doch ganz vergnügt und so . . . ja, ich weiß nicht recht wie . . . Nein, nein, Frau Opitz, ich lasse mir nichts weismachen. Ich bin für heirathen, und wenn Lehnert nicht will, nu, dann will er nicht, daun will ein anderer. Ich werde schon einen finden. Und ich weiß auch, wie man's machen muß. Man muß nur immer fidel sein und immer PL sagen und nichts merken von dem, was man nicht merken soll. Dann kann man hinterher machen, was man will. Ach, liebe Frau Opitz, Sie verstehen es nicht, Sie sehen immer aus, als ob einer gestorben wär' oder eben dabei wär', und das können die Männer nicht leiden. Nein, nein, Frau Opitz, ich heirathe!"
Und während sie noch so sprach, nahm sie den Kessel vom Herd und brühte den Kaffee. „Nicht zu viel Wasser, Christine, nicht zu viel!" warnte die Frau; „Du weißt doch, daß er ihn gern stark hat, und weißt auch, was er immer dabei sagt: .Schwarz wie der Tod und heiß wie die Hölle', was mir immer einen Stich ins Herz giebt. Denn man soll vom Tod nicht so reden und am wenigsten, wenn man ein Förster ist. Da ist der Tod da, mall weiß nicht wie. Und schlagflüssig ist er auch und von dem verdammten starken Bier kann er nicht lassen. Und daun immer das Kirschwasser! M schlügt nieder,' sagt er. Ja, wenn es bloß i h n nicht niederschlägt..."
In diesem Augenblick fuhren beide Frauen erschreckt zusammen, denn in der Stube nebenan fiel etwas mit dumpfem Schlage zur Erde. Der Schreck währte indessen nicht lange. Frau Opitz erholte sich zuerst. „Er hat den Stuhl umgestoßeu und ich will nun hinein und Nachsehen, ob er ausgeschlafeu hat."
Opitz stand, als seine Frau eintrat, bereits vor dem kleinen