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„Nein, — nichts in Geschäften, Herr!" gab der Alte mit zitternder Stimme zurück. „Ich komme in persönlichen Angelegenheiten. Dieser Tage war ich in Muckern -
Er stockte.
„Nun, laßt hören, Peter Elbe!" gab Tromholt milder zurück und lehnte sich tiefer in den Stuhl. Ein kleiner Vogel zwitscherte in seinem Bauer; auf den Fensterbänken lag der Sonnenschein, und etwas Friedliches war ausgebreitet in dem Raum, in welchem der Mann mit dem sorgenvollen Herzen saß.
„Herr — Herr —" kam es bebend aus des Alten Munde. „Wo ist meine Tochter Jngeborg? Mein altes Herz ist mürbe. Ich bin am Ende!"
Nun ahnte Tromholt alles, was geschehen war. Er erhob sich langsam, stellte sich vor seinen Untergebenen hin, legte die Hände auf seine Schultern und sah ihn mit traurigen Blicken an. „Glaubt Ihr an Gott, Peter Elbe?" fragte er weich.
„Ja, Herr! Ich glaube an Gott, und ich glaube auch, daß er alles Böse straft. Mag der Mensch noch so geheime Wege Anschlägen, es giebt einen Hellen Tag, der bringt's ans Licht."
„Ihr seid ein alter Mann, ein braver Mann!" sagte Tromholt. „Aber Ihr habt die Augen eines Blinden. Kommt, setzt Euch! Ich weiß, was Ihr wollt. Antwort soll Euch werden, ohne daß Ihr fragt. Ich will Euch die Beschämung ersparen."
Und nachdem sich Peter Elbe, ohne daß diese Worte Eindruck auf ihn gemacht zu haben schienen, finsteren Blickes und seine Kappe in den Händen hin und herzerrend, niedergelassen hatte, sagte Tromholt: „Ihr kommt, um mit mir zu hadern! Euer Herz ist voll Zorn und Hitze, und am liebsten wäret Ihr wie ein unbesonnener Knabe mir an die Brust gesprungen, um Rechenschaft von mir zu fordern für das Schicksal Eures Kindes. Ihr hörtet auf die Stimme der Menge, die lästert und hetzt, und weil sie im Durchschnitt gemein ist, glaubt Ihr, alles sei Schmutz auf dieser Welt. Aber es giebt auch reine, ungetrübte Bäche mit Hellem Wasser. Ihr fragt, wo Eure Tochter Jngeborg ist. Uebergabt Ihr mir Euer Kind, da Ihr Euch an mich wendet? Nein! Wie kommt Ihr also zu solcher Frage? Hört! Ihr redetet ihr zu, den Kapitän zu heirathen, obwohl Ihr wissen konntet, daß sie ihn nicht liebe; aber Ihr dachtet an Euch, nicht an sie. Weil's Euch Wunsch war, sollte es für sie Gebot sein! Euch selbst trifft die Schuld an dem, was geschehen — nein, halt! Ich rede jetzt! Nachher könnt Ihr sprechen.
Im letzten Augenblick, da sie wußte, daß Larsen ein Schurke sei, entfloh sie. Sie fürchtete ihn und Euch. Sie fürchtete ihren Vater, hört Ihr, bei dem sie doch alles finden sollte, was ihr Herz trösten konnte. Sie ging nicht aufs Schiff. Sie kam in derselben Nacht auf Umwegen nach Limforden, fiel vor mir nieder und rief: -Schütze mich, hilf mir!' Ich sagte: ,Wie viel Herzeleid bereitest Du Deinem alten Vater!' Da weinte sie bitterlich. Und doch verlangte sie, daß ihr Vater nichts erfahre! Sie fürchtete sich! Ich sag's noch einmal!"
Und nun erzählte er dem Alten alles, was inzwischen mit seiner Tochter geschehen war bis auf den Tag, da er sie aus Larsens Händen befreit und im Hause der Frau Erwins untergebracht hatte.
„So, nun sprecht Ihr, Peter Elbe! Aber vorher noch eins! Das Mädchen hat sich unter meinen Schutz gestellt, und Anrechte auf sie habt Ihr so lange verwirkt, bis Ihr sagt: ,Ja, Herr, ich trug auch Schuld. Und ich willls wieder gutmachen!'"
Der alte Elbe stand eine Zeit lang sprachlos und ließ das greise, zitternde Haupt auf die Brust sinken. Als er's wieder erhob, standen schwere Thränen in seinen Augen, und schluchzend klang es aus seinem Mund: „Können Sie es mir vergessen, Herr Direktor?"
„Ja, ich kanrüs, und noch mehr!" erwiderte Tromholt milde, indem er ihm die Hand, nach der Elbe schüchtern getastet hatte, hinreichte. „Ich fühle und fühlte mit Euch, und wenn Ihr nicht selbst zu mir gekommen wäret, wäre ich zu Euch gekommen und hätte trotz Eurer Tochter Bitten und Verbot Euch alles gesagt. Nur die Arbeit, die Sorgen und Lasten hier ließen mich nicht dazu gelangen." —
Noch lange saßen die beiden Männer beisammen. Als sie sich trennten, war's Nachmittag geworden. Dann hielt der Wagen vor der Thür, und Tromholt fuhr nach Snarre.
Draußen an der Grenze des Parks begegnete ihm Graf Utzlar, der eine Cigarre rauchte und mit ftinem Stock auf die jungen Erlen- büsche hieb, die am Uferrande des Baches standen. Er wußte, wohin Tromholt fuhr, und grüßte, wenn auch ein wenig die Farbe wechselnd, wie ein wohlwollend aufgelegter Gebieter seinen Diener grüßt.
Bald waren sie sich aus den Augen entschwunden. Als Richard in Snarre anlangte, stand der Graf zufällig auf der Freitreppe vor der Thür und fütterte die Tauben. Sobald er des Gastes ansichtig wurde, trat er ihm höflich entgegen und geleitete ihn nach seinen: Arbeitszimmer, das mit der anstoßenden Bibliothek die ganze rechte Seite des Schlosses von der Halle aus einnahm.
„Nun, was bringen Sie?" fragte er gespannt, nachdem Tromholt sich niedergelassen und die ihm allgebotene Cigarre ab- gelehnt hatte. „Ich bin außerordentlich begierig!"
Tromholt aber sagte: „Ich hoffte eigentlich, von Ihnen oder vielmehr durch Sie Neues von der Gräfin zu höreil, die wohl zweifellos Nachrichten voll ihrer Mutter erhalten hat. Bei uns stehen die Dinge wie vordem. Graf Utzlar besteht auf seiner Forderung, die, wie die Verhältnisse liegeil, unerfüllbar ist. Frau Erwins hat mich zwar mit unbeschränkter Vollmacht, die Verhandlungen zu führen, ausgerüstet, allein-"
Tromholt stockte in einiger Verlegenheit.
„Könnten Sie denn im Nothfall die Summe sofort anschaffen?" fragte der Graf, für den Tromholt nach Susannens Bekenntnissen ein Gegenstand ganz besonderen Interesses war.
„Nein! Wir haben sie nicht," entgegnete Tromholt kurz.
„Und was ist null Ihre persönliche Ansicht in der Sache?"
„Wenn die Gräfin will, muß das Opfer gebracht werden - "
„Recht so!" entgegnete Snarre, „und wenn - - wenn - "
Er unterbrach sich, zog an seinem Schnurrbart und sah Tromholt an, als ob er ihm weiterhelfen solle.
„Sie meinen, Herr Graf?"
Snarre hätte gern gesagt: ,Verfügen Sie über meine Kasse!' Aber das Gespräch mit Susanne hatteihm seine frühere Unbefangeil- heit geraubt, und sein Zartgefühl sträubte sich gegen einen Vorschlag, der hätte mißdeutet werden können.
Um so angenehmer war er überrascht, als Tromholt, nun mehr das Schweigen brechend, anhob: „Erlauben Sie mir einmal eill offenes Wort, Herr Graf! Würden Sie gegebenenfalles helfeil, Frau Susanne voll dem Burschen zu befreien, der drüben in Limforden noch immer den Herrn spielt und seine Laune in Ermangelung eines besseren Gegenstandes all den Parkbüschen ausläßt, die er mit seinem Spazierstock bearbeitet?"
„Ja!" rief Graf Snarre lebhaft, indem er aufsprang und dicht vor Richard hilltrat. „Befreien will ich sie so bald wie möglich. Aber eines, Tromholt, versprechen Sie mir: die Gräfin darf nie etwas davon erfahren, daß ich es war, der die Summe vorstreckte, niemals, verstehen Sie? Unter dieser Bedingung steht Ihnen das Geld heute noch zur Verfügung, und ich verzichte ein für allemal auf Kapital und Zinsen."
Tromholt war über die rückhaltlose Gewährung seiner kaum angedeuteten Wünsche ebenso überrascht wie erfreut, aber das Geld als Schenkung für Susanne entgegenzunehmen, dagegen sträubte sich sein Inneres doch.
Er setzte dies auch dem Grafeil mit ruhigem Ernst auseinander, behielt sich bezüglich eines Anlehens seine Entschlüsse vor und bat schließlich, der Graf möchte ihn bei Susannen anmelden lassen, mit der er vor ihrer Abreise nach Kiel, die, wie der Graf ihm mitgetheilt, schon am nächsten Tag stattsinden sollte, Rücksprache nehmen müßte.
Snarre beeilte sich, seine Bitte zu erfüllen, und da der ab geschickte Diener mit der Nachricht zurückkehrte, die Frau Gräfin befände sich im Park, so ging er selbst, sie von Tromholts Allwesenheit zu benachrichtigen.
Richard blieb indessen in des Grafen Zimmer, betrachtete die Bilder an den Wänden ohne tieferes Interesse und war so ganz seinen Gedanken hingegeben, daß er Susannens Eintreten überhörte.
Nun wandte er sich um.
Wie schön sie war! ,Sei mein Weib!' hätte er ihr auch jetzt wieder zurufen mögen, -sei mein, und ich will alles vergessen, denn meiil Leben hat kein anderes Ziel, als dich!' Aber er bemusterte sich, ihre Antwort voll damals kam ihm wieder in den Sinn, und je heftiger die Bewegung war, in die ihn ihr Anblick versetzte, desto kälter und förmlicher war die Verbeugung, mit derer sie nun begrüßte.
Susannen entging Tromholts tiefe innere Bewegung nicht.
„Sie wollten mich sprechen, Herr Tromholt," begann sie mit bebender Stimme, „und Sie erfüllen damit nur meinen eigenen Wunsch, ein Bedürfniß, das ich lange scholl empfand und dem ich vielleicht früher hätte Ausdruck verleihen sollen."
Tromholt verbeugte sich abermals, diesmal fast noch gemessener.