334
gestanden. Nach dem Abzüge der Seinen wäre sie jedenfalls schimpflich von dort entfernt worden. Als kostbare Bürde führten sie daher den Leichnam mit sich nach der Felsenfeste von Gaeta. Dort, in der kleinen Kapelle am Eingang der Citadelle, errichteten sie dem todten Feldherrn von ihrer Beute ein prächtiges Grabmal. Den künstlich gemeißelten Grabstein bedeckte ein goldenes Tuch mit dem Wappen der Bourbons, jedoch ohne den französischen Orden des h. Michael und das goldene Vließ. Darüber hing eine Fahne von gelbem Tastet, mit schwarzen und weißen Streifen, geflügelten, Flammenschwerter tragenden Hirschen und den Worten ,,Ü8P6NNN66, L 8 P 61 MN 66 " (Hoffnung) bestickt.
Aber die Rache Roms fand die Leiche des Gebannten auch in dem festen Gaeta. Das tridentinische Konzil ließ das Grabmal abbrechen und den Sarg in einem Gewölbe verstecken. Dort fand 150 Jahre später, also nach dem spanischen Erbfolgekrieg, der kaiserliche Gouverneur von Gaeta, Graf Prampero, die ausgedörrte Mumie. Eine rohbarockere Art als diejenige, in welcher dieser Haudegen nun seine Verehrung für die Ueberreste „eines früheren hohen Kameraden" glaubte ansdrücken zu müssen, läßt sich nicht denken. In der vorhin erwähnten Kapelle ließ er 1719 einen Glasschrank anbringen, und in diesen stellte er — der scheußlichste und zugleich lächerlichste Anblick — das geschwärzte Skelett, dessen fehlende Kinnbacke durch eine hölzerne ersetzt war. Der Leichnam wurde dann völlig bekleidet, nicht etwa mit ritterlichem Schmucke, sondern mit der militärischen Stutzertracht damaliger Zeit. Den Schädel bedeckte, als Joh. G. Keyßler 1730 die Citadelle besuchte, ein Federhut nebst Allongeperücke, um die dürren Gebeine schlotterte ein blauer Rock mit silbernen Knöpfen; ein Stock, auf welchen die eine Knochenhand sich stützte, ein Degen nebst Schärpe, gelbe Stiefeln mit rothen Hacken und über dieselben herabhängende, spitzenbesetzte Strümpfe vervollständigten die unglaubliche Aus
stattung. Zwei spanische Verse über dem Schrein, in denen der Todte selbst redend eingeführt wurde, zeichneten in Kürze das unruhige Leben des Bourbon, das ihn von Frankreich schließlich an diese Stätte gebracht hatte. Zur Seite des Schreins standen zwei gleichlautende weitläufigere Inschriften, italienisch und französisch, in welchen Graf Prampero nicht vergaß, sich als den Urheber dieses „Denkmals" zu rühmen, das er errichtet, „um den Dienern des sehr gerechten Kaisers Karl VI. ein bewunderungswürdiges Beispiel zu geben", nämlich wie treue Dienste noch nach dem Tode kaiserlich belohnt werden.
Die Offiziere der Besatzung trieben ihre „Verehrung" noch weiter; wenn ihnen bei ihren Gelagen der Wein die Köpfe erhitzt hatte, ließen sie sich den Schädel Bourbons aus der Kapelle holen, um aus demselben rundum Gesundheiten zu trinken. „Als aber dabei etliche Male Verdrießlichkeiten und Unglück unter den Zechern entstanden, ist solche Unordnung gänzlich untersagt worden." Wann die barbarische Ausstellung aufgehört hat, und was weiter mit den Ueberresten geschehen ist, habe ich nicht erforschen können.
So fand Karl von Bourbon, der Landflüchtige, vom Ehrgeiz Gehetzte, auch im Tode noch keine Ruhe; Feind und Freund vereinigte sich, ihn in seiner Gruft aufzustören, und die täppische Verehrung, welche ein Prampero ihm bezeigte, gestaltete sich geradezu zum Hohne, ganz entsprechend damit allerdings dem Ende, welches der Heerzug selbst genommen hatte, auf dessen Gelingen Bourbon nochmals alles gesetzt, um sich den Namen des Helden seiner Zeit zu ertrotzen, und der ihm den Tod gebracht. Und dieser Heerzug selbst war typisch für das ganze System, welches den Kriegsdienst auf das freie Belieben des einzelnen stellte. Der vergleichende Rückblick auf jene Zeit ist gerade gegenwärtig nicht ohne ganz besonderen Werth.
(Fortsetzung.)
u hast den Herzog also vorbereitet auf das, was ich ihm bringe?" fragte Falkenried, auf einen ganz anderen Gegenstand überspringend, nach kurzer Pause seinen Schwager. „Wie stellt er sich dazu?"
Das war wieder die alte eiserne Undurchdringlichkeit, die sich jedem Forschen verschloß, aber dem Gesandten schien dies jähe Abbrechen willkommen zu sein. Er war auch hier wie überall der Diplomat, der nichts so sehr scheute als ein öffentliches Aufsehen, und der nie daran gedacht hätte, Hartmut entgegenzutreten, wenn er nicht gefürchtet hätte, man könnte ihm später bei einem zufälligen Bekanntwerden der Wahrheit und seiner Kenntniß derselben sein Schweigen sehr verübeln. Jetzt konnte er sich im schlimmsten Falle mit dem Worte decken, das er dem Vater gegeben hatte. Sogar der Herzog hätte es einsehen müssen, daß mail einen Jugendfreund schonen mußte. Der „kluge Herbert" verstand auch hier zu rechnen. —
Der Aufenthalt Oberst Falkenrieds war nur kurz bemessen, und er kam in dieser Zeit kaum zu Athem. Audienzen bei dem Herzog, Besprechungen mit hohen militärischen Persönlichkeiten, Verhandlungen mit der eigenen Gesandtschaft, das alles drängte sich in den Raum von wenigen Tagen zusammen. Wallmoden war kaum weniger in Anspruch genommen, bis endlich alles erledigt war. Der Gesandte und besonders Oberst Falkenried hatten Grund, mit dem Erfolge zufrieden zu sein, denn es war alles erreicht worden, was von seiten ihrer Regierung gewünscht und erwartet wurde, und sie konnten daheim der vollsten Anerkennung gewiß sein.
Allerdings wußten nur die eingeweihten Kreise, daß etwas Wichtiges vorging, und selbst in diesen Kreisen kannten nur wenige die volle Tragweite jener Verhandlungen. In der Oestentlichkeit merkte man kaum etwas davon und beschäftigte sich um so angelegentlicher mit dem gegenwärtigen Lieblinge, dem Dichter der „Arivana", welcher der ganzen Stadt um so interessanter war, als sein Benehmen ganz unbegreiflich schien.
Fast umnittelbar nach jenem glänzenden Triumphe seines Werkes hatte er sich allen Lobeserhebungen und Huldigungen entzogen und war „in die Wildniß gegangen", wie Fürst Adelsberg lachend auf jede Anfrage erklärte. Wo diese Wildniß lag, erfuhr
Alle Rechte Vorbehalten.
G. Mevnev.
aber niemand; Egon behauptete, er habe sein Wort gegeben, den Aufenthalt seines Freundes nicht zu verrathen, der nach all den Aufregungen der Ruhe bedürfe und schon nach einigen Tagen zurückkehren werde. Es wußte in der That niemand, daß Hartmut Rojanow sich in Rodeck befand.
An einem trüben, kalten Wintermorgen hielt vor dem Palast der Preußischen Gesandtschaft der Wagen des Herrn von Wallmoden. Es schien sich aber diesmal um einen weiteren Ausflug zu handeln, denn die Diener trugen Pelze und Reisedecken in den Wagen, während sich oben in dem Zimmer, wo man soeben das Frühstück eingenommen hatte, der Gesandte von Oberst Falkenried verabschiedete.
„Also auf Wiedersehen morgen abend!" sagte er, ihm die Hand reichend. „Bis dahin sind wir jedenfalls zurück, und Du bleibst ja noch einige Tage hier."
„Da der Herzog es ausdrücklich wünscht, allerdings!" bestätigte der Oberst. „Ich habe das bereits nach Berlin gemeldet und mein Bericht ist ja gleichzeitig mit dem Deinigen abgegangen?'
„Jawohl, und ich denke, man wird zufrieden sein mit diesen Berichten; aber das war eine heiße Zeit, man kam ja kaum zur Ruhe in den letzten Tagen! Jetzt ist, Gott sei dank, alles geordnet, und nun kann ich es mir auch erlauben, einmal vierundzwanzig Stunden abwesend zu sein und mit Adelheid nach Ostwalden zu fahren."
„Ostwalden heißt Dein neuer Landsitz? Ich erinnere mich, Du sprachst gestern davon. Wo liegt er denn eigentlich?"
„Etwa zwei Meilen von Fürstenstein entfernt. Als wir dort waren, machte mich Schönau auf das Schloß aufmerksam, und ich habe es schon damals besichtigt. Es ist eine ziemlich umfangreiche Besitzung, in dem berühmten ,Waldeß sehr schön gelegen, aber der Preis war anfangs zu hoch, und deshalb zogen sich die Verhandlungen hin. Erst jetzt nach meiner Rückkehr wurde der Kauf endgültig abgeschlossen."
„Ich glaube, Ada ist nicht ganz einverstanden mit Deiner Wahl, sie scheint irgend etwas gegen die Fürstensteiner Gegend ^ zu haben," warf Falkenried ein; der Gesandte zuckte gleichgültig ^ die Achseln.
ALam menzeichen.
Roman von