Heft 
(1890) 02
Seite
34
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Fürsorge für Genesende.

^u den Anstalten, welche im Dienste edelster Menschlichkeit stehen, ge-

hören unsere Krankenhäuser, in denen nicht nur die armen, sondern selbst die reichen Kranken Hilfe und liebevolle Pflege finden. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist vieles geschehen, um diese Anstalten reicher aus­zustatten und zu vervollkommnen nach den Fortschritten der Wissenschaft. Wie viel Segen sie gestiftet haben und tagtäglich stiften, ist allbekannt: die Krankenhäuser sind unentbehrliche, fest eingebürgerte Einrichtungen, deren weitere Entwickelung man der Sorge der Aerzte und Gemeinden anvertraut. Und doch dringt heute gerade aus den Krankenhäusern ein Ruf in die Oeffentlichkeit, welcher sich an den gemeinnützigen Sinn und die Opferfreudigkeit der Mitbürger wendet ein Ruf, welcher neue edle Zwecke verfolgt und nicht ungehört Verhallen darf.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Krankenhäuser den Patienten nur bis zu einer gewissen Grenze Hilfe leihen können; ihre Aufgabe be­steht darin, den Kranken zu heilen, die Lebensgefahr abzuwenden; ist diese Heilung erfolgt, so wird der Kranke entlassen. Die Heilung in dem hier gebräuchlichen Sinne des Wortes ist jedoch nicht gleichbedeutend mit völliger Wiederherstellung. Wir wissen alle, daß nach schwereren und länger dauernden Krankheiten der Kranke sich nur allmählich erholt; er ist noch schwach, er muß noch für Kräftigung sorgen, er darf sich An­strengungen nicht zumuthen; er ist noch kein Gesunder, sondern erst ein Genesender, einRekonvalescent", und als solcher bedarf er noch richtiger Schonung und Pflege.

Die Krankenhäuser sind nicht in der Lage, sich der Pflege der Ge­nesenden zu widmen; einmal sind sie überall so sehr überfüllt, es kommen immer so viel neue schwere Kranke hinzu, daß die Genesenden den Hilfs­bedürftigeren den Platz räumen müssen; andererseits ist das Krankenhaus kein geeigneter Aufenthalt für den Genesenden. Es fehlt ihm hier die Freiheit der Bewegung, namentlich in frischer Luft; die Anwesenheit Schwerkranker und der ernste Gang der Geschäfte wirken auf seinen seelischen Zustand nicht günstig ein, und außerdem ist er hier auch der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt.

Aus dem Hospital entlassen! Wie viele freuen sich, wenn sie durch das Thor der Anstalt schreiten können, um wieder in das volle Leben einzutreten, zu wirken und zu schaffen! Wie viele gehen aber noch schwankenden Schrittes mit bleichem Angesicht nach ihrem ärmlichen Heim! Der Winter ist da, der Schneesturm tobt und der Entlassene betritt seine Wohnung. In zahllosen Fällen ist diese Wohnung völlig ungenügend, dumpf und modrig, niemals vom lichten Sonnenstrahl erhellt. Und heute sieht es hier noch trauriger aus als vor ein paar Wochen. Die Krank­heit des Familienernährers hat den Ausfall des Verdienstes zur Folge gehabt, und mit der Krankheit haben Entbehrung und oft Noth ihren Einzug in die kleine Wohnung gehalten. Man lebt hier von Wind und Hoffnung; das können eine Zeit lang Gesunde ertragen, bis sie sich empor­gearbeitet haben aber der Genesende erwirbt sich in einem solchen Ringen um das Dasein nur zu oft den Keim zu neuem, tieferem, unheilbarem Siechthum. Diese Schattenseiten des Lebens waren längst bekannt und edle Menschen nahmen sich von jeher der Pflege der Schwachen an; jetzt greift in solchen Fällen unsere sociale Gesetzgebung durch ihre Krankenkassen viel­fach helfend ein; aber Nächstenliebe und Geld sind nicht immer ausreichend.

Schon in früheren Jahrhunderten warman auf den Gedanken gekommen, für die Genesenden besondere Anstalten,Genesungshäuser" oderRekon- valescentenheime" zu schaffen und so das Werk der Krankenpflege ganz durchzuführen. Es gab im 17. und 18. Jahrhundert in Frankeich eine große Anzahl solcher Anstalten, aber die Stürme der Revolution haben sie weggefegt.

Erst in der Mitte unseres Jahrhunderts regte sich dieser Gedanke von neuem. Frankreich und England hatten den Anfang gemacht, und ihnen schloß sich Deutschland an. Schon in: Jahre 1861 wurde in München die Gründung eines solchen Heimes von demVerein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Rekonvalescenteu" angeregt und durch eine große Schenkung Ludwigs 1. und ein Vermächtniß des Münchener Bürgers Adelmann gesichert, und so entstand ein Heim, welches leider nur 20 Betten hatte, aber doch reichen Nutzen stiftete. Im Jahre 1869 wurde die Frankfurter Rekonvalescentenanstalt begründet, eine Stunde von der Stadt inmitten eines Gartens gelegen; sie ist eine Zweiganstalt des Heiligen- Geist-Hospitals, war aber bis jetzt nur während des Sommers geöffnet.

Nach dem Kriege von 1870/71 sahen wir in dem wiedergewon­nenen Elsaß vielleicht das schönste deutsche Heim für Genesende ent­stehen. Im Jahre 1876 vermachte der durch wahre Menschenliebe aus­gezeichnete Straßburger Bürger Johann August Ehrmann sein nahezu 2 Millionen Mark betragendes Vermögen für gemeinnützige Zwecke, und über 800 000 Mark davon waren zur Errichtung und Erhaltung eines Heims für Genesende bestimmt, welches den Namen von des Stifters Mutter Lovisa tragen sollte. Bald darauf erhob sich diesesLovisa- Hofpital" in dem Straßburger Vorort Ruprechtsau, mitten in einem großen Parke mit schattigen Alleen, umgeben von Wiesen und Obstgärten. In den letzten Jahren errichteten für Berlin die Johanniter, sowie die Orts- und Berufskrankenkassen Heime für Genesende in Lichterfelde mit 25 Betten und in Heinersdorf und Blankenburg mit 50 Betten. Zu­letzt ist noch in Nürnberg eine derartige Anstalt mit 24 Betten entstanden, und in München wird eine zweite für 80 bis 100 Betten gebaut, während für Leipzig durch eine Stiftung von Vr. W. Schwabe auf zwei Gütern im Erzgebirge ähnliche Anstalten ins Leben gerufen worden find.

So ist diese Angelegenheit längst über die Zeit der Versuche hinaus, überall ist man mit den erzielten Ergebnissen überaus zufrieden und mit Recht fordert man weitere Kreise zur Nachahmung auf. Wie selbst kleinere Anstalten segensreich wirken können, ersehen wir aus der Thatsache, daß die Münchener Anstalt mit einem Belegraum von nur 20 Betten jährlich 300 Genesende verpflegt hat.

Die Heime für Genesende sind noch in einer anderen Beziehung be- achtenswerth:Niemand ist für Wohlthaten, für liebevolle Pflege empfäng­licher und dankbarer als ein von schwerer Krankheit Genesender; er ist der günstigsten Einwirkung auf Gemüth und Charakter zugänglich. Man kann diese ethische Seite nicht hoch genug anschlagen, insbesondere für die große Kategorie der männlichen und weiblichen Dienstboten und allein­stehenden Arbeiter, welche ihren Verdienst verloren haben und nicht wiffeu, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen. Auch finden die Pfleglinge in ihren Bemühungen nach neuen Arbeitsstellen hier Hilfe und Rath." So äußerte sich ein Gewährsmann auf diesem Gebiete, Professor Or. v. Ziemssen in München, auf der vorjährigen Versammlung desdeutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege"; der Verein tagte in Straßburg und die Mitglieder konnten sich durch den Augenschein von dem segensreichen Wirken desLoVisahospitals" überzeugen.

Wir zweifeln nicht, daß unsere Berufsgenossenschaften die Errichtung solcher Heime anstreben und daß die Gemeinden sie dabei unterstützen werden; aber wir möchten auch au den Gemeinsinn und die Opferfreudig­keit der Mitbürger einen Mahnruf richten, für die unbemittelten Genesen­den Stätten zu schaffen,wo sie dasjenige finden, was dem Wohlhaben­den im Kreise seiner Familie geboten wird, eine dem Körper wie dem Gemüth gleich wohlthuende Pflege". *

Wl'ätteu und Wtüthen.

Jes Hodes Gimte unter nuferen Archtern. Rasch hinter einander hat der Tod zwei deutsche Dichter dahingerafft, die, so verschiedenartig sie sonst in ihrem Wesen und Schaffen waren, doch beide ein vollgrünend Reis am Baume der deutschen Dichtkunst bildeten, Richard Leander und Ludwig Anzengruber. Hinter dem NamenRichard Leander" hat sich bekanntlich niemand anders als der berühmte Chirurg Richard v. Volkmann verborgen, der am 28. November vorigen Jahres in Halle gestorben ist. Die Wissenschaft beklagt in dem Tode dieses Gelehrten einen unersetzlichen Verlust. Richard v. Volkmann, am 17. August 1830 geboren, seit 1857 Universitätslehrer in Halle und feit 1867 ordentlicher Professor der Chirurgie, hat sich durch zahlreiche Beiträge zu seiner Wissenschaft und durch feille Bemühungen zur Einführung der antisepti­schen Wundbehandlung einen Namen gemacht, welchem seine Thätigkeit in: deutsch-französischen Kriege, dem er als Generalarzt beiwohnte, neuen Glanz verlieh.

Merkwürdigerweise war es dieser Krieg mit allen seinen Schrecken, durch den Volkmann zu dichterischen Schöpfungen angeregt wurde. Unter dem schon angeführten Namen Richard Leander ließ erTräumereien an französischen Kaminen" (1871) erscheinen, Märchen, die, wie er selbst sagt,aus der Liebe zu deutscher Art und deutschem Wesen hervorgewachsen sind" und in der Fremde, an französischen Kaminen, den Dichter selbst mit ihrem heimatlichen Zauber bannten. Diese Märchen sind voll inniger Empfindung und in edler Form ausgeprägt. In feinenGedichten" (1877) weht eine frische Liebes- und Lebenslust; einzelne Lieder wie Erster Frühling" enthalten prächtige Naturbilder mit einem oft hin­reißenden Schwung. Die letzte Gabe des Dichters waren die in alter- thümlicher Gewandung erscheinenden, frischen und farbenbunten Gedichte Alte und neue Troubadourlieder" (1889).

Ein Lebens- und Charakterbild Anzengrubers haben wir in: Jahrgang

1879 derGartenlaube" unter dem TitelEin Schillerpreisgekrönter" ge geben. Jüngst erst wurde der fünfzigjährige Geburtstag des Dichters gefeiert; zahlreiche Zuschriften und Glückwünsche bezeugten, daß er Ver­ehrer und Verehrerinnen in den weitesten Kreisen, auch außerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle, gefunden. Jetzt kommt die traurige Kunde feines Todes: er ist am 10. Dezember in Wien gestorben. Erst vor kurzem hatte dieDeutsche Genossenschaft dramatischer Autoren" ihn an Joseph von Weckens Stelle zum Vorstandsmitglied und Vertreter ihrer Interessen in Wien gewählte Anzengruber war ein Volksdichter, und doch hat er als solcher den Schillerpreis erhalten: ein Beweis dafür, daß in feinen Volks- und Dialektfchauspielen, abgesehen von der markigen realisti­schen Kraft der Gestaltung, auch ein höherer Geist waltet, der, trotz der gänzlich abweichenden Form der künstlerischen Einkleidung, etwas Ver­wandtes mit dem Genius unseres großen Dichters hat.

Und in der That ist seinen meisten Stücken ein Grundgedanke eigen, der eine tiefere menfchheitliche Bedeutung hat und aus einer edeln, echt menschenfreundlichen Gesinnung hervorgegangen ist. Dies gilt von feinem ersten Stück:Der Pfarrer von Kirchfeld", wie von feinem letzten:Der Fleck auf der Ehr'", mit welchem das Wiener Volkstheater seine Vor­stellungen eröffnete und welches gegenwärtig die Runde über die deutschen Bühnen macht. Geboren am 29. November 1839 zu Wien, hat Anzen­gruber fein fünfzigstes Lebensjahr nur um zehn Tage überschritten. Eines kleinen Beamten Sohn, hat er nur spärlichen Unterricht genossen: er war sieben Jahre lang Schauspieler, eine Zeit lang Polizeibeamter. Den einzigen Sonnenschein in sein Leben brachten die Erfolge feiner Dramen und der auszeichnende Schillerpreis. Außer demPfarrer von Kirchfeld" werden besondersDer Meineidbauer",Die Kreuzelschreiber",Der G'wissenswurm" von seiner kräftigen dramatischen Art ein dauerndes Zeugniß ablegen. st