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daß man das Unheil nicht in etwas durch rechtzeitig getroffene Maßnahmen gemindert habe. Was die bayerische Forstverwaltung zu hören bekam anläßlich dieses Unglückes, das vorwiegend den Staat getroffen hat, läßt sich nicht einmal andeuten. Allein was ist menschliches Können und Wollen höherer Gewalt gegenüber! Den Milliarden von Nonnen hätten auch alle Forstleute der Welt nicht den Raubeinfall verwehren können. Zudem haben sich alle Versuche gegen das Massenauftreten der Schmetterlinge als wirkungslos erwiesen.
ab, durch einen Wildzaun abgesperrt. Roth- und Rehwild mag dieses Parkthor abhalten, die vom Forstamt vorgezeichnete Grenze zu überschreiten, die gefräßige Nonne nicht. Schon em scheinen einzelne Fichten sonderbar weißlich, wie mit Mehl bespritzt, über das schmutziges Wasser gegossen wurde. Am Baum stamme sitzen die Falter wie angeklebt, doch noch vereinzelt. Wir haben das Parkthor hinter uns und wandern unter klatschendem Regen die tiefausgefnhrene Straße quietschenden Fußes weiter. Ein schmaler Waldweg, links und rechts eingefaßt von kolossalen Baumriesen! Schon macht die Färbung stutzen, die Wipfel sind nicht grün, sondern rostbraun — dann aber baumabwärts nichts
W
Holzhauer in dem von der Wonne zerstörten Walde.
Ich will versuchen, den Eindruck eines Ganges durch den Hauptherd der Nonnenverwüstung, den Ebersberger Park an der Bahnlinie München-Rosenheim, zu schildern.
Wer in Kirchseeon, dem Sitze einer Anstalt zum Kyanisiren der Lärchenschwellen (eine vom Engländer Kyan erfundene Beizmethode, welche den Eisenbahnschwellen große Dauerhaftigkeit verleiht), die Bahn verläßt, wird verwundert auf das frische Grün der angrenzenden Bestände blicken, das in nichts eine Waldkatastrophe ahnen läßt.
Allein dort an der Straße, die forsteinwärts die Höhe hinanzieht, sind Soldaten des bayerischen Eisenbahnbataillons mit der Aufrichtung von Telephonstangen beschäftigt, und weiter unten wird die Waldbahn ausgesteckt, die. in wenigen Wochen an 10 000 Tagwerk geschlagenes Holz zur Hauptbahn führen soll.
Die blanken Telephonstangen werden zum Führer in das Nonnengebiet, ein schmales Sträßlein biegt auf der Berghöbe XXXVIII. Nr. 35.
als dürre, abgestorbene Aeste, von weißen Flechten behängen, zum Himmel gestreckten Armen gleich, von denen das Gewand wallend herabhängt. Wie es so eigen durch diese unzähligen Bäume tropft!
Der Regen träufelt ohne Hinderniß von der Krone hindurch auf den Boden, der besäet ist mit abgestorbenen Nadeln; kein Ast mehr im grünen, erquickenden Behang, sondern gelbweißlich oder schmutziggrau, und so der Stamm bis herab zur Wurzel! Bei näherem Zusehen ergiebt sich, daß Hunderte und Tausende von Faltern Stamm undÄeste belagern. Der Landregen zwingt augenblicklich das Jnsektenvolk zur unfreiwilligen Ruhe, aber trockene warme Luft macht es schwirren, und in weißen Wolkenschwärmen zieht es wäldermordend weiter. Es erfüllt bei regnerischer Witterung auch der auf einem Hügel aufgestellte „Exhaustor", der statt „Ausschöpfer" eigentlich „Einhancher" genannt werden sollte, seinen Zweck als Nonnenfänger nicht. Ein seltsamer Anblick, dieser rothbehalste Exhaustor, dem zur Seite zwei Lokomobilen, eine zur
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