Die Zwergraffen.
Plauderei von Or. Adolf Äeilborn.
urch die frühesten Märchen und Sagen der Menschheit wandelt ein Heer von kleinen Wesen, mit übernatürlichen Kräften begabt, voll Klugheit, List und Tücke, und bald den Menschen wohlgesinnt, bald ihnen üble Ranke spinnend. Das langlebige Gedächtnis fast aller Völker bewahrt solche Er
innerungen an ein Zwergengeschlecht der Vorzeit, und die prähistorische Forschung unserer Tage hat jetzt den Kern in dieser Hülle der Dichtung nachzuweisen vermocht. Um nur ein Beispiel zu nennen: die Alberich und Mime und Laurin haben wirklich gelebt, vielleicht nicht als Individuen, so zu sagen als geschichtliche Persönlichkeiten, aber doch in ihrer Gesamtheit, ein eingeborenes Zwergenvolk, den einwandernden großen Rassen an mancherlei geheimen Kenntnissen überlegen und fremd.
Es dürfte zweckmäßig sein, vorerst die Begriffe „Zwerg" und „Zwergrasse" in Kürze zu erläutern. In den Panoptiken lassen sich von Zeit zu Zeit Menschenwunder von winziger Statur sehen, die wir Zwerge nennen. Solche winzigen Menschlein, die in erwachsenem Zustand von Kopf bis zu Füßen einen Meter oder nur wenig darüber, oft auch beträchtlich darunter messen, hat es zu allen Zeiten gegeben, und der berühmte belgische Statistiker Ouetelet hat gezeigt, daß sich ganz regelmäßig in jeder größeren Volksgemeinschaft, in jedem „sozialen Organismus" eine bestimmte Anzahl solcher Zwerge findet. Wir wissen auch, daß dieser Zwergwuchs eine pathologische Erscheinung ist, daß er die Folge einer durch ganz frühzeitige Rhachitis (englische Krankheit) bedingten, vollständigen Entwicklungshemmung ist. Mit diesen pathologischen Zwergen, die in der Regel Kinder normaler Eltern, selbst aber nicht fortpflanzungsfähig sind, haben die Rassenzwerge oder, wie man sie mit einem Worte Homers häufig nennt, die Pygmäen wenig oder gar nichts zu schaffen. Soweit die Menschheit bisher von den Anthropologen gemessen worden ist, haben sich in ihr drei rassenfest verschiedene Körperhöhen unterscheiden lassen, Höhen von 1,70 Meter und darüber, solche, die um 1,60 Meter schwanken, und solche endlich von rund 1,40 Meter. Zur ersten Gruppe gehören beispielsbalber die blonden Nordgermanen (wie nament
lich die Schweden), in die zweite u. a. die Brünetten Europas, die dritte Gruppe schließlich erfüllen die Pygmäen, die Zwergrassen. Noch vor nicht langer Zeit betrachtete man auch diese Pygmäen gleich den pathologischen Zwergen lediglich als ein Naturspiel, als eine jener wunderlichen Blüten, die die unendlich vielgestaltige und vielgestaltende Natur von Zeit Zu Zeit am Baume der Entwicklung hervorsprießen läßt. Die neuere Forschung aber glaubt, gestützt auf eine Reihe wichtiger Entdeckungen, den Zwergrassen einen höchst bedeutsamen Platz im Entwicklungsgänge der Menschheit anweisen zu sollen, und davon wird im folgenden die Rede sein.
Schon 1874 hatte man in der Höhle zum Keßlerloch bei Thayingen in der Schweiz bei Grabungen neben den Knochen ausgestorbener Tierarten und prähistorischen Gerätschaften menschliche Skelettreste gefunden, die einem beinahe ausgewachsenen Individuum von ganz außerordentlich niederem Wüchse angehört haben mußten. Die fast vollständig erhaltenen Zähne zeigten, daß dieser Mensch mindestens 25 Jahre alt gewesen war, denn im Kiefer stak bereits der sogenannte „Weisheitszahn". Alle vorhandenen Knochen waren außerordentlich klein und zierlich. Der ziemlich gut erhaltene Oberschenkelknochen maß 32 Zentimeter, das entspricht einer Körperhöhe des lebenden Individuums von nur rund 1,20 Meter. Aber diesem vereinzelten Pygmäenfunde wurde zunächst keinerlei besondere Bedeutung zuerkannt; er galt vielmehr lange Zeit hindurch nur als Kuriosität. Allgemach jedoch entdeckte man fast in ganz Mitteleuropa in prähistorischen Höhlen der älteren und jüngeren Steinzeit solche Überreste von Rassenzwergen. Die französischen Prähistoriker Lapouge, Verneau und Abbe Tournier beschrieben sie aus Höhlen in den Sevennen, den Pyrenäen, den Süd- alp en, in Burgund, der
Champagne und in Savoyen. Thi- lenius fand Pygmäenskelette in
Schlesien,
Gutmann ein solches von 1,25 Metern Körperhöhe bei Egisheim im Elsaß, und namentlich auch neuere Grabungen in Schweizer Höhlen förderten neue bedeutsame
Pygmäenreste Kaffer und Buschmann. (Südwestafrika.)
Pygmäen vom Semliki-Wald auf der Überfahrt nach England.
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