H u i t 1.
Roman von Theodor FZ-rrterrre.
(Fortsetzung.)
^ka, alles war still und leer geworden, und doch wurden Opitz
und seine Freunde beobachtet, nicht von Gästen draußen, deren es kaum noch gab, wohl aber von Gästen, die drinnen im Exnerschen Hause saßen und durch die Fenster der Gaststube nach der Holzlaube hinübersahen, kleine Leute von Querseiffen und Wolfshau her, Freunde Lehnerts, Führer und Träger, auch wohl Pascher und Wilderer, die hier wie herkömmlich nach dem Gottesdienst ihren Sonntag feierten. Allen gemeinsam war das Gedienthaben bei den „Görlitzern" oder den Siebenundvierzigern oder den Königsgrenadieren in Liegnitz, und kaum einer befand sich unter ihnen, der nicht die Kriegsdenkmünze getragen hätte. Von einer richtigen Mahlzeit war nicht die Rede, sie begnügten sich mit einem „Grünen" oder einer Stonsdorfer und die kleine Stummelpfeife ging nicht aus. !
„Opitz läßt heute was drauf gehn," sagte der dem Fenster ^ zunächst Sitzende. „Wenn ich recht gezählt Hab', ist er schon beim ! dritten Seidel und sieht aus wie'n Puter. Ihr sollt sehen, er ! trinkt sich noch den Schlag an den Hals, und eh' man den Schaden > recht besieht, ist er um die Ecke." ^
„Du mußt ihm heute was zu gute halten, Schmidt. Sieben- ! haar hat ja gepredigt, als ob Krummhübel und Wolfshau so was wie Sodom und Gomorrha wären. Und so was hört Opitz gern. Und was ihn am meisten gefreut haben wird, nu das ! war, daß Siebenhaar immer nach der Ecke hin sah, wo Lehnert i Menz saß, und es hätte bloß noch gefehlt, daß er ihn beim Namen ^ genannt hütt'. Und ich sah auch, wie Lehnert sich verfärbte."
„Ja," sagte Schmidt. „Und dabei hat Lehnert noch 'neu ! Stein bei ihm im Brett und ist eigentlich sein Liebling. Daß j er ihn, weil er so findig und anschlägig war, auf die Schule nach ! Janer geschickt hat, na, das wißt Ihr, und nun nimmt er doch ! Partei für den Opitz, der den Lehnert zwei Monat ins Jan ersehe ! Amtsgefüngniß geschickt hat. Ich versteh den Alten nicht und ich ! kann es mir mit seiner Predigt bloß so denken, daß er ein Unglück > verhüten will. Er weiß, daß es beide harte Steine sind und daß es ! kein gutes Ende nimmt, wenn nicht Friede wird. Einer muß klein beigeben und der eine muß Lehnert sein, weil es Opitz nicht sein kann. Er is doch nu 'mal ein Mann im Amt und sozusagen im ; Recht. Hol's der Teufel, daß ich das sagen muß. Und da hat ^ Siebenhaar ihn warnen wollen, ich meine den Lehnert, und ihn ; ermahnen, daß er zu Kreuze kriecht/' s
„Es wird aber nicht helfen. Is alles ein alter Schaden s noch von den Soldaten her und nun schon sieben Jahre zurück, s Opitz ist ein Quäler und Schuster und war es immer. Er hat ihn chikaniert vom ersten Tag an, ich weiß nicht warum. Ich ! glaube, Lehnert war ihm zu forsch und zu freiweg und nicht unterthänig genug, und ich erinnere mich, daß das ein ewiges Schnauzern war. ,Das will ein Jäger sein, Du mein Gott', .der Menz hat keinen Zug im Leibe', .der Menz hat keine Ehre', .der Menz hat keine Schneid'. Und so ging es weiter und nahm kein Ende, bis Menz den kleinen Fähnrich von Uttenhoven aus dem Wasser zog. Opitz natürlich spöttelte bloß, als sei's nichts gewesen, keine vier Fuß tief und der Fähnrich so leicht wie 'ne Feder; als dann aber die Medaille kam, da mußte Opitz still sein und von .nicht Ehre und nicht Schneid' war keine Rede mehr. Ich sage Euch, Major Griepenkerl, der damals das Bataillon hatte, der hielt eine Rede, Donnerwetter, der verstand es, das ging an die Nieren, und hätte sich alles wieder zurecht gezogen, wenn nicht der Krieg gekommen wür' und die Geschichte mit dem Kreuz. Opitz hat ihm das Kreuz gestohlen. Eine ganz verdammte Geschichte ..."
„Warst Du denn mit dabei?"
„Nein. Aber so gut wie mit dabei, denn ich stand in demselben Zug und habe den ganzen Spektakel, der nachher kam, mit erlebt. Alles war für Menz. Aber Opitz, der sich bei seinem Hauptmann — es war ein neuer, der alte war gefallen — in Thee gesetzt hatte, das versteht er, denn nach oben hin kriecht er ! und nach unten hin tritt er und schuhriegelt er, Opitz, sag' ich, ! wußt' es so zu drehen, daß Lehnert leer ausging und das Nach- ^ sehen hatte. Und von dem Tag an war der Unfrieden wieder da." ^
„Wie war es denn eigentlich? War es denn noch bei Sedan? Lehnert spricht nie davon."
„Nein, bei Sedan war es nicht. Bei Sedan, das war Spaß, trotzdem wir fünf Minuten lang scharf drinsteckten. Aber das ging vorüber wie 'ne Regenhnsche. Nein, dies war im Winter, als der französische General . . . nn, Donnerwetter, wie hieß er doch? Bazaine war es nicht ..."
„Ducrot."
„Richtig, Ducrot . . . als der seinen letzten Ausfall machte. Die dritte Kompagnie hielt die Vorderreihe von St. Cloud, und in dem Eckhause rechts, dran die große Straße vorbeilänft, lagen zwölf Jäger von uns unter Oberjäger Jaczewski, und bei diesen zwölfen war auch Lehnert. Nun, daß ich's kurz mache, die ganze Linie mußte zurück und der Angriff ging zuletzt auf das Eckhaus, das der Punkt war, auf den es ankam. Ging das Eckhaus auch verloren, so nahm man uns in die Flanke. Jaczewski fiel und das Kommando kam an Lehnert und da war bald keiner mehr, der nicht einen Denkzettel weggehabt hätte; Lehnerten, das Hab' ich nachher gesehen, wurde der Gesreitenknopf und der Ohrzipfel weggeschossen. Aber er wollte nichts von Uebergabe wissen und hielt ans, bis Unterstützung kam und die ganze Linie wieder genommen wurde."
„Und kein Kreuz? Das begreife wer kann! Du mein Gott, da waren doch die Aussagen der Leute!"
„Ja, die Aussagen der Leute. Die Leute, die lagen verwundet im Lazareth und ließen sich natürlich betimpeln und beschwatzen und sagten aus, was Opitz ihnen vorredete. Jaczewski habe das Kommando gehabt und Jaczewski sei gefallen . . ."
„Aber bist Du denn auch sicher, daß Opitz unrecht hatte? Menz ist ein forscher Kerl, aber er dünkt sich was, weil er auf Schulen war, und ist eitel und hält sich für mehr als er ist. Er hat einen Nagel."
„Ja, den hat er und es ist schwer, Friede mit ihm halten. Er hat so was wie Opitz selber und ist gleich aus dem Hänschen. Aber eins muß doch wahr bleiben, er is ein guter Kerl und ein guter Kamerad und dabei grundehrlich und läßt keinen im Stich, und wenn man ihn nicht reizt und ihm nicht widerspricht und ihm in seinem Willen zu Willen ist, dann ist er wie'n Kind und man kann ihn um den Finger wickeln."
„Das sag' ich auch. Und wenn Siebenhaar es recht angefangen hätte, na, dann hätt' er Opitzen angepredigt und dem ins Gewissen geredet und von den Geizigen und Hartherzigen gesprochen, die nicht ins Himmelreich kommen. Aber er hat den Spieß umgedreht und hat Opitzen recht gegeben. Und das ist nicht recht. Denn Opitz ist ein Narr und ein Quälgeist, und ich wollte bloß, er tränke sieben Seidel und hätte seinen Schlag weg. Dann wären wir ihn los und das arme Volk wär' ihn los, das in den Wald geht, und könnte sich ruhig sein bißchen Holz holen."
„Und wir könnten einen Spießer wegschießen, ohne Gefahr und Gericht. Und das ist doch immer die Hauptsache!"
4 .
Opitz hatte keine Eile, nach Hause zu kommen, und die dritte Nachmittagsstunde war fast schon heran, als er aufbrach und seinen Weg nach der Wolfshauer Försterei hin fortsetzte. Der alte Förster von der Annenkapelle blieb noch im Exnerschen Lokale zurück, ebenso Grenzjäger Kraatz, und nur Lehrer Wonneberger, der bis zur Obermühle hin denselben Weg mit Opitz hatte, schloß sich ihm an. Es war ein in wunderlichen Sprüngen gehendes Gespräch, das sie führten, erst über den Papst und das neue Dogma, dann über Mac Mahon, der viel zu gut für die Franzosen, und über den Corpskommandeur in Breslau, der zu lang im Dienste sei. All dies erledigten sie übrigens in kurzen Sätzen, um dann um so ausführlicher auf das Nächstliegende einzugehen, auf Siebenhaar, auf Exner, Vater und Sohn, auf den alten Laboranten Zölfel mit seinem Melissengeist und seinen Wundertropfen und auf das Blitzmädel, „die schwarze Marie".