33V
Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden und ließ sich dann wie erschöpft wieder auf das Ruhebett fallen. In wortlosem Erstaunen betrachtete Marie ihre unbegreifliche Erregung. Die Furcht, daß möglicherweise doch ein trotzig verschwiegener körperlicher Schmerz solchen Einfluß auf die Stimmung ihrer Verwandten ausübe, wollte sich von neuem ihrer bemächtigen.
Aber Cilly ließ es nicht erst zu einer dahin gehenden Frage kommen. Indem sie mit etwas nervösen Bewegungen die Falten ihres Kleides glättete, sagte sie, noch einmal umherschauend, in plötzlich verändertem, spöttischem Ton:
„Das also ist das Herrschgebiet Deines Bruders? — Ver- muthlich befinden wir uns in seinem Allerheiligsten, da — wo er die Zähne auszieht."
Es war ohne Zweifel eine boshafte Absicht in dieser Bemerkung, aber Marie war zu harmlos, um dieselbe zu verstehen.
„Ja," erwiderte sie, froh, daß der seltsame Zornesausbruch so rasch vorübergegangen war, „da ist der Operationsstuhl und dort der Schrank mit den Instrumenten. Möchtest Du sie einmal sehen, diese Marterwerkzeuge der Neuzeit?"
„Nein — um Gotteswillen! — Schon der Gedanke an diese erbaulichen Dinge könnte mich von neuem ohnmächtig machen. — Aber wo ist denn der Herr Vetter? Nimmt ihn sein Geschäft so sehr in Anspruch, daß ich nicht einmal die Vergünstigung genießen soll, ihm für seine Gastfreundschaft zu danken?"
„Er wollte sich bemühen, einen Arzt herbeizuschaffen."
„Freilich — Ohnmächten und dergleichen gehören ja nicht in sein Gebiet! Aber, wie Du siehst, liebste Marie, bin ich schon wieder so frisch und munter, daß ich gar keines Arztes mehr bedarf, weder eines ganzen noch eines halben. Und ich empfinde ein lebhaftes Verlangen, nach Hause zu kommen."
„Wenn Du gestattest, werde ich mich nach meinem Bruder umsehen. Er befindet sich wahrscheinlich ganz in der Nähe."
Cilly sagte nichts, und Marie nahm dies Schweigen für eine Zustimmung. Sie ging hinaus und fand Wolfgang in dem zweiten der anstoßenden Zimmer anscheinend sehr ruhig an seinem Schreibtische sitzen.
(Fortsetzung folgt.)
Johann Nepomuk von Nutzbaum.
(Mit Bildniß auf S. 325.)
Alle Rechte Vorbehalten.
enn man die Namen der bedeutendsten Aerzte und Chirurgen der Gegenwart aufzählt, muß wohl Geheimrath und Universitätsprofessor vr. von Nußbaum zu München, dessen Ruhm weit über die Grenzen von Deutschland gedrungen ist, in vorderster Reihe genannt werden.
In Nachstehendem wollen wir versuchen, mit kurzen Strichen das Bild des Lebens und Wirkens des Mannes zu entwerfen, dem die ärztliche Wissenschaft so viel verdankt, und der sein Dasein unablässig dem Wohle der Menschheit weiht.
Geboren am 2. September 1829 zu München, bezog Nußbaum 1849 die Universität seiner Vaterstadt, um sich nach philosophischer und naturwissenschaftlicher Ausbildung der Heilkunde zu widmen. Auf Grund tüchtiger anatomisch-physiologischer Studien erlangte er ausgezeichnete chirurgische Kenntnisse, die er an den Universitäten Würzburg und Berlin erweiterte, und zu deren praktischer Ausübung ihm 1851 als Assistent im vr. Haunerschen Kinderspitale, dann von 1852 ab auf der chirurgischen Abtheilung des allgemeinen Krankenhauses zu München, sowie durchseine rasch angebahnte Privatpraxis reichliche Gelegenheit geboten war. 1853 verfaßte er eine Abhandlung über künstliche Hornhaut, der er 1855, in welchem Jahre er promovirte, eine größere Arbeit über Hornhauttrübungen folgen ließ. 1857 habilitirte er sich als Privatdocent an der Universität München für Chirurgie und Augenheilkunde; auch wurde ihm um diese Leit die Stelle als operirender Arzt in dem oben genannten Kinderspitale übertragen, woselbst er zahlreiche Operationen aller Art mit meist glücklichem Erfolge ausführte. Nachdem er Ende Dezember 1859 eine Berufung an die Hochschule Zürich abgelehnt hatte, wurde er anfangs 1800 zum ordentlichen Professor der Chirurgie zu München ernannt und mit der Leitung der chirurgischen und der damals noch damit verbundenen Augenklinik betraut.
Seitdem unermüdlich thätig, erwarb er sich durch seine glänzenden Eigenschaften als Arzt und Operateur, durch Forschungen auf dem Gebiete seiner Wissenschaft und durch seine anregenden, geistsprühenden und dabei theoretisch wie praktisch höchst lehrreichen Vorträge im Hörsale und am Krankenbette den Ruhm als Chirurg und Kliniker ersten Ranges. Hiermit verbindet er vermöge seiner idealen Auffassung der Heilkunde, die der Philosoph Schelling als die Krone und Blüthe aller Naturwissenschaften bezeichnet, die größte Humanität, und er bethätigt in seiner Person den von Galenus aufgestellten Satz, daß nur der das Ziel der Wissenschaft erreichen kann, welcher sie erlernt, um ein Wohlthäter der Menschheit zu werden. Wer Nußbaum je aus seinen Gängen durch die Krankensäle begleitet oder ihn sonst in seiner Berufsthätigkert beobachtet hat, konnte wahrnehmen, wie außerordentlich liebevoll er auf das Wohl seiner Patienten ohne Unterschied des Standes bedacht und für deren Bedürfnisse besorgt ist. Iw seinem Ordinationszimmer drängt sich täglich während her Sprechstunden eine große Anzahl unbemittelter Kranker, welchen er, obwohl mit Berufsgeschästen überhäuft, Zeit und Arbeitskraft opfert und denen er häufig auch Verbandstoffe, orthopädische Apparate, Arzneien und Lebensmittel spendet.
Schreiber dieser Zeilen war Zeuge, wie Nußbaum zur Weihnachtszeit arme Pfleglinge in seiner Privatheilanstalt und im Kinderspitale aufs freigebigste mit Erquickungen, Kleidungsstücken, Unterhaltungsbüchern und allen möglichen Spielsachen beschenkte, die er in seinem Wagen und in seinen weiten Taschen mitgebracht hatte. Ohne den Dank abzuwarten für die Freude, die er bereitet hatte, fuhr dann der Vielbeschäftigte wieder davon.
Leute aus den verschiedensten, den höchsten wie den niedersten Gesellschaftskreisen, welche mit dem edlen Manne in nähere Berührung kamen, rühmen seine seltene Herzensgüte, seine Uneigennützigkeit und seine bis zur Selbstverleugnung gehende Bescheidenheit. Durch sein allzeit liebenswürdiges Entgegenkommen hat er sich die unbegrenzte Verehrung und Zuneigung seiner Fachgenossen und Schüler erworben, durch seine Werktätige Betheiligung an allen menschenfreundlichen Bestrebungen und seine Bereitwilligkeit, jedem zu nützen, die Liebe der ganzen Bevölkerung seiner Vaterstadt gewonnen.
Nur kurze Zeit unterbrach Nußbaum im Jahre 1866 die Friedens- thätigkeit, um seinen unter den Waffen stehenden Mitmenschen seine Dienste zu widmen. Bei Beginn des Feldzuges veröffentlichte er „Vier Briefe an seine in den Krieg ziehenden ehemaligen Schüler", welche die Grundsätze der damaligen Kriegschirurgie enthalten. Er selbst eilte nach dem Gefechte von Kissingen auf den Kriegsschauplatz und übernahm aus den dortigen Spitälern eine größere Anzahl Schwerverwundeter, die er durch geeignete Verbände beförderungsfähig machte und dann in fünfzehn von ihm zweckmäßig eingerichteten Wagen nach München verbrachte, um daselbst ihre weitere Behandlung zu besorgen.
Eine ungleich größere Thätigkeit entfaltete Nußbaum im deutschfranzösischen Kriege, in welchem er vom Ausmarsche an dem Führer des I. bayerischen Armeecorps General von der Tann als Oberstabsarzt beigegeben war; an dessen Seite hat er mit eiserner Ruhe und Unerschrockenheit an allen Schlachten und Gefechten theilgenommen. Rastlos arbeitete er im Wetteifer mit den Militärärzten auf den Verbandplätzen und in den Feldspitälern, in denen er als konfultirender Arzt wirkte.
Augenzeugen wissen zu erzählen, wie er in den Tagen von Sedan, keine Ruhe sich gönnend, zu Remilly und in dem in Brand geschossenen Bazeilles viele auf Aeckern und in Gärten liegende Verwundete, die wegen Ueberfüllung der wenigen belegbaren Gebäulichkeiten nicht mehr untergebracht werden konnten, untersuchte, mit Verbänden versah, dann deren Verbringung an gesichertere Orte veranstaltete und unter den erschwerendsten Umständen die nöthigen Operationen vornahm. Die gleiche aufopfernde Thätigkeit entwickelte Nußbaum bei und nach den Kämpfen um Orleans. „Den Tapfersten der Tapfern" nannte einst Napoleon 1. seinen obersten Wundarzt Larrey; auch Nußbaum war eines solchen Ehrentitels würdig.
Vom Kriegsschauplätze zurückgekehrt, setzte Nußbaum seine Fürsorge für die in seine Privatheilanstalt aufgenommenen Schwerverwundeten fort; noch vor wenigen Jahren haben einige daselbst unentgeltlich in Pflege und Behandlung gestanden.
Daß Nußbanm unermüdlich an der Vervollkommnung seiner Wissenschaft arbeitete und alle Fortschritte derselben kennen zu lernen trachtete, darf uns bei einem Manne wie er nicht wunder nehmen. Aus seinen vielfachen wissenschaftlichen Forschungen und den Ergebnissen seiner praktischen Thätigkeit, die er in fruchtbarster Weise literarisch verwerthete, entstanden über hundert Abhandlungen und Monographien, welche die verschiedensten Zweige der medizinischen Wissenschaft betreffen: viele Verbesserungen von Heilverfahren und Operationsmethoden hat darin Nußbaums schöpferischer Geist zu Tage gefördert, Erfindungen, die zum großen Theile für den Stand der ärztlichen Kunst bahnbrechend geworden sind.
Ein großes Verdienst hat sich Nußbaum als einer der ersten festländischen Anhänger und Verfechter der von dem Engländer Lister ersonnenen „antifeptischen Wundbehandlung" erworben; trotz der vielen dagegen erhobenen Bedenken hat er diese Methode in richtiger Erfassung ihres unschätzbaren Werthes am 1. Januar 1875 auf eigene Kosten in ausgedehntestem Maße in seiner Klinik eingeführt; der Erfolg war geradezu verblüffend. Operationen, deren Ausführung ehedem wegen ihrer Lebensgefährlichkeit für tollkühn oder gar für verbrecherisch gegolten hätte, konnten nunmehr gefahrlos vorgenommen werden, die Wundkrankheiten wurden fast vollständig gebannt, die Sterblichkeitsziffer sank bedeutend, der Heilungsprozeß ward wesentlich beschleunigt, so daß sich die Aufnahmefähigkeit der Krankenhäuser entsprechend steigerte. Nußbaum war es auch, der sofort den hieraus entspringenden gewaltigen Nutzen für die Behandlung der im Felde Verwundeten erkannte.
Zur rascheren Verbreitung des antiseptischen Verfahrens, welches heute zum Gemeingute aller Aerzte geworden ist, hat Nußbaum wesentlich beigetragen, nicht nur durch seine klinischen Vorträge, sondern auch durch eine ganze Reihe von Schriften, darunter das prächtige Buch „Leitfaden für antiseptische Wundbehandlung", welches bereits in fünfter Auflage erschienen und in fünf Sprachen übersetzt worden ist.