Heft 
(1890) 08
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bas liiederriß, was selbst der Macht eines Kaisers unbezwingbaren > Widerstand entgegengestellt hatte. Die Entrüstung, welche die Uw thaten des französischen Jakobinerthums später in ganz Europa hervorriefen, gab den Anhängern der alten Zustände neuen Vor­wand, das Andenken deskirchenfeindlichen" Herrschers zu schmähen, während edeldenkende Volksfreunde ihn alsSchützer der Menschheit" verherrlichten. In seinem Volke aber, in den niederen ' Schichten vor allem, draußen auf dem Land unter den Bauern,

da lebte er fort als dergute Kaiser Josef". Ihm liehen diese einfachen Gemüther alle Tugenden einer vollkommenen Obrigkeit und eines warmfühleuden Herrn, und tausend Geschichtchen hielten sein freundliches Bild in ihrem Herzen lebendig. Sie vergaßen es ihm nicht, daß er einem von ihnen den schweren Pflug aus der Hand genommen und selber durch die. harte Scholle ge­führt hatte.

R. Mahrenholtz.

H u i t t.

Noman von Theodor: Fontorre.

(Fortsetzung.)

hr seid ein Deutscher?" begann Lehnert das Gespräch mit dem ihm Gegenübersitzendeu.

Der, an den die Frage sich richtete, bejahte mit vieler Freund­lichkeit und fragte Lehnert dann seinerseits, woran er ihn er­kannt habe.

Nichts leichter als das," sagte Lehnert.Du hast das deutscheste Gesicht, das ich all mein Lebtag gesehen habe. Lache nur! Und siehst dabei so klar aus und so gut. Du gefällst mir."

Du nennst mich Du?"

Und Du mich auch," fuhr Lehnert fort,was mir nur be­weist, daß ich recht habe. Du bist nicht bloß ein Deutscher, Du bist auch ein Mennonit. Und die Mennoniten nennen sich, glaub' ich, ,Tnll, ganz so wie die Quäker."

Daß ich nicht wüßte. Jedenfalls nicht immer."

Aber doch oft. Und wenn sie Tobias Hornbostel heißen, dann ganz gewiß. Nicht wahr?"

Ja, dann gewiß," antwortete Tobias und streckte ihm die Hand entgegen.Ich sehe, Du hast gute Augen und hast Namen und Ort auf dem Messingschilde gelesen. Und aus,Nogat-Ehre? hast Du den Schluß gezogen, daß ich ein Mennonit sein müsse."

Freilich. Aber Du triffst es nur halb. Schon Dein Name Hornbostel hätte mir alles gesagt, auch wenn ich den Ortsnamen Nogat-Ehre gar nicht gelesen hätte. Vor sechs Jahren, als ich eben herübergekommen, war ich in Dakota, wo sie damals die Schwellen und Schienen für die Nord-Pacific-Bahn legten, und in einem Dorfe, das uns wegen seiner Tieflage viel zu schaffen machte- wenn ich nicht irre, nannten sie's Dirschau, in eben diesem Dorfe waren Mennoniten, und der Oberste der Gemeinde hieß Hornbostel, Obadja Hornbostel, mir noch deutlich in Erinnerung, weil wir, verzeih', über den Namen oft scherzten. Und ich weiß auch, daß die Rede davon war, in Obadja Hornbostels Farm ein­zutreten, wo's uns jedenfalls besser ergangen wär', als in unserem fiebrigen Sumpfloch. Aber ich hatte damals noch die Sehnsucht nach den Diggings hin, weil ich ein Narr war und reich werden wollte. Sonst hätt' ich's wahrhaftig auf der Stelle versucht. . . Obadja Hornbostel, ein hübscher, aber etwas sonderbarer Name."

Das war mein Vater."

Lehnert erschrak fast.Aber das war ja doch in Dakota, neunhundert englische Meilen von hier."

Und ist doch so, wie ich sage. Wir waren erst in Dakota, da bin ich auch geboren, und meine Schwester Ruth auch. Und unsere Mutter ist da begraben. Und wir dachten auch in Dakota zu bleiben. Als aber ein Streit mit der Behörde kam und die klugen Herren, die man uns nach Dakota schickte, so thaten, als ob wir Mormonen seien, oder doch nicht viel anders, da machte der Vater kurzen Prozeß und zog aus wie Abraham, und die ganze Kolonie mit ihm, und diesen Herbst werden es fünf Jahre, daß wir hier sind und eine neue Heimath haben, in der man uns, bis jetzt wenigstens, nicht gestört hat. Erst sollt' es wieder Dirschau heißen, so wenigstens wollt' es der Vater, aber schließlich gab er es auf und naunt' es wie die Gemeinde wollte. Und so wohnen wir denn in ,Nogat-Ehre?"

Lehnert sah nachsinnend in die Landschaft hinaus. Erst nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf und sagte:Glaubst Du, daß Dein Vater mich brauchen kann?"

Tobias schwieg.

Du schweigst. Und ich sehe daraus, Ihr seid sehr wühlerisch geworden seit Dakota."

Nein. Das nicht. Ich überlege nur, wie's wohl ginge."

Das soll Euch keine Sorge machen. Ich habe voll Kind auf Schwielen an meinen Händen gehabt und wenn ich sie hatte, war mir immer am wohlsten. Ich will Deinem Vater in der Wirtschaft helfen, pflügen und graben, wenn es sein muß, und das Vieh austreibeu. Ich weiß mit Axt und Säge Bescheid und kann Uhren reparieren und Dach decken, mit Schindel und mit Stroh, und einen Stollen in den Berg schlagen. Und ich kann auch die Schreiberei besorgen und werde mich überhaupt schon nützlich machen."

Toby nickte. Als aber Lehnert gleich danach in Erfahrung brachte, daß mau in weniger als einer halben Stunde scholl auf Station Darlingtvn eintreffeu werde, ließ er das Thema, das er vorläufig als erledigt ansah, fallen und sprach statt dessen voll Utah und den Heiligen am Salzsee und zuletzt auch voll Kalifornien.

Kennst Du Kalifornien?" fragte Toby.

Nur zu gut! Was ich in vier Jahren in den Diggings erworben, bin ich in vier Monaten in San Francisko wieder los geworden. Aber es ist gut so. Ich habe nie am Gelde gehangen und will nur frei sein. Ist Dein Vater streng? Ein großer Befehlshaber?"

Er befiehlt nie. Er sagt nur: ,Jch denke, wir machen das so?"

Lehnert lachte:O, das kenn'ich, das ist die fromme Form, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Uebrigeus ist's mir gleich. Wo Verstand befiehlt, ist der Gehorsam leicht. Bloß der Befehl rein als Befehl, bloß hart und grausam, da kann ich nicht mit, das kann ich nicht aushalten."

Toby sah ihn groß an.Das ist recht, was Du da sagst. So denk' ich auch und so denken wir alle. Und wenn Du so bist, da bin ich auch sicher, Du wirst dem Vater gefallen. Er hat es gern, wenn man frei spricht und eine Meinung hat. Aber eine Form muß es habeu, darauf hält er."

Uuter diesem Gespräche hatte man Darlington erreicht, und beide stiegen aus. Ein kleines Ponygefährt war scholl vorher bis dicht an das Stationsgebäude herangefahren und ein junges Mädchen von kaum sechzehn Jahren hielt die Zügel in Händen.Grüß Dich Gott, Ruth!" rief Tobias scholl vou weitem. Eiu listig dreiu- schaueuder junger Cherokee, der den Dienst auf der Station hatte, stand neben dem Gefährt und wartete. Diesem warf das junge Mädchen mit großer Geschicklichkeit die Zügel zu, sprang vom Wagen und war im nächsten Augenblick in herzlichem Gespräch Nlit ihrem Bruder. Dies Gespräch aber drehte sich um Lehuert ulld ob mau ihu nicht sofort nach Nvgat-Ehre mit hinausnehmen solle, was die Schwester voll ihrem Bruder Toby zu fordern schien. Ulld in der Thal trat dieser noch einmal an Lehnert herall und sprach in dem Sinne, wie's Ruth gewollt hatte. Lehnert aber wollte, daß Toby erst bei seinem Vater allfrage, nnd so lehnte er es ab, sofort mitzugehen. Er werde die Nacht im Stations- Hause zubringen und am anderen Morgen auf die Farm hinaus- kommen. So sei's am bestell und Toby solle nur vorher schon für ihn sprechen und nichts von dem vergessen, was er ihm gesagt habe.

Damit trennte mall sich, und eine Minute später rollte das Ponygeführt wieder in die Landschaft hinein. Toby fuhr jetzt, während Ruth den Arm um des Bruders Schulter gelegt hatte. Der blaue Schleier flog und all einer Biegung des Weges sahen sich beide noch einmal um und grüßten.

Unschuld ..." sagte Lehuert.Wer Dich hat, hat das Glück."