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„Eine Laune, nichts weiter! Adelheid war anfangs ganz entzückt von Ostwalden, und später erhob sie alle möglicheil Einwendungen dagegen; aber ich kann darauf keine Rücksicht nehmen. Ich werde voraussichtlich längere Zeit auf meinem hiesigen Posten bleiben und liebe es nicht mehr, im Sommer weite Reisen zu machen. Da ist mir ein Landsitz, der in vier Stunden von der Stadt zu erreichen ist, von großem Werthe. Das Schloß ist allerdings in seinem jetzigen Zustande ziemlich vernachlässigt, aber es läßt sich etwas daraus machen. Mit einem entsprechenden Umbau kann man es zu einem wahren Prachtsitze nmwandeln, und das beabsichtige ich zu thun. Ich will es deshalb noch einmal eingehend besichtigen, damit die Baupläne möglichst bald festgestellt werden können, und überhaupt bin ich ja noch gar nicht als Besitzer dort gewesen."
Er verbreitete sich mit großer Behaglichkeit über seine Pläne und Absichten. Herbert von Wallmoden, der ursprünglich nur ein geringes Vermögen besaß und sich sehr hatte einrichten müssen, fand es jetzt auf einmal für nöthig, sich an einem Orte anzukaufen, wo er doch nur vorübergehend weilte, und für seinen Sommeraufenthalt einen fürstlichen Landsitz zur Verfügung zu haben, aber er fand es nicht für nöthig, dabei auf die Wünsche seiner Frau Rücksicht zu nehmen, deren Reichthum es ihm ermöglichte, den Großgrundbesitzer zu spielen.
Falkenried mochte beim Zuhören wohl solche Gedanken hegen, aber er äußerte nichts. Er war seit den letzten Tagen womöglich noch starrer und finsterer geworden, und wenn er wirklich im Gespräch eine Frage that oder eine Bemerkung machte wie vorhin bei dem Gutskaufe, so hörte man es seinem Tone an, daß das eben nur mechanisch geschah, weil er doch irgend etwas sprechen mußte. Nur als Adelheid jetzt eintrat, schon vollkommen reisefertig, ging er mit einiger Lebhaftigkeit auf sie zu, um ihr den Arm zu bieten und sie zu dem Wagen zu führen. Er hob sie hinein, und Wallmoden, der ihr folgte, beugte sich noch einmal aus dem Schlage.
„Wir kommen jedenfalls morgen zurück — auf Wiedersehen!"
Falkenricd grüßte und trat zurück — ihm war es sehr gleichgültig, ob er den Jugendfreund überhaupt wiedersah oder nicht, auch das war längst erstorben. Aber als er die Treppe wieder Hinaufstieg, murmelte er doch halblaut:
„Arme Ada — sie hätte auch ein besseres Los verdient!"
In Fürstenstein ging inzwischen alles seinen gewohnten, ruhigen Gang. Willibald befand sich seit einer Woche dort. Er war allerdings zwei Tage später gekommen, als er ursprünglich beabsichtigt hatte; aber daran trug die Verletzung an seiner Hand schuld, die er sich, seiner Erklärung nach, durch eigene Unvorsichtigkeit zugezogen hatte und die jetzt bereits in voller Heilung begriffen war. Der Oberforstmeister fand, daß sein künftiger Schwiegersohn sich in der kurzen Zeit sehr zu seinem Vortheil verändert habe, daß er viel ernster und bestimmter geworden sei, und äußerte hochbefriedigt zu seiner Tochter:
„Ich glaube, der Willy fängt an, menschlich zu werden! Man merkt es auf der Stelle, wenn die Frau Mama einmal nicht an seiner Seite steht und kommandirt."
Im übrigen hatte Herr von Schönau nicht viel Zeit, sich um das Brautpaar zu kümmern, da er gerade jetzt mit Amtsgeschäften überhäuft war. Der Herzog hatte bei seinem Aufenthalt in Fürstenstein allerlei Aenderungen und Neuerungen in der Forstverwaltung angeordnet, auf die Vorschläge des Oberforstmeisters selbst, und dieser war nun mit vollem Eifer dabei, das alles vorzubereiten und auszuführen. Er sah und hörte es ja täglich, daß Antonie sich mit ihrem Bräutigam im besten Einvernehmen befand, daher überließ er die beiden meistentheils sich selber.
Inzwischen war in Waldhofen im Hause des Doktors Volkmar Angst und Sorge eingezogen. Die Krankheit des Doktors, die anfangs zu keinen Besorgnissen Anlaß gegeben hatte, nahm Plötzlich eine sehr gefährliche Wendung, und bei dem Alter des Kranken erschien der Zustand mehr als bedenklich. Da er dringend nach seiner Enkelin verlangte, so wurde sie telegraphisch herbeigerufen; sie hatte auch sofort den erbetenen Urlaub erhalten, ihre Rolle in „Arivana" wurde anderweitig besetzt, und sie selbst eilte unverzüglich nach Waldhofen.
Bei dieser Gelegenheit nun zeigte Antonie eine wahrhaft rührende Anhänglichkeit an die Jugendfreundin. Tag für Tag ging sie nach dem Bolkmarschen Hause, um Marietta, die mit ganzer Seele an ihrem Großvater hing, zu trösten und aufzurichten. Willibald schien zu diesen Tröstungen gleichfalls noth- wendig zu sein, denn er ging regelmäßig mit, und der Oberforstmeister fand es natürlich, daß man sich des „armen kleinen Dinges" nach Kräften annahm, um so mehr, als es in seinem Hause eine unverschuldete Kränkung erlitten hatte, die er noch heute seiner Schwägerin nicht vergeben konnte.
Endlich, nach drei bangen Tagen und Nächten, siegte die kräftige Natur Volkmars, die Gefahr war gehoben und sichere Hoffnung auf Genesung vorhanden. Herr voll Schönau, der dem Doktor freundschaftlich zugethan war, freute sich aufrichtig darüber, und so schien alles wieder in bester Ordnung zu sein.
Da zog ein dräuendes Ungewitter von Norden heran. Urplötzlich, ohne jede Anmeldung erschien Frau von Eschenhagen in Fürstenstein; sie hatte sich nicht einmal Zeit genommen, in der Stadt anzuhalten, wo ihr Bruder lebte, sondern kam geradeswegs voll Bnrgsdorf und brach nun wie ein wirkliches Ungewitter bei ihrem Schwager ein, der eben ganz behaglich in seinem Zimmer saß und die Zeitung las.
„Alle guten Geister — Du bist es, Regine!" rief er erschrocken. „Das nenne ich eine Ueberraschung; aber Du hättest uns doch wenigstens eine Nachricht schicken können."
„Wo ist Willibald?" fragte Rechne statt aller Antwort in einem unheilverkündenden Tone. „Ist er in Fürstenstein?"
„Natürlich, wo sollte er denn sonst sein? Er hat Dir doch seine Ankunft hier gemeldet, so viel ich weih."
„So laß ihn rufen — auf der Stelle!"
„Was machst Du denn eigentlich für ein Gesicht?" fragte Schönau, der jetzt erst die Aufgeregtheit seiner Schwägerin bemerkte. „Brennt es in Burgsdorf oder was ist sonst los? Auf der Stelle kann ich Dir übrigens Deinen Willy nicht herbei- schaffen, denn er ist augenblicklich in Waldhofen —"
„Bei dem Doktor Volkmar vermuthlich! Und sie ist wohl gleichfalls dort?"
„Welche .sie'? Toni ist allerdings mitgegangen, sie besuchen jetzt täglich das arme kleine Ding, die Marietta, die anfangs ganz verzweifelt war. In dem Punkte habe ich übrigens noch ein Wort mit Dir zu reden, Frau Schwägerin. Wie konntest Du das Mädchen so tief kränken, noch dazu in meinem Hause? Ich habe es erst nachträglich erfahren, sonst —"
Ein lautes, grimmiges Anflachen der Frau von Eschenhagen unterbrach ihn. Sie hatte Hut und Mantel auf den ersten besten Stuhl geworfen und trat jetzt dicht vor ihren Schwager hin.
„Willst Du mir vielleicht noch Vorwürfe machen, weil ich versuchte, das Unheil abzuwehren, das Du selbst auf Dein Haus herabgezogen hast? Freilich, Du bist ja stets blind gewesen, Du hast auf meine Warnungen nicht hören wollen — jetzt ist es zu spät!"
„Ich glaube, Du bist nicht recht bei Tröste, Regine," sagte der Oberforstmeister, der wirklich nicht wußte, was er davon denken sollte. „Wirst Du mir endlich sagen, was das alles heißen soll?"
Regine zog ein Zeitungsblatt hervor und reichte es ihm, während sie mit dem Finger auf eine Stelle deutete:
„Lies!"
Schönau begann zu lesen, und jetzt allerdings wurde auch sein Gesicht dunkelroth vor zorniger Ueberraschung. Die betreffende Stelle, die aus der süddeutschen Hauptstadt datirt war, lautete folgendermaßen:
„Wie wir erst jetzt erfahren, hat am letzten Montage in dem entlegensten Theil unserer Anlagen in früher Morgenstunde ein Pistolenduell stattgefunden. Die Gegner waren ein in der hiesigen Gesellschaft wohlbekannter Herr, Graf W., und ein junger norddeutscher Gutsbesitzer, W. v. E., der sich augenblicklich hier zum Besuch befindet bei seinem Verwandten, einer hochgestellteil diplomatischen Persönlichkeit. Als Veranlassung des Streites, der zum Duell führte, wird ein Mitglied unseres Hoftheaters genannt, eine junge Sängerin, die sich übrigens des besten Rufes erfreut. Graf W. wurde an der Schulter verwundet, Herr von E. trug nur eine leichte Verletzung all der Hand davon und ist sofort abgereist."
„Da schlage doch der Donner drein!" brach der Oberforstmeister wüthend los. „Der Bräutigam meiner Tochter schlügt