Heft 
(1890) 08
Seite
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Das junge Mädchen hatte etwas ungemein Anmuthiges und ! Graziöses in den Bewegungen, wie in der ganzen Erscheinung/ aber das Köpfchen mit dem krausen dunklen Haar, das sich unter dem Hute hervordrängte, wurde mit unverkennbarem Selbstbewußt­sein getragen. Das Gesicht war ziemlich unregelmäßig in seinen Formen, aber allerliebst mit den schelmischen dunklen Augen und denl kleinen rosigen Munde, um den ein Zug von Trotz lag, und die beiden Grübchen im Kinn machten es vollends reizend. Der ^ graue Reiseanzug war trotz seiner Einfachheit doch äußerst ge- ; schmackvoll und trug allen Anforderungen der Mode Rechnung zu den biederen Kleinstädtern von Waldhofen gehörte die junge ' Reisende offenbar nicht.

Der Weg zeigte sich jenseit der Biegung wirklich etwas trockener, doch mußte man fortgesetzt den schmalen Wall benutzen, ! auf dem die Hecken standen, und bisweilen über nasse Stellen l hinwegspringen. Dabei ließ sich nun allerdings keine Unterhaltung ! führen und Willy dachte auch nicht daran, sie einzuleiten, er trug geduldig seinen Koffer und nahm es ebenso geduldig hin, daß seine !! Begleiterin sich gar nicht weiter um ihn kümmerte, bis sie nach etwa zehn Minuten an der niedrigen Pforte eines Gartens standen.

Die junge Dame beugte sich über die Staketen des Pförtchens und schob einen von innen angebrachten Holzriegel zurück, dann wandte sie sich um.

Ich danke, mein Herr! Bitte, geben Sie mir jetzt mein Gepäck!"

Das Köfferchen war trotz seines geringen Umfanges doch ziemlich schwer, viel zu schwer für die kleinen Hände, die danach griffen. Willibald bekam plötzlich einen Anfall von Ritterlichkeit, die sonst gar nicht seine Sache war, und erklärte, er werde den Koffer bis in das Haus tragen, was mit einem kurzen gnädigen Kopfnicken angenommen wurde. Sie schritten durch den kleinen, aber sehr sorgfältig gepflegten Garten bis zu einen: alten ein­fachen Hause und traten durch die Hinterthür in den dämmerig kühlen Hausflur, wo ihr Erscheinen sofort bemerkt wurde. Eine alte Magd stürzte eiligst aus der Küche herbei.

Fräulein! Fräulein Marietta! Sie kommen heute schon? Ach, welche Freude wird"

Sie kam nicht weiter, denn Marietta flog auf sie zu und drückte ihr die Hand auf den Mund.

Still doch, Babette! Sprich leise, es soll ja eine Ueberraschung sein! Ist der Großpapa zu Haus?"

Jawohl, der Herr Doktor ist im Studierzimmer. Wollen Sie hineingehen, Fräulein?"

Nein, ich schleiche mich in das Wohnzimmer, setze mich ganz leise an das Klavier und singe ihm sein Lieblingslied. Vor­sichtig, Babette, daß er uns nicht hört!"

Sie huschte leicht und lautlos wie eine Elfe nach der andern Seite des Hauses und öffnete die Thür eines zu ebener Erde gelegenen Zimmers; Babette, die in der Ueberraschung und Freude über die Ankunft ihres Fräuleins gar nicht bemerkte, daß noch jemand in dem halbdunklen Hausflur stand, folgte ihr. Die Thür blieb weit offen, man hörte, wie vorsichtig ein Deckel zurück­geklappt und ein Stuhl gerückt wurde, dann begann ein leises Präludiren, dünne, zitternde Klänge, die offenbar einem alten, ehrwürdigen Spinett entlockt wurden, aber es klang wie Harfen­

ton,, und nun.erhob sich eine Stimme, hell und süß wie Lerchen­

gesang und jubelnd wie dieser.

Das dauerte freilich nur wenige Minute::, daun wurde hastig die gegenüberliegende Thür aufgerissen und ein alter Mann mit weißen Haaren erschien auf der Schwelle.

Marietta! Meine Marietta, bist Du es wirklich?"

Großpapa!" klang es jubelnd zurück, der Gesang brach plötzlich ab und Marietta hing an des Großvaters Halse.

Du böses Kind, wie Du mich erschreckt hast!" schalt er zärtlich.Ich erwartete Dich ja erst übermorgen und wollte Dir bis zur Bahnstation entgegenkommen, da höre ich plötzlich Deine Stimme im Wohnzimmer, ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen."

Das junge Mädchen lachte fröhlich auf wie ein ausge­lassenes Kind.

Ja, die Ueberraschung ist gelungen; gelt, Großpapa? Ich bin ja eigens deswegen den Gartenweg gefahren und richtig mit dem Wagen in: Sumpfe stecken geblieben. Ich kam zur Hinter­thür herein und was willst Du denn, Babette?"

Fräulein, der Kofferträger ist noch da," sagte die alte Magd, die jetzt erst den Fremden bemerkt hatte,soll ich ihm ein Trinkgeld geben?"

Der junge Majoratsherr stand noch immer da mit dem Koffer in der Hand, jetzt aber wandte sich auch Doktor Volkmar um und rief erschrocken:

Mein Gott Herr von Eschenhagen!"

Kennst Du den Herrn?" fragte Marietta, ohne besondere Verwunderung, denn ihr Großvater kannte ja in seiner Eigenschaft als Arzt ganz Waldhofen und dessen Nachbarschaft.

Allerdings! Aber Babette, so nimm dem Herrn doch den Koffer ab! Ich bitte um Entschuldigung, ich wußte nicht, daß Sie schon mit meiner Enkelin bekannt seien."

Nein, wir kennen uns nicht im mindesten," sagte das junge Mädchen,willst Du mir den Herrn nicht vorstellen, Großpapa?"

Gewiß, mein Kind Herr Willibald von Eschenhagen auf Burgsdorf"

Tonis Bräutigam!" fiel Marietta fröhlich ein.O, wie komisch, daß wir uns so kennen lernen mußten, mitten im Sumpfe! Wenn ich das gewußt hätte, dann würde ich Sie nicht so schlecht behandelt haben, Herr von Eschenhagen. Ich ließ Sie ja wie einen wirklichen Kofferträger immer hinter mir drein laufen! Aber weshalb sagten Sie denn nicht ein Wort?"

Willibald sagte auch jetzt nichts, sondern blickte stumm auf die kleine Hand, die sich ihm vertraulich entgegenstreckte. Da er doch aber fühlte, daß er irgend etwas thun oder sagen müsse, so ergriff er das rosige Händchen und drückte und schüttelte es kräftiglich mit seiner Hünenfaust.

Au!" rief die junge Dame, indem sie entsetzt zurückwich. Sie haben ja einen fürchterlichen Händedruck, Herr von Eschen­hagen! Ich glaube, Sie haben mir die Finger zerbrochen."

Willibald wurde dunkelroth vor Verlegenheit und stotterte eine Entschuldigung. Glücklicherweise mischte sich aber jetzt der Doktor ein und bat ihn, näher zu treten.

(Fortsetzung folgt.)

Gin Widerschein der französischen Hlevolulion

Vo» I. A. r>. Wirrtsrfeld.

Alle Rechte Vorbehalten.

deenschweben in der Luft", sagt man, und man bezeichnet damit nicht immer ihre Haltlosigkeit, ihre mangelhafte Be­gründung, sondern noch mehr die geflügelte Natur, wie sie den Kindern der Lüfte eigen ist. Unbekümmert um räumliche Schranken überfliegen sie die Lande, unfaßbar, ungreifbar sind sie da, mit ihrem erquickenden Wehen frisches Leben in müde, gedrückte Geister zu ergießen oder auch mit dem Gluthhauch der Leidenschaft Schrecken und Verderben zu verbreiten.

Der hundertste Jahrestag der französischen Revolution hat vielfach der geschichtlichen Forschung Veranlassung gegeben, den Spuren dieser Riesenumwälzung im Reiche der Geister auch in die Gegenden zu folgen, die vom eigentlichen Schauplatze der weltgeschichtlichen Begebenheiten weitab liegen, und es bietet ein

höchst merkwürdiges Schauspiel, zu beobachte::, wie unter dem Einfluß der Fahrenden Zeitideen überall die Flämmchen der poli­tischen Aufregung emporzucken, wenn sie auch nirgends so zun: verheerenden Brande zusammenlodern wie in Frankreich.

Von diesem Gesichtspunkte aus verdient auch ein Ereigniß Beachtung, das vor etwa einem Jahrhundert im damaligen Kur­fürstenthum Sachsen sich zutrug, der sächsische Bauernauf-, oder wie man es jetzt wohl mit einem neuerdings geläufig gewordenen Ausdrucke bezeichnen würde, Bauernausstand.

Die Lage des Bauernstandes im Kurfürstenthum Sachsen war auch in den Landestheilen, in welchen die Leibeigenschaft nicht herrschte in der Oberlausitz bestand sie bis 1832 eine keineswegs leichte und erfreuliche. Frondienste, Zinsen, Lieferungen