Heft 
(1906) 01
Seite
22
Einzelbild herunterladen

23

stehen mit den vermehrten Anforderungen, die in diesen höheren Schulen, von Klasse zu Klasse steigend, an die Leistungen der einzelnen Schüler gestellt werden.

Die Entwicklung der Erkrankungen können wir uns leicht vergegenwärtigen, wenn wir den Weg verfolgen, den unsere Kinder durch die Schule hindurch zurückzulegen haben.

Blühend und gesund überliefern wir sie, über die noch der ganze Zauber der Kindheit ausgestreut liegt, der Schule. Sie, die bisher gewohnt waren, nach Herzenslust in Haus und Flur spielend und lärmend sich umherzutreiben, sind nun mit einem Male zu langem Sitzen in meist wenig gelüfteten Räumen, zu einseitig gesteigerter geistiger Tätigkeit, Lei er­zwungener Körperruhe, zu lautloser Bravheit verurteilt. Da kann es gar nicht anders sein, als daß sich den veränderten Lebensbedingungen entsprechend gar bald eine körperliche Um­wandlung mit ihnen vollzieht. Wer hätte es nicht an seinen eigenen Kindern erlebt, daß die frischen roten Backen bald schwinden und eine gewisse Schlaffheit sich im ganzen Wesen des Kindes bemerkbar macht.

Die Physiologie lehrt uns, daß nur diejenigen Organe eine reichliche Zufuhr von Blut und damit das Material zu einer normalen Ernährung und zu gesteigertem Wachstum er­halten, die dauernd in Tätigkeit erhalten werden. Ist ein Organ zur Untätigkeit verurteilt, so vermindert sich unabwend­bar seine Ernährung und damit seine Leistungsfähigkeit.

So zeitigt denn auch die erzwungene Körperruhe beim Schulkinde bald ihre Folgen. Es leiden in kurzer Zeit alle jene Tätigkeiten der Körperorgane, für die Muskelarbeit unbedingt notwendig ist. Die gesamte Blutmenge nimmt ab; das Herz, das nicht mehr genug zu arbeiten hat, entwickelt sich schlechter, und es werden ebenso wie die Bewegungen des Herzens auch die Atembewegungen flacher und seltener. Die verringerte Tätigkeit des Herzens und der Lunge wirkt dann ihrerseits wieder schädigend auf die Körpermuskulatur ein, der Appetit verliert sich, und es leidet schließlich der ganze allgemeine Ernährungszustand des Kindes.

Glücklicherweise lehnt sich nun aber die Natur des Kindes selbst gegen den ihm angetanen Zwang auf, sobald es der Schulstube ledig ist. Das von der leitenden Aufsicht befreite Kind springt fröhlich und mutwillig, unter lautem Lärmen und Schreien nach Haus.

Nun wird das Kind älter. Die Stundenzahl nimmt zu; die geistige Anstrengung wird größer; es paßt nicht mehr für das Mädchen oder den Jungen, nach Hause zu laufen, fein gesittet muß der Weg von und nach der Schule zurückgelegt werden. Zu Hause müssen die Aufgaben für den nächsten Tag gemacht werden. Es kommen noch Musikstunden hinzu, für die fleißig geübt werden muß, und der Tag geht herum, ohne daß eine der geistigen Arbeit entsprechende körperliche Leistung ermöglicht worden wäre. So geht es Jahr für Jahr. Ist es da zu verwundern, wenn die körperliche Aus­bildung des Kindes allmählich Schaden leidet? Ganz gewiß nicht! Und so entwickeln sich denn Bleichsucht und Blutarmut und im Anschluß an diese Leiden Verdauungsstörungen bei so vielen Schülern und Schülerinnen.

Aber diese Leiden wären noch in Kauf zu nehmen, weil sie verhältnismäßig leicht zu beheben sind. Viel schlimmer ist eine Reihe anderer Erkrankungen, weil sie

einmal erworben, für das ganze Leben bestehen. Ich meine hier die Kurzsichtigkeit, die Verkrümmungen des Rückgrates und die Nervosität.

Durch vielfache Untersuchungen hervorragender Fachmänner ist festgestellt worden, daß in den höheren Klassen der Mittel­schulen und der Gymnasien etwa 40 v. H. der Schüler kurz­sichtig sind. Hinsichtlich des Geschlechts ergab sich, daß von Knaben doppelt so viel Prozent kurzsichtig waren als von Mädchen. So erhielt Hermann Cohn, indem er das Mittel aus den Durchschnittsverhältniffen aller Schulen zog, vom 1. Semester bis zum 14. Lebensjahre die ununterbrochen aufsteigende Reihe 0,4, 4,8, 8,6, 11,3, 24,1, 49,5, 63,6 v. H.

Als Ursachen dieser Zunahme der Kurzsichtigkeit haben sich lange anhaltendes Lesen und Schreiben bei matter Beleuchtung und kleiner Schrift, schlechte Schulbänke, zu starkes Vorneigen des Kopfes und Rumpfes bei der Arbeit, zu enge Kleider, namentlich zu enge Kragen erwiesen.

Es entwickeln sich aber bei den Schülern nicht nur Kurz­sichtigkeit, sondern auch Schwäche der Augenmuskeln, leichte Ermüdbarkeit und andere Augenstörungen.

Daß die besonderen Schuleinrichtungen hierbei eine Rolle spielen, zeigen neuere Untersuchungen von Kirchner, die in zwei in bezug auf ihre hygienisch-optischen Ver­hältnisse verschieden einzuschätzenden Berliner Gymnasien er­hoben worden sind.

Nächst der Kurzsichtigkeit sind es die Rückgratverkrüm­mungen, die mit allen ihren Folgezuständen von seiten der Lunge, des Herzens, der Leber und des Magens eine erschreckende Häufig­keit, namentlich in den höheren Klassen der Mädchenschulen aufweisen. Statistische Ermittlungen haben ergeben, daß von 100 solcher Mädchen 70 eine schlechte Haltung haben, während bei etwa 30 v. H. schwere Verkrümmungen der Wirbelsäule vorliegen.

Die Ursache dieser schlechten Haltungen und Verkrümmungen ist zumeist schlechtes und anhaltendes Sitzen, namentlich beim Schreiben auf schlechten Schulbänken, sehr häufig noch dazu in zu engen, unzweckmäßigen Korsetten.

Als dritte der mehr und mehr um sich greifenden Er­krankungen wurde die Nervosität der Schuljugend genannt.

Die Nervosität zeigt sich in verschiedener Weise. Nament­lich sind Schlaflosigkeit, Unruhe und Reizbarkeit, Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, anhaltende Kopfschmerzen und Nasenbluten zu nennen. In den untersten Klassen kommen diese Erscheinungen nur dann und wann einmal vor, in den oberen Klassen mehren sie sich dagegen außerordentlich, so daß sie schließlich nach Untersuchungen gewissenhafter Ärzte etwa bei der Hälfte aller Schüler gefunden werden. Kotelmann fand, daß von 515 Schülern des Johanneums in Hamburg im Alter von 9 bis 11 Jahren 17,02 v. H. an Kopf­schmerzen litten, daß dann mit den aufsteigenden Stufen der Kopfschmerz ununterbrochen zunahm und im Alter von 18 bis 20 Jahren ein Satz von 50 v. H. erreicht wurde. Daß die genannten Klagen der Schüler dabei nicht etwa über­trieben sind, läßt sich sehr leicht Nachweisen. Ich will hier nur hervorheben, daß bei solchen Schülern vielfach gesteigerte Reflexe wahrgenommen werden, daß die Störungen im Empfindungsvermögen der Haut zeigen, daß sie beim Stehen mit geschlossenen Füßen ihre Augenlider nicht ge­schlossen zu halten vermögen. Ein englischer Arzt Francis Barren hat eine ganze Reihe derartiger, von ihm sogenannter Nervenzeichen" aufgestellt, die es gestatten, die beginnende Nervosität des Kindes schon verhältnismäßig frühzeitig zu erkennen.

Die Frage nach den Ursachen der Nervosität der Schul­jugend hängt innig zusammen mit der sogenannten Über- bürdungsfrage. Es ist über diese Überbürdungsfrage in den letzten Jahren außerordentlich viel geschrieben und geredet worden, und es haben sowohl die Ärzte, wenn ich so sagen darf, von ihrem Standpunkte als Ankläger und die Pädagogen von ihrem Standpunkte als Verteidiger ihres Schulsystems über das Ziel hinaus geschossen. Zur Zeit haben sich die Ansichten geklärt, und es läßt sich darüber vom Standpunkte des objektiven Arztes etwa folgendes sagen:

Es ist eine bekannte Tatsache, daß bei allen übermäßigen physischen Anstrengungen der vorausgegangenen Erregung eine Ermüdung, eine Erschlaffung der Kräfte und schließlich eine funktionelle Störung in den betreffenden Organen folgt. So entsteht auch bei der geistigen Arbeit zunächst eine größere Erregung der Gehirnzellen. Steigert sich die geistige Tätigkeit übermäßig, so findet hier das Gleiche statt wie bei allen anderen Organen, d. h. die Ernährung der Gehirnzellen leidet Not, und es machen sich nun infolgedessen, daß von den Gehirn-