Heft 
(1890) 32
Seite
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Tadeln Sie, was ich gethan habe? Begreifen Sie meine Handlungsweise?"

Nein, ich tadle sie nicht, Frau Gräfin. Ich begreife alles vollkommen."

Tromholts Mienen veränderten sich nicht, als er dies sagte, nichts rührte sich in seinem Gesicht.

Es sind geschäftliche Angelegenheiten, derentwegen Sie mich zu sprechen wünschten, wie mir Graf Snarre sagte. Vor allem aber drängt es mich, Ihnen zu danken mit tief bewegtem Herzen, daß Sie, mein unvergleichlicher Freund, sich abermals meiner an­nehmen. O, ich bittesehen Sie mich nicht so ernst, so strafend an! Ich weiß alles, was Sie sagen wollen, und habe auf alles ein Wort, das Sie besänftigen, das Sie versöhnen muß."

Tromholt wurde es schwer, sich dem Eindruck dieser rühren­den Sprache zu entziehen, aber er hatte sich vorgenommen, der Frau, die ihn nicht lieben konnte, auch nicht durch eine Miene zu ver- rathen, daß noch etwas von den alten Gefühlen in seiner Brust lebte.

Sie sind so gütig, wie Sie stets waren, Frau Gräfin. Ich danke Ihnen für Ihre Worte. - Erlauben Sie, daß ich jetzt das Geschäftliche berühre! Graf Utzlar besteht trotz mehrfacher Verhandlungen auf der geforderten Summe. Das Geld werde ich beschaffen. Ich fand jemand, der es darlehnsweise hergeben will. Es fragt sich jetzt nur, und das ist der Hauptzweck meines Kommens, ob Sie, ob Ihre Frau Mutter damit einverstanden sind-"

Susanne war in einen Stuhl gesunken. Ein Heer wider­strebender Gefühle bewegte ihre Brust. Sie hörte kaum, was er sagte, und als er geendet hatte, brachen die Thränen fluthend aus ihren Augen.

Gnädige Frau, Frau Gräfin!" rief Tromholt, von seiner Bewegung gegen seinen Willen fortgeriffen.

Es ist nichts," erwiderte sie sanft, seine Hand erfassend, denken Sie nicht böse von mir, Tromholt, ich bitte Sie darum, ich kann alles ertragen, nur den Verlust Ihrer Achtung nicht!"

Sie sah ihm mit einem so flehenden Blick in die Augen, daß es ihm bis in die Seele drang.

Einen Augenblick kämpfte Tromholt, dann sagte er weich, aber in demselben Ton der bisherigen Zurückhaltung:Glauben Sie, Frau Gräfin, in dieser für uns beide ernsten Stunde: ich bin derselbe, der ich war, seitdem ich Ihnen zum ersten Male gegenübertrat, und werde es bleiben. An meiner Achtung, meiner Freundschaft zweifeln Sie nie! Alles andere aber ist ausgelöscht ein für allemal, und obgleich es unzart erscheinen mag, dies zu berühren, ich sage es, weil ich will, daß unsere Freundschaft frei von falscher Sentimentalität sei. Was Sie auch thun und be­schließen, ich achte Ihre Gründe wie Ihre Handlungen, und mein aufrichtigster Wunsch ist, daß sie zu Ihrem Glück dienen. Was in meiner Kraft steht, will ich thun, Sie glücklich zu machen. Sie schulden mir keinen Dank dafür, denn daß ich es thun darf, das- das eben ist mein Glück, auf jedes, audere habe ich verzichtet.

Wundern Sie sich nicht darüber, auch ich habe ein Herz, und leicht ist mir der Verzicht nicht geworden.

Aber mein Wille ist stark, stärker als das schwache Herz, und er hat es bezwungen. Und nun, Frau Gräfin, nach diesem Be- kenntniß lassen Sie uns scheiden, ohne Unmuth, ohne Groll in ruhiger, wunschloser Uebereinstimmung. Meine Sorge soll sein, daß Sie Ihre volle Freiheit so schnell wie möglich wieder erlangen, und dann, dann hoffe ich, werden für Sie wieder glückliche, heitere Tage zurückkehren. Niemand kann es aufrichtiger wünschen als ich."

Seine Stimme bebte bei den Worten, er verneigte sich tief, drückte noch einmal die Lippen auf ihre Hand und entfernte sich rasch, während Susanne wie vernichtet zusammenbrach.

Tromholt hatte den Grafen Snarre nicht mehr gesprochen, er war sofort nach der Unterredung mit Susannen nach Limforden zurückgekehrt. Er befand sich in einer ungeheuren inneren Erregung. Die Scene hatte ihn mehr angegriffen, als er sich gestehen wollte; der übernatürliche Zwang, den er seinen Gefühlen auf­erlegt hatte, rächte sich an ihm, und all seine Willenskraft konnte ihn nicht vor der Erkenntniß schützen, daß er Susannen liebe, mehr denn je, und daß alle seine Bemühungen, diese Liebe zu bekämpfen, vergeblich sein würden, wenn er nicht eine Trennung herbeiführte. Aber sein Entschluß, jedes fernere Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden, war nicht durchführbar, so lang er in ihrem Dienst stand. Darum wollte er der' Qual ein Ende machen und, sobald das letzte Geschäft besorgt, sobald sie frei war, Limforden für immer verlassen, sich fern von ihr, in fremdem Land eine neue Stellung gründen.

Wie diese Angelegenheit am schnellsten zu ordnen sei, darüber sann er jetzt nach, und er mußte sich gestehen, daß die ein­fachste Lösung eben in der Annahme des Geldes liege, das Snarre in so großmüthiger Weise angeboten hatte. Allein diese einfachste Lösung war ihm gerade die peinlichste. Des Grafen er­regtes Wesen, als er ihm das Angebot gemacht hatte, kam Tromholt nun wieder in den Sinn. Was konnte Snarre veranlaßt haben, was berechtigte ihn dazu, eine solche Summe an eine Aufgabe zu wenden, die nicht die seinige war? Des Grafen vornehme Gesinnung, seine bekannte Galanterie reichten nicht hin, Tromholt dieses Räthsel zu erklären. Es mußte etwas anderes sein, und nichts lag näher als die Annahme, daß der Graf selbst Absichten auf Susannens Hand habe.

Ob sie ihm wohl ein Recht dazu gegeben hatte? Nein, das war nicht möglich, aber er hatte ihr vom ersten Tag ihrer Bekanntschaft an große Aufmerksamkeit erwiesen, er hatte sich an jenem Tag, an welchem der Bruch mit Utzlar stattfand, man konnte wohl sagen, just zur rechten Zeit, als ob er gerufen wäre, in Limforden eingefunden. Des Brandes wegen? Wohl möglich, aber thatsüchlich war sie unter seinem Schutze entflohen, hatte unter seinem Dach eine Zuflucht gefunden, seine Gastfreundschaft genossen. Immer klarer wurde es Tromholt, der sich dieser Waffe gegen seine immer wiederkehrende Schwäche selbstquälerisch be­diente, daß zwischen den beiden ein wenn auch noch unausge­sprochenes Einvernehmen bestand, und daß er auch hier nur ein Werkzeug war, anderer Pläne zu fördern.

Ein großer Schmerz, eine blinde Eifersucht überkam ihn bei dem Gedanken. Auch Susannens Benehmen, ihre Erregung bei seinem Anblick, ihre scheinbare Zerknirschung und die Milde, die Demuth, mit der sie ihm begegnet war, schienen ihm jetzt eine Absicht zu verbergen Haß gegen sie beide regte sich in seiner Brust.

Lange konnte indessen eine solche feindselige Stimmung bei Richard Tromholt nicht anhalten. Bald genug siegten die Vernunft und sein Edelsinn. Die Vernunft sagte ihm, daß eine Verbindung Snarres mit Susannen allerdings der beste und sicherste Ausweg aus allen Wirrnissen, ja daß sie das einzige Mittel sei, nach den schweren Schicksalsschlägen, welche die Familie Ericius betroffen hatten, deren Ansehen in jeder Beziehung wiederherzustellen und die letzte große Unternehmung des verstorbenen Ericius vor dem Untergang zu bewahren. Er konnte dem Charakter, der Thatkraft und der ritterlichen Gesinnung des Grafen Snarre seine Anerkennung nicht versagen. Snarre war zudem sehr reich und seit lange bemüht, seinen Besitz auf praktische Weise zu vergrößern. Wie, wenn der Graf Limforden kaufte? Dann war ja alles in der besten Ordnung, Utzlar abgefunden und er, Tromholt, frei! Alten konnte seine Stellung behalten und Bianca heimführen. Alle waren sie glück­lich, und er, nun, er würde sein Glück in einer neuen selbständigen Thätigkeit finden, soviel als ihm eben vom Schicksal beschieden war, gleichviel wo! (Fortsetzung folgt.)

Zur 75zül)rigen Jubelfeier der deutschen Burschenschaft.

(Schluß.) Von Georg Winter.

as politisch auf den: Wiener Kongresse durch das Uebelwollen der von Metternich geleiteten Diplomatie vereitelt wurde, eine Einigung für die große gemeinsame Sache des Vaterlandes, hier, in Jena gelang es, in engerem Rahmen zwar, aber getragen von der jubelnden Zustimmung der Theilnehmer. Die Absichten und Be­

strebungen der Begründer der Burschenschaft gingen ohne alle Frage auf hohe und ideale Ziele: auf gründliche wissenschaftliche und sitt­liche Ausbildung, Reform des akademischen Lebens im Sinne einer freien Gemeinsamkeit; über allem aber schwebte die große Idee des gemeinsamen Vaterlandes, in dessen Dienste alle durch die akademische