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sich um Mariettas willen! Daher stammt also die Verletzung, die er mitgebracht hat, das ist ja allerliebst! Was weißt Du davon, Regine? Meine Zeitung hat die Notiz nicht gebracht."
„Aber die meinige! Die Nachricht stammt aus einem Eurer Blätter, wie Du siehst. Gestern las ich sie und bin sofort hierhergeeilt; ich habe nicht einmal Herbert ausgesucht, der noch nichts von der Sache wissen muß, sonst hätte er mich unterrichtet."
„Herbert kommt heute mittag," sagte Schönau, indem er die Zeitung heftig auf den Tisch warf. „Er ist mit Adelheid in Ostwalden und hat mir geschrieben, daß er den Rückweg über Fürstenstein nehmen und einige Stunden hier bleiben werde. Möglicherweise kommt er deswegen, aber das ändert nichts an der Geschichte selbst. Ist der Junge, der Willy, denn toll geworden?"
„Ja, das ist er!" fiel Frau von Eschenhagen mit der gleichen Empörung ein. „Du hast mich ja verspottet, Moritz, als ich es Dir vorhielt, daß Du Dein Kind nicht dem Umgänge einer Komödiantin preisgeben dürftest. Daß die Sache eine solche Wendung nehmen könnte, ahnte ich allerdings nicht, bis zu dem Augenblick, wo ich entdeckte, daß Willy, daß mein Sohn, verliebt war in diese Marietta Volkmar. Ich entriß ihn augenblicklich der Gefahr und kehrte mit ihm nach Burgsdorf zurück, das war der Grund unserer plötzlichen Abreise, den ich Dir verschwieg, weil ich Willys Zustand für eine flüchtige Verirrung hielt. Der Junge schien ja auch vollständig wieder zur Vernunft gekommen zu sein, sonst hätte ich die neue Reise nicht zugegeben, und der Sicherheit wegen stellte ich ihn unter den Schutz meines Bruders. Er kann nicht länger als drei oder vier Tage in der Stadt gewesen sein, und nun müssen wir das erleben!"
Sie warf sich ganz erschöpft in einen Lehnstuhl, der Ober- sorstmeister dagegen begann stürmisch im Zimmer auf und nieder zu schreiten.
„Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste!" rief er. „Das Aergste ist die Komödie, die der Junge mir und seiner Braut hier vorgespielt hat. Da läuft mein armes Kind Tag für Tag nach Waldhofen und tröstet und hilft, wie es nur weiß und kann, und der Herr Bräutigam läuft immer mit und benutzt das zu den Zusammenkünften, das ist ja himmelschreiend! Du hast etwas Schönes erzogen an Deinem Mnstersohne, Regine!"
„Denkst Du vielleicht, ich werde ihn entschuldigen?" fuhr
Regine auf. „Er soll mir, uns beiden, Rede stehen, deshalb bin
ich gekommen. Er soll mich kennenlernen!"
Sie hob wie zu einem Racheschwur die Hand empor, und
Schönau, der noch immer durch das Zimmer stürzte, wiederholte
zornschnaubend:
„Ja, er soll uns kennenlernen!"
Da öffnete sich die Thür, und mitten in diese Aufregung hinein trat die verrathene Braut, Fräulein Antonie von Schönau, ruhig und bedächtig wie immer, und sagte im harmlosesten Tone:
„Ich höre eben von Deiner unvermuteten Ankunft, liebe Tante -— herzlich willkommen!"
Sie erhielt keine Antwort, statt dessen schallte ihr von zwei Seiten die grimmige Frage entgegen:
„Wo ist Willibald?"
„Er wird sogleich kommen, er ist nur auf einige Minuten zu dem Schloßgärtner gegangen, da er noch nichts von der Ankunft seiner Mutter wußte."
„Zum Schloßgärtner? Wohl wieder, um Rosen zu holen wie damals?" brach Frau von Eschenhagen los; der Oberforstmeister aber breitete die Arme aus und rief in erschütternden Tönen:
„Mein Kind, mein armes verrathenes Kind, komm zu mir! Komm in die Arme Deines Vaters!"
Er wollte die Tochter an seine Brust reißen, aber da kam Regine von der anderen Seite und riß sie gleichfalls an sich, indem sie ebenso erschütternd rief:
„Fasse Dich, Toni, Dir steht ein furchtbarer Schlag bevor, aber Du mußt ihn tragen. Du mußt Deinem Bräutigam zeigen, daß Du ihn und seinen Verrath verabscheust in tiefster Seele!"
Diese stürmische Theilnahme hatte etwas geradezu Beängstigendes, aber zum Glück besaß Antonie starke Nerven; sie machte sich los aus der doppelten Umarmung, trat zurück und sagte mit ruhiger Entschiedenheit:
„Das fällt mir gar nicht ein, der Willy fängt jetzt erst an, mir eigentlich zu gefallen."
„Um so schlimmer!" fiel Schönau ein. „Armes Kind, Du weißt ja noch nichts, ahnst noch gar nichts! Dein Bräutigam hat sich geschossen, hat ein Duell gehabt um einer anderen willen!"
„Das weiß ich, Papa."
„Um Mariettas willen!" erläuterte Frau von Eschenhagen.
„Das weiß ich, liebe Tante."
„Aber er liebt Marietta!" schrieen jetzt die beiden einstimmig.
„Weiß ich alles!" erklärte Toni mit überlegener Miene. „Schon seit acht Tagen."
Die Wirkung dieser Erklärung war eine so niederschmetternde, daß die beiden wüthenden Herrschaften verstummten und sich ganz verblüfft ansahen. Inzwischen fuhr Toni mit unzerstörbarer Gelassenheit fort:
„Willy hat mir gleich nach seiner Ankunft alles gesagt; er sprach so schön und herzlich, daß ich weinte vor Rührung, und gleichzeitig traf ein Brief von Marietta ein, in dem sie mich um Verzeihung bat, das war noch viel rührender. Da blieb mir doch nichts anderes übrig, als meinem Bräutigam sein Wort und die Freiheit zurückzugeben."
„Ohne uns zu fragen?" fuhr Regine auf.
„Das Fragen hätte in diesem Falle gar nichts genützt," sagte Antonie ruhig. „Ich kann doch nicht einen Mann heirathen, der mir erklärt, daß er eine andere liebt. Wir haben deshalb in aller Stille unsere Verlobung aufgehoben."
„So, und das erfahre ich jetzt erst? Ihr seid ja sehr eigenmächtig geworden!" rief der Oberforstmeister gereizt.
„Willy wollte schon am nächsten Tage mit Dir sprechen, Papa, aber nach einer solchen Erklärung hätte er doch nicht länger hier bleiben können, und nun kam gerade die schwere Erkrankung des Doktor Volkmar und Mariettas Ankunft. Sie war ganz verzweifelt, die arme Marietta, und dem Willy brach fast das Herz darüber, daß er sie in dieser Angst allein lassen und abreisen sollte, ohne zu wissen, welche Wendung die Krankheit nahm. Da schlug ich ihm vor, einstweilen noch zu schweigen, bis die Gefahr vorüber sei, aber ich ging täglich mit ihm nach Waldhofen, damit er Marietta sehen und trösten konnte. Sie waren mir so dankbar, die beiden, sie haben mich den Schutzengel ihrer Liebe genannt!"
Die junge Dame schien das wiederum sehr rührend zu finden, denn sie führte ihr Taschentuch an die Augen. Frau von Eschenhagen stand starr und steif wie eine Bildsäule, Schönau aber faltete die Hände und sagte mit einem Stoßseufzer:
„Nun, Gott segne Deine Gutmütigkeit, mein Kind! So etwas ist denn doch noch nicht dagewesen! Aber gemüthlich habt Ihr die Geschichte abgemacht, das muß man zugestehen. Du hast also ganz ruhig dabei gesessen und es mit angesehen, wie Dein Bräutigam einer anderen schön that?"
Antonie schüttelte unwillig den Kopf. Sie gefiel sich offenbar sehr in der Rolle eines Schutzengels und fand sich ohne große Schwierigkeit darein, da ihre Zuneigung zu dem Verlobten von Anfang an eine sehr kühle gewesen war.
„Von Schönthun war gar keine Rede, dazu war der Doktor viel zu krank," versetzte sie. „Marietta weinte fortwährend, und wir hatten genug zu thun, sie nur zu trösten. Ihr seht jetzt doch ein, daß ich ganz und gar nicht verrathen bin und daß Willy offen und ehrlich gehandelt hat. Ich selbst habe ihn aufgefordert, noch zu schweigen gegen Euch, und im Grunde geht die Sache doch auch nur uns beide an —"
„Findest Du das? Uns geht sie also gar nichts an?" warf der Oberforstmeister zornig dazwischen.
„Nein, Papa! Willy meint, man dürfe sich in solchem Falle gar nicht um die Eltern kümmern."
„Was meint Willy?" fragte Frau von Eschenhagen, die Lei dieser unerhörten Behauptung die Sprache zurückgewann.
„Daß man sich lieben muß, um zu heirathen, und da hat er recht," erklärte Toni mit ungewohnter Lebhaftigkeit. „Bei unserer Verlobung ist nicht die Rede davon gewesen, wir sind eigentlich gar nicht gefragt worden, aber zum zweiten Male lasse ich mir das nicht wieder gefallen. Ich sehe erst jetzt, was es heißt, wenn zwei sich von ganzem Herzen liebhaben, und wie merkwürdig Willy sich dabei verändert hat. Jetzt will ich auch so geliebt werden wie Marietta, und wenn ich nicht einen Mann finde, der mich ganz genau ebenso liebt, dann heirathe ich überhaupt nicht!"
Und mit dieser Erklärung, die an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ, schritt Fräulein Antonie hochgehobenen