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15 .
Am andern Morgen war Lehnert früh auf. Die Luft war frisch und steigerte das Wohlgefühl, das ihm ein guter und auskömmlicher Schlaf gegeben hatte; trotzdem aber war seine Zuversicht dahin und einem starken Zweifel gewichen, dem Zweifel, ob er, trotz seiner Unterredung mit Tobias, den Schritt auch thun und sich in Nogat-Ehre melden solle. Wie war sein Leben verlaufen? Unter Abenteuer und Gewalttätigkeit und unter Auflehnung gegen Ordnung und Gesetz. Und er wollte sich bei den Mennoniten verdingen? Ja, wer waren denn die Mennoniten? Damals, als er noch in Dakota lag und abends beim Gin immer nur ein Witzeln über die Mennoniten hörte, die für reich galten und weiter nichts, da hätt' es vielleicht gepaßt, weil er's nicht besser wußte. Jetzt aber wußte er, daß es fromme Leute seien, fleißig und wahrheitsliebend und Feinde von Eid und Krieg. Und in solche Friedensstätte wollt' er einbrechen? Das dürft' er nicht; er gehörte nicht dahin, er war eine Störung, und wenn er keine Störung war und den Frieden der Friedfertigen nicht trübte, war er seinerseits der Mann, den Frieden, den er da vorfand, auch nur tragen zu können? Lag es nicht so, daß der Krieg sein einzig Stück glücklich Leben gewesen war? Und was verwarf der Mennonit mehr als den Krieg?
So sinnend, sah er auf das Bahngeleise, das auf kaum zehn Schritt Entfernung hart an ihm vorüber nach Norden führte. War es nicht besser, diesem eisern vorgeschriebenen Wege, wie er's ursprünglich gewollt hatte, zu folgen?
Er überlegte noch, als er schräg neben der Bahn ein zierliches kleines Fuhrwerk über die Felder kommen sah, und ein zweiter rascher Blick war ausreichend, ihn erkennen zu lassen, wer die Herankommenden seien. Es waren die Geschwister, die gestern auf demselben Feldwege die Heimfahrt nach Nogat-Ehre gemacht hatten, und Ruths Schleier, der auch heute wieder wehte, nahm ihm den letzten Zweifel. Und mit diesem Zweifel fielen auch alle die Bedenken, die seit Stunden auf ihm gelastet hatten, wieder von ihm ab und es stand wieder fest in seiner Seele, daß er's bei den Mennoniten versuchen müsse. Freudig erhob er sich und ging rasch auf den kleinen Wagen zu, der, eben die Schienen kreuzend, mit geschickter Biegung auf den Hof des Stationsgebäudes fuhr. Derselbe junge Cherokee, der schon gestern bei Lehnerts Ankunft bereit gestanden hatte, sprang auch heute wieder dienstfertig hinzu, Tobias aber gab statt seiner der Schwester die Zügel in die Hand, sprang dann ab und begrüßte sich mit Lehnert. „Alles in Ordnung!" sagte er. „Ich habe mit dem Vater gesprochen und es ist nun an Dir, in unsere Farm einzutreten und sein Hausmeier zu werden. Ob erster oder zweiter, wird sich zeigen. Er ist froh, einen Deutschen mehr in seinem Hause zu haben. Er sagte, die Deutschen seien die besten, auch wenn sie, verzeih', nichts taugten. Und nun erlaube mir, nachzuholen, was ich gestern versäumt habe, Dir meine Schwester Ruth vorzustellen; steig' auf und setz Dich neben sie. Oder noch besser, wir setzen uns zwei beide auf den Rücksitz und Ruth kutschiert. Sie fährt nämlich wie ein Fahrer, ein Wort, das ich einem Landsmann voll Dir verdanke."
Während Toby noch weiter plauderte, lenkte das Wägelchen ill den Feldweg ein, und die Bahn in immer weiter werdendem Abstande neben sich, ging es zwischen den Maisfeldern hin, deren hoher Stand den Wagen sammt seinen Ponies überragte. Schließlich war man aus den Maisfeldern heraus und gelber Raps lag vor ihnen, dessen Duft der Wind ihnen zutrug. Und dazu klangell die Glöckchen, wenn die Shettländer ihre langen Mähnen schlugen, um sich der Bremsen zu erwehreil. Lehnert aber sog das alles begierig ein, und es war ihm, als flög er und als wären es alte Zeiten und als thäten sich Heimath und Glück noch einmal vor ihm auf.
„Ist das alles Eller?" frug er und wies auf die Fruchtfelder links und rechts.
„Ja," sagte Toby, „das heißt, es ist alles Mennonitenland, alles Nogat-Ehre. Was aber dem Vater persönlich, gehört, unsere Farm, das liegt nach der anderen Seite zu, das sollst Du morgen sehen, da steht es noch besser und der Klee geht bis über die Wagenräder. Du mußt nämlich wissen, der Vater ist ein großer Farmer und Landmann und liest alle Zeitungen und Zeitschriften, und was die Gelehrten anrathen, das schafft er all und scheut kein Geld. Nicht.wahr, Ruth?"
Ruth nickte langsam und gravitätisch, ohne sich nach ihnen
s umzusehen, und Lehnert sah aus der halb komischen Art, ill der ^ diese Zustimmung erfolgte, daß Obadja zu den Neuernngsschwärmern ^ gehören müsse. Ueberhaupt könnt' er wahrnehmen, daß das Gemisch ^ von Offenheit und Heiterkeit, das ihn schon an dem Bruder so ' ungezogen hatte, bei der Schwester noch stärker vertreten war. ' Voll Ernst und Schwerfälligkeit keine Spur; ihr Frohsinn war von jener entzückenden Art, wie die kindlich Gläubigen ihn so oft ! haben, die nicht anders wissen, als daß Gottes gütige Vaterhand j sie jeden Augenblick hält und trägt und schützt, —> ein beseligendes Gefühl immer abwesender Gefahr.
Eine kleine Pause war eingetreten, und Toby, dem daran lag, das so glücklich eingefädelte Gespräch auch fortgesetzt zu sehen, nahm es an alter Stelle wieder auf und sagte: „Ja, kein Geld und keine Müh'. Nichts scheut er. Und das alles bei seinen hohen Jahren."
„Ist er denn schon so alt?" fragte Lehnert. „Ihr seid ja doch beide noch so jung."
„Dreiundsiebzig," lachte Ruth.
„Da muß er sehr spät geheirathet haben."
Jetzt verdoppelte sich das Lachen. Aber Toby, der wohl fühlte, daß das Lachen Lehnert verlegen machen müsse, gab null Aufklärung und erzählte, daß der Vater dreimal verheirathet gewesen sei, so daß sie viele Halbgeschwister hätten. Die Kinder der ersten Ehe seien nach Preußen, nach Danzig und Dirschau, zurückgegangen, die der zweiten lebten in Dakota, und sie beide seien die jüngsten. Ihr ältester Halbbruder sei schon über vierzig Jahre alt und voriges Jahr zum Besuch in Nogat-Ehre gewesen.
In diesem Augenblicke stieg der Boden ein wenig an, und als man oben war, wurde in kleiner Entfernung eine blinkende, langgestreckte, nur hier und da von hohen Pappeln überragte Häuserreihe sichtbar, auf die Ruth jetzt mit der Peitschenspitze hindeutete. „Das ist Nogat-Ehre. Siehst Du's? In einer Viertelstunde sind wir da. Das letzte Gehöft da, zwischen den zwei Pappeln, das ist unser Haus. Und dann kannst Du sehen, wie wir leben. Es wird Dir schon gefallen. Du siehst so recht aus, als ob Du glücklich und zufrieden sein könntest. Aber ich spreche so, wie wenn wir Dich schon hätten. Und wir haben Dich doch noch lange nicht. Ich weiß ja noch nicht einmal Deinen Namen . . . Toby, warum hast Du mir seinen Namen nicht genannt?"
Toby lachte. „Weil ich ihn selber noch nicht weiß. Und der Vater hat auch gar nicht danach gefragt. Aber nun wird es freilich Zeit damit, wenn wir nicht mit einem Namenlosen in Nogat-Ehre einfahren wollen."
„Ich heiße Lehnert Menz."
„Ein hübscher Name," sagte Toby.
Ruth nickte zustimmend. Aber gleich danach schien sie wieder wie wankend und schwankend zu werden und setzte hinzu: „Ja, hübsch. Aber was ist Lehnert? Ist es ein Kalendername?"
„Freilich ist er das. Und Du solltest ihn kennen. Lehnert ist Lienhardt. ,Lienhardt und Gertrud^ wirst Du doch noch nicht ganz vergessen haben."
„Nein, gewiß nicht. Es war die schönste Geschichte, die wir als Kinder gelesen haben. Und der Vater kam oft dazu, wenn die Mutter sie vorlas, und wenn Lienhardt und Lehnert ein und dasselbe sind, dann gefällst Du mir noch besser. Und wenn Du so bist wie Lienhardt, denn ich weiß noch, daß er gut war, da, wollen wir gute Freunde werden."
16 .
Als Ruth noch sprach, fuhr man über einen Brückenbogen und lenkte jenseit desselben in einen breiten, mit jungen Akazien besetzten Weg ein, zu dessen einer Seite ein von den Bergen kommender Bach schäumte, während sich an der anderen Seite die Gehöfte der Mennonitenkolonie hinzogen. Man war in Nogat- Ehre. So viel Lehnert während der Fahrt durch die lange Dorfstraße wahrnehmen konnte, waren die Gehöfte von ziemlich gleichem Aussehen und bestanden aus einem einstöckigen Fachwerkwohnhaus, das mit breiter Front auf die Straße blickte, während die großen Stallgebäude quer standen und mit ihren Giebeln auf die Straße sahen. Einige hatten vor ihrer Thür eine mit Geisblatt und Pfeifenkraut umsponnene Gitterlaube, von der aus vier oder fünf Steinstufen zunächst auf den Akazienweg und dann bis zum Bach hinabführten, allen Häusern gemeinsam aber war ein von einem Staketenzaun eingefaßter Vorgarten, in dem zwischen Taxus- und