Heft 
(1890) 08
Seite
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Ihr sie bisher geleistet, ohne Zögern wieder aufnehmen und der Euch Vorgesetzten Obrigkeit wie vordem gehorchen wollt. Versetzt mich nicht in die traurige Nothwendigkeit, von der mir über­tragenen Gewalt Gebrauch machen zu müssen. Gebt den übrigen verblendeten und verirrten Unterthanen ein gutes Beispiel. Ist dies Euer ernstlicher, .freier' Wille, so antwortet mit einem lauten Ja."

DiesesJa" erfolgte einstimmig, aber nicht eben laut, sondern vielmehr ziemlich kleinlaut, denn das Aufgeben ihrer geträumten Hoffnungen mochte den armen Leuten doch etwas schwer werden. Erst 42 Jahre später sollte im Wege der Gesetzgebung die Ab­lösung der bäuerlichen Lasten erfolgen. Uebrigens hielt die kur­fürstliche Regierung selbst streng darauf, daß die Bauern von den Gutsherren nicht über das gesetzliche Maß hinaus bedrückt wurden.

Nun stiegen die Bauern einzeln die eine Treppe zum Altan hinauf, gaben dem Kanzler zur Bekräftigung ihres Versprechens den verlangten Handschlag und gingen dann die andere Treppe wieder hinunter.

Bis dahin war alles gut gegangen. Als aber der Kanzler jetzt verlangte, die Bauern sollten diejenigen nennen, welche sie zur Arbeitseinstellung und zum Widerstand angestiftet hätten, weigerten sie sich insgesammt, dies zu thun.

Nun, wenn Ihr die Rädelsführer nicht namhaft machen wollt, so will ich es selbst thun, damit Ihr seht, daß uns nichts verborgen ist," sagte darauf der Kanzler und nannte die Namen von drei Bauern, die sofort verhaftet wurden.

Die klebrigen, die darüber in die Seele hinein erschraken, ermahnte er, sie sollten, wenn sie gegründete Beschwerden hätten, dieselben gehörigen Ortes anbringen, aber nicht zu sträflicher Selbsthilfe schreiten. Die Regierung werde jederzeit darauf achten, daß ihnen kein Unrecht geschehe.

Darauf fragte er die Bauern, ob sie wider ihren Gutsherrn Klage zu führen Hütten. Sie verneinten dies einmüthig, be­schwerten sich aber vielfach über dessen Pächter. Als sie dabei alle durcheinander sprachen, sagte der Kanzler:Kinder, laßt alles ordentlich aufsetzen und schickt es mir. Habt aber Geduld, denn auf einmal kann nicht allen geholfen werden!"

Darauf wurden die Bauern mit nochmaliger Ermahnung entlassen, die drei Verhafteten aber auf die Wache gebracht.

Den vor dem Schloßthore lagernden Truppen wurde von den Offizieren der Hergang mitgetheilt, damit sie die fortgehenden Bauern nicht etwa verhöhnten und belästigten. Die Soldaten zeigten sich sehr erfreut darüber und kamen den Bauern mit ihren vollen Feldflaschen entgegen; der schwere Tag aber schloß in Friede und Freundschaft mit unzähligen Hochrufen auf den Kanzler und den Kommandanten, als diese den Soldaten und Bauern ein paar Tonnen Bier spendeten.

Bereits am 12. September konnte der größte Theil der Truppen zurückgezogen, die Kommission aber am 13. November aufgelöst werden. Von etwa 200 Verhafteten wurden 34 auf ein bis zwei Jahre auf den Königstein geschickt. Diejenigen Bauern aber, welche allen Verführungen und Drohungen zum Trotz die Theilnahme an der Arbeitseinstellung verweigert hatten, erhielten besondere Belohnungen.

So endete diese harmlose Parallele zu den weltbewegenden Erschütterungen bei unserem westlichen Nachbar. Ein Geschlecht, das die Lehre aus jener Zeit der fürchterlichen Krämpfe zog, hat geschieden zwischen Gutem und Bösem, zwischen Berechtigtem und Unberechtigtem, was in der revolutionären Bewegung des letzten Jahrhunderts lag, es hat auch den Bauern aus der Lommatzscher Pflege ihr Recht und ihre Freiheit gebracht.

Zum hundertjährigen Todestage Kaiser Josefs II.

Alle Rechte Vorbehalten.

as DichterwortVon der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte" findet in vollem Maße aus den unglücklichen Fürsten Anwendung, der nach einer kaum zehnjährigen Regierung voll der höchsten Entwürfe und des edelsten Thatendrangs bitter enttäuscht auf einsamem Krankenlager dahinsiechte. Als er nach der langen Herrschaft seiner zielbewußten, kraftvollen Mutter Maria Theresia im besten Mannes­alter auf den Thron kam, rühmten begeisterte Vorkämpfer der neuen Zeitrichtung ihn als den Beglücker der Menschheit, als den Erretter seines Volkes aus weltlichem und geistlichem Drucke. Dann aber erhoben sich Stimmen, die sein Wirken mit dem Philipps II. von Spanien und Albas verglichen, ihn im Hin- ! blick auf seine Reformen und die Aufhebung der alten Landes- > Verfassung in den österreichischen Niederlanden als den Mörder ! der in heißen Kämpfen errungenen niederländischen Freiheit ! brandmarkten. Und ähnlich standen sich die Meinungen der ! Parteien auch nach seinem Tode gegenüber. In den Zeiten, da ^ Napoleons I. eherne Hand schwer auf dem habsburgischen Kaiser- ^ staate lastete, errichtete man ihm als dem Schirmherrn der Größe ! Oesterreichs ein Denkmal auf dem Josefsplatze in Wien, oster- ! reichische Dichter verherrlichten ihn noch in den stürmischen Jahren ! 18481850, als die künstlich zusammengefügte Monarchie in l den Fugen krachte, und selbst in den jüngsten Tagen hat sein An­denken die edelsten Verfechter des Deutschthums in dem Kampfe der Nationalitäten zu muthigem Ausharren und zuversichtlicher Hoffnung gestärkt. Dagegen stehen die nichtdeutschen Bewohner i des österreichischen Kaiserstaates ihm zumeist nicht bloß kühl und ^ zurückhaltend, sondern geradezu feindlich gegenüber, ein Grund ^ mehr für uns Deutsche, seinen Namen in Ehren zu halten. !

Wir können das Wirken Josefs II. nur im Zusammenhänge mit der Regierung seiner Mutter begreifen, ist es doch in vieler Hinsicht nur die rücksichtslose Fortführung ihres vorsichtig und einsichtsvoll begonnenen Werkes. Die große Fürstin, deren männ­liche Festigkeit und unbeugsame Zähigkeit schon in ihrer äußeren Erscheinung sich kundgiebt, hatte es verstanden, den buntgemischten, vielsprachigen Kaiserstaat zu einer fast einheitlichen Monarchie umzugestalten, wobei ihr das Beispiel ihres großen Gegners Friedrich II. oft den Weg gezeigt hat. Als sie zum Beginn ihrer Regierung im Kampfe mit Frankreich, Preußen und Bayern um

! den Bestand ihrer Herrschaft rang, wußte sie durch ihr unver- ! zagtes Auftreten und durch kluge Rücksichtnahme alle Stämme ihres ! Reiches - auch die Ungarn, welche so oft den Feinden Habs- ! burgs den Weg ins Herz der Monarchie gebahnt hatten zu ! ihrem Schutze zu vereinigen und den gefahrvollen Streit nur mit dem Verluste einer Provinz zu enden. In dein siebenjährigen Ringen mit Friedrich dem Großen um die Vorherrschaft im Deutschen Reiche standen wiederum die Volksstämme diesseit und jenseit der Donau für sie in Waffen, und als der Hnbertusburger Friede geschlossen war, nutzte sie die letzten siebzehn Jahre ihrer Herrschaft, um den Wohlstand und die freie Bewegung ihres Volkes zu heben, die lähmenden Einflüsse im geistigen und kirch­lichen Leben zu mindern, ihre Herrschaft nach außen hin zu ver­größern und durch mächtige Bundesgenossen zu sichern. Aber wie sehr auch das Staatswohl sie zu manchen Maßregeln uöthigte, die den Anhängern der alten Zeit schmerzlich ins Fleisch schnitten, so blieb sie aus Ueberzeugung wie aus Berechnung eine treue Förderin der katholischen Interessen. War doch die gemeinsame Religion vor allem das einigende Band des österreichischen Völker­gemisches. Nach wie vor war der beste Grund und Boden in den Händen der Kirche, eine Unzahl von Klöstern und Stiften entzog dem Gewerbe, Handel und Ackerbau tüchtige Kräfte, die Steuerbefreiung der Geistlichen machte eine um so stärkere Be­lastung des Bürger- und Bauernstandes nöthig, die Fronden und andere Zwangsleistungen schmälerten noch die freie Zeit des schwer geplagten Landmannes. Wenig bedeutete die Verminderung der kirchlichen Festtage, die Maria Theresia auf den Rath ihres Ministers Kaunitz verfügte, und selbst die theilweise Aufhebung der Leibeigenschaft am Ende ihrer Regierung, die uns den wohltäti­gen Einfluß ihres Sohnes Josef den Maria Theresia 1765 zum Mitregenten der österreichischen Monarchie ernannt hatte wahr­nehmen läßt, brachte zunächst nur geringe praktische Vortheile. Auch die altererbten Vorrechte der Provinzen, die Vielheit des Rechtes, der Verfassungen, die hemmenden Schranken der Binnenzölle, die Fesseln der Erwerbsfreiheit und Eheschließung, die Unterdrückung der Glaubens- und Preßfreiheit, die Greuel der Folter- und Marter­justiz, der schwerfällige und willkürliche Prozeßgang und so viele andere Uebelstände aus grauer Vorzeit blieben bestehen. Nicht ohne Grund fürchtete die staatskluge Regentin, daß die Wegnahme