Heft 
(1890) 08
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und Steuern erschwerten dem Landmann den Kampf ums Dasein und erregten jedoch, wie wir sehen werden, nicht ohne Anregung von außen - einen allgemeinen Ausbruch seiner Unzufriedenheit.

Im August des Jahres 1790 verweigerten plötzlich die Bauern der Lommatzscher Pflege fast einmüthig die Leistung der Frondienste und Erbzinsen. Die Auflehnung war nicht wider den Staat, sondern wider die Gutsherren gerichtet, denn die ^ Bauern erklärten, sie wollten die kurfürstlichen, nicht aber ferner ^ die gutsherrlichen Abgaben und Dienste leisten. Die einzelnen ! Dorfschaften waren durch eine feste Organisation und geregelte ^ Verpflichtungen mit einander verbunden. Diebstahl und Plünderung ^ wurde zwar nicht geduldet, jedoch trug man kein Bedenken, die § Gutsherren mit sanfter Gewalt zu allerlei schriftlichen Zugeständ- ^ nisten wie Erlaß der Fronden und sogar Abtretung von Feldern : und Wiesen zu uöthigen. !

Als man nachforschte, woher der Geist des Aufstandes und der Widersetzlichkeit plötzlich über die sonst so friedlichen Bauern gekommen war, stellte sich folgendes heraus: Im Sommer 1790 war von unbekannter Seite eine geschriebene Aufforderung an das gräflich Bünausche Städtchen Lauenstein gelangt und dort verbreitet worden, die Einwohner möchten sich bereit halten, sich an die 10 000 Mann anzuschließen, welche nach Pillnitz ziehen würden, um den Kurfürstenim Triumph mit fliegenden Fahnen und unter klingendem Spiel" von dort nach Dresden zu führen. Wie man sieht, war es auf eine Nachahmung der Vorgänge ab­gesehen, welche sich wenige Monate früher in der französischen Hauptstadt abgespielt hatten, als der Pariser Pöbel am 6. Oktober 1789 Ludwig XVI. von Versailles.nach Paris entführte.

Dann sollte der Kurfürst, wie es weiter in dem Aufruf hieß, folgenden Forderungen seine Bestätigung geben: 1. Absetzung aller derjenigen, welche Sachsen unglücklich machten, und Einziehung ihrer Güter. 2. Errichtung einer Nationalgarde zu Fuß und zu Pferde. 3. Umänderung des Acciswesens. 4. Beschränkung der Rittergutsbesitzer,damit sie Sachsen nicht zu einer Wüste und Einöde machten". 5. Verbot des Wildhegens. 6. Entfernung aller Rechtspraktikanten, sofern sie nicht eine wirkliche Bestallung hätten. 7. Bessere Einrichtung des Kultusministeriums. 8. Auf­hebung der Fleisch- und Tranksteuer. Jeder der Mitziehenden sollte sich für einige Tage mit Lebensmitteln versehen. Die Sammelplätze seien Dohna und Liebstadt. Die Orte, welche sich nicht anschlössen, sollten geplündert werden.

Auch in diesen Forderungen, von denen manche vielleicht nicht ganz unberechtigt waren, entdeckt man ohne Mühe das französische Vorbild, so namentlich in dem Verlangen der Er­richtung einer Nationalgarde. Bekanntlich waren dieAnräe8 truu^ui868", nachdem sie sich bei der Einnahme der Bastille be­theiligt hatten, in dieZurä68 unti 0 uul 68 " umgewandelt worden.

Als Verfasser und Verbreiter des Aufrufes wurde ein sonst nicht übel beleumundeter Mann Namens Geißler aus Liebstadt ausfindig gemacht. Nachdem die Aerzte erklärt hatten, daß er unter der Einwirkung einer fixen Idee gehandelt haben müsse, wurde er als irrsinnig behandelt und in die Irrenanstalt zu Torgau gebracht, jedoch nach einigen Jahren wieder entlasten, da er sich durchaus vernünftig betrug. , Jedenfalls war die Kunde von den Vorgängen in Frankreich zu ihm gedrungen und hatte seine Einbildungskraft derartig entflammt, daß er den Versuch wagte, etwas Aehnliches in Sachsen in Scene zu setzen.

Der Zeitpunkt für den Ausbruch der Unruhen war für die Bauern nicht ungeschickt gewählt: gerade zur Erntezeit geriethen die Gutsherren durch die Verweigerung der Frondienste in die größte Verlegenheit, wie sie die Ernte einbringen sollten. Manche von ihnen ließen sich daher Zur Nachgiebigkeit herbei, nur damit der reiche Erntesegen nicht auf den Feldern umkomme. Uebrigens behaupteten die Bauern, es geschehe alles mit Vorwissen des Kurfürsten, und es wurde dies anfänglich theilweise um so eher geglaubt, als die Regierung sicherst ziemlich spät entschloß, wider dieses Treiben einzuschreiten. Erst als es zur MWcmlllnng kurfürstlicher Beamten, zur Entwaffnung militärischer Posten und zur gewaltsamen Befreiung Verhafteter gekommen war, ergriff die Regierung ernste Maßregeln. Sie beauftragte eine aus dem Kanzler v. Burgsdorf und den Justizräthen v. Brand und v. Watzdorf zusammengesetzte Kommission mit der Untersuchung der Vorgänge und mit der Herstellung der Ordnung, indem sie ihr zugleich ein aus fünf Bataillonen Infanterie und acht Schwa­

dronen Kavallerie bestehendes Truppencorps unter dem Oberbefehl des Generals von Boblick, der sein Hauptquartier erst in Meisten, dann in Lommatzsch hatte, zur Verfügung stellte. Da die Berg­leute in Freiberg ebenfalls die Arbeit einstellten und eine drohende Haltung annahmen, so wurde auch dorthin ein Truppenkvmmando entsendet.

Die Kommission begann ihre Thätigkeit damit, daß sie am 26. August eine scharfe Aufruhrvermahnung erließ und dann zur Untersuchung in den einzelnen Ortschaften schritt.

Zu größeren Kämpfen kam es nicht. Bei Pinnewitz wurden die Bauern, welche Miene machten, Widerstand zu leisten, unter großer Heiterkeit der Kavalleristen mit flacher Klinge auseinander­gesprengt, wobei acht verhaftet wurden. Bei Burgstädtel trieben 30 Kürassiere unter dem Lieutenant von Lichtenhain 1200 Bauern, die sich mit Steinwürfen und Knütteln zur Wehre setzten, aus­einander.

Auch auf dem Rittergute Hirschstein bei Meißen, dem Besitz- thum des Kabinettsministers Grafen Loß, hatten die Bauern, um ihren Gutsherrn zum Nachgeben zu zwingen, die ihnen obliegen­den Dienstleistungen eingestellt. Sein. Amt nöthigte den Grafen, in Dresden zu wohnen, und dort hätten sich ihm die Streikenden nur mit bescheidenen Bitten nähern können, nicht aber mit ge­bieterischen Forderungen. Um ihn in ihre Gewalt zu bekommen, ließen sie ihm daher eine schriftliche Aufforderung zugehen, er möge sich am 28. August in Hirschstein einfinden, widrigenfalls er sehen werde, wie es seinem Gute ergehen würde."

Trotzdem erschien der Graf nicht, dafür aber die obenge­nannte Kommission nebst 200 Mann Infanterie und 80 Dra­gonern. Kurz bevor sie Hirschstein erreichten, ertönte plötzlich ein Böllerschuß in den Weinbergen, wahrscheinlich als Warnungs­zeichen, worauf eine Anzahl Leute, welche sich bei Hirschstein ver­sammelt hatte, nach allen Seiten auseinanderstob, vermutlich um die verschiedenen Gemeinden zu warnen, daß sie sich fern hielten.

Da kein einziger Bauer im Schlosse zu Hirschstein erschien, so wurden alle dazu gehörigen Gemeinden zu möglichst zahlreichem Erscheinen eingeladen, weil der Kanzler im Aufträge des Kur­fürsten ihnen etwas mitzutheilen und außerdem im Namen des Gutsherrn mit ihnen zu verhandeln habe.

Die Bauern fanden sich jedoch nur langsam und zögernd ein. Als der Kanzler, der warten wollte, bis eine größere An­zahl beisammen war, die bereits Erschienenen befragte, wie sie auf solche Dinge hätten kommen können, antwortete ein alter Bauer:Das wissen wir selber nicht recht. Es muß doch wohl Gottes Wille sein, daß die Bauern auch einmal frei werden sollen; sonst wäre es wohl nicht so geschwind und so einstimmig zugegangen, wie wenn alles längst verabredet gewesen wäre."

Endlich waren die Vertreter der sämmtlichen Gemeinden da und die eigentlichen Verhandlungen konnten beginnen. Der

Schauplatz derselben war der Hof des reizend auf einem jäh zur Elbe abfallenden Granitfelsen gelegenen Schlosses Hirschstein, das nach der Flußseite hin eine weite entzückende Aussicht in das Elbthal gewährt. Auf der der Elbe entgegengesetzten Seite be­findet sich der geräumige Hof, von welchem aus zwei ziemlich hohe Treppen von Sandstein zu einem großen, mit einer Balu­strade umgebenen Altan führen. Auf diesen Altan stellte sich der Kanzler, hinter sich einen Jnfanteriedoppelposten mit geladenem Gewehr. Unten vor dem Altan stellten sich die Bauern mit ab­gezogenen Hüten auf. Der äußere Eingang zum Schloßhof wurde stark mit Soldaten besetzt. In demselben hielten abseits einige berittene Dragoner. Die ganze Scene muß nicht ohne maleri­schen Reiz gewesen sein.

Nun hielt der Kanzler in gütigem Ton eine lange bewegliche Anrede, in welcher er namentlich hervorhob, wie sehr es den Kur­fürsten schmerze, die Truppen, welche nur Wider äußere Feinde bestimmt seien, gegen die eigenen bethörten Landeskinder ver­wenden zu müssen. Er stellte den Bauern die Unbilligkeit und Ungereimtheit ihres Verlangens dar, sich von den ererbten und überkommenen, gesetzlich festgestellten Leistungen und Lasten ein­seitig frei machen zu wollen.

Dann machte er die Befugnisse der Kommission bekannt, ! welche, je nach Befinden, die strengsten Strafen, ja selbst die des I Todes, verhängen könnte, und schloß mit den Worten:Gelobt mir durch Handschlag, lieben Leute, daß Ihr Euere Dienste, wie