Heft 
(1906) 01
Seite
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zellen aus eine Rückwirkung auf den gesamten Organismus statthat, die vorher genannten Störungen geltend.

Namentlich wirkt das stetige Einerlei der geistigen Arbeit schadenbringend. Das Gehirn könnte schon die gleiche Arbeit leisten, ohne Schaden zu leiden, wenn ihm nur nicht eine dauernde Arbeit Zugemutet würde, wenn sich vielmehr Arbeit und Erholung in gleichmäßiger Weise abwechseln würden.

Daß es nun bei so vielen Schülern schließlich zu einer Schädigung des Nervensystems kommt, ist wesentlich in der einseitigen Inanspruchnahme der Gehirntätigkeit begründet. Es spielt aber auch eine Reihe anderer Einflüsse mit. Eine Reihe von Kindern bringt schon eine angeborene Disposition zur Nervosität mit in die Schule. Bei diesen Kindern haben sich also die bei den Eltern vorhandenen nervösen Störungen auf den Nachwuchs vererbt. Eine andere Reihe von Kindern leidet dadurch Schaden, daß sie zu früh in die Schule ge­schickt wird, zu einer Zeit, in der ihr Körper noch keines­wegs den Anstrengungen gewachsen ist, die der Schulbesuch nun einmal notwendig mit sich bringt.

Wieder eine andere Reihe von Schülern vermag den Unter­richtsstoff, der ihnen in den höheren Klassen geboten wird, nicht ohne Schaden für das Gehirn zu bewältigen. Es sollen nicht nur die alten und neueren Sprachen sowie die Mutter­sprache erlernt werden, es sollen auch in der Mathematik, in den Naturwissenschaften, in Geographie und Geschichte gründliche Kenntnisse erworben werden. Nun kommt aber noch ein anderes Übel hinzu. Alle die genannten Fächer können un­möglich von einem Lehrer allein gegeben werden, es mußten also Nebenlehrer aufgestellt werden. Das führte zur Aus­bildung des Fachlehrersystems Jeder Fachlehrer sucht natür­lich sein Fach in den Vordergrund zu stellen und das Best­mögliche hierin zu erreichen. In der ihm in den Schulstunden zur Verfügung stehenden Zeit ist ihm dies aber nicht mög­lich, und daher greift er zu dem bequemen Mittel der Haus­aufgaben.

So ist es gekommen, daß die Vollendung der häuslichen Arbeiten in den höheren Klassen oft vier, fünf, ja sechs Stun­den Zeit erfordert. Der Schüler strengt aber dabei nicht nur sein Gehirn unnötig an, er verkürzt sich auch vielfach seine Schlafzeit und begibt sich so des besten Mittels zum Schöpfen neuer Kraft für neue Arbeit.

Kinder bis zu zwölf Jahren sollten mindestens zehn bis zwölf Stunden schlafen. Jünglinge und Mädchen bis zu achtzehn Jahren mindestens neun bis zehn Stunden. Ermittelt man aber die wirkliche Schlafzeit der älteren Schüler, so kommen ganz andere Zahlen heraus. Auf einzelnen Gymnasien haben sich Schüler gefunden, die sich mit einer Schlafzeit von sechs Stunden begnügen müssen, und als Gesamtmittel der Schlafzeit aller im 17. bis 20. Jahre stehenden jungen Männer haben sich nur sieben Stunden ergeben. Die gesamte Zeit des Tages wird dabei meistens nur in sitzender Haltung zugebracht; als körperliche Übung aber kommen nur der Weg zur Schule und der Heimweg in Betracht.

Da ist es kein Wunder, wenn sich allmählich die geistige Übermüdung des Individuums einstellt.

Zu den Vorkehrungen, welche die Schulhygiene gegen die Überbürdung zu treffen hat, gehört die Festlegung der Lehr­pläne unter Ermäßigung der Lehrziele und Verminderung der immer mehr anwachsenden Stoffmassen. Schon jetzt gehen alle Bemühungen dahin, die Hauptarbeit in die Schule zu ver­legen und die Verlegung fast des gesamten wissenschaftlichen Unterrichtes auf den Vormittag zu ermöglichen.

Ich habe bisher stets das Wort Schulkrankheiten gebraucht. Es wäre aber völlig verfehlt, wenn man alle die körperlichen Störungen nur der Schule allein in die Schuhe schieben wollte. Einen ganz beträchtlichen Anteil an deren weiterer Ausbreitung tragen sicher auch die häuslichen Verhältnisse der Schüler.

Ich kann hier auf alle diese Verhältnisse nicht eingehen und muß mich darauf beschränken, nur einiges hervorzuheben. So sind ungesundes Wohnen, ungenügende Ernährung, psy­

chische Einflüsse in der Familie, Überlastung des Kindes durch Privatstunden in der Musik, im Zeichnen, in Sprachen, vor­zeitige Teilnahme an gesellschaftlichen Vergnügungen, frühzeitiger Gebrauch aufregender Genußmittel wie Alkohol und Tabak, beim weiblichen Geschlecht dazu noch das Einschnüren in enge Korsette Momente, die sicher geeignet sind, die Widerstands­fähigkeit des jugendlichen Organismus zu untergraben. In den Kreisen der minderbegüterten Familien wirkt vorzugsweise die Heranziehung der Kinder zu Erwerbsarbeiten benachteiligend ein. Es kann auf das umfassende Gebiet dieser neuerdings die Gesetzgebung sehr ernst beschäftigenden Materie hier nicht näher eingegangen werden. Ich will nur erwähnen, daß nach den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten im Deutschen Reiche 130 268 Knaben und 84 669 Mädchen zu Erwerbsarbeit herangezogen worden sind, Zahlen, die bei der Neigung der arbeitenden Bevölkerung, den Erhebungen aus­zuweichen, sicher noch weit hinter der Wahrheit Zurückbleiben. Erwägt man, daß die Erwerbsarbeit bei vielen Kindern schon sehr früh anfängt, so daß die Kinder gegen 3 oder 4 Uhr morgens das Bett verlassen und bis nach 9 Uhr abends tätig sein müssen, so kann man wohl den Schaden ermessen, der hieraus erwächst.

Weiterhin muß hervorgehoben werden, daß die Eltern vielfach nicht für Ordnung und Regelmäßigkeit in der Ausführung der häuslichen Arbeiten sorgen. Das Kind, das in der Schule eine zweckmäßige Schulbank hat, muß zu Hause an einem ganz ungeeigneten Tisch und bei schlechter Beleuchtung arbeiten. Die Arbeiten selbst werden dabei namentlich von den älteren Schülern gern erst nach dem Abendessen besorgt, während die allein passende Zeit vor dem Abendessen zum Herumbummeln in der Stadt verwendet wird.

Betonen will ich weiter, daß die Schüler nach dem Über­stehen einer schweren Krankheit geschont werden sollen, denn hierbei wird oft ganz unglaublich gesündigt. Statt daß man den Rekonvaleszenten die nötige Erholung gönnt, wird gerade er zur angestrengtesten Geistesarbeit gezwungen, damit er ja das Versäumte nachhole und nicht etwa sitzen bleibe. Ein solches Verhalten ist völlig verkehrt und wird sich stets an dem armen Kinde rächen.

In dem eben Gesagten ist der Versuch gemacht, einen Über­blick zu geben über die Entwicklung der sogenannten Schulkrank­heiten. Ich habe dabei in erster Linie zeigen wollen, daß die Störungen der Gesundheit, wie sie sich bei so vielen Schülern entwickeln, darauf beruhen, daß bei der heute üblichen Art der Erziehung unserer Jugend die geistige Ausbildung zu sehr in den Vordergrund gestellt, daß dagegen ihre körperliche Erziehung als Nebensache behandelt wird. Und doch sollte gerade das Umgekehrte der Fall sein, denn nur in einem gesunden Körper kann sich auch ein gesunder Geist entwickeln!

Die Störungen der Gesundheit, die sich bei dem Schüler oder der Schülerin während der Schulzeit entwickelt haben, bleiben ihnen gar oft für das ganze Leben hindurch anhaften, denn nur ein Teil der Geschädigten ist imstande, nach Beendignng der Lehrzeit einen Ausgleich herbeizuführen. In dieser Be­ziehung ist unsere männliche Jugend viel besser dran als die weibliche, denn der junge Mann erhält ja während seiner Militärdienstzeit reichlich Gelegenheit zur Entfaltung seiner Körperkräfte, und schon insofern ist die allgemeine Wehrpflicht ganz unschätzbar. Leider aber werden nur zu viele Schüler durch die Mängel der Schule so in ihrer Körperentwicklung gehemmt, daß sie für den Militärdienst untauglich befunden werden. Daß hier wirklich die Schule mit ihren gesteigerten Anforderungen die Schuld trifft, geht wohl unzweifelhaft daraus hervor, daß unter denjenigen Jünglingen, die die höheren Schulen besuchten, weit mehr zum Militärdienst untauglich befunden werden als unter jenen, die nur niedere Schulen besucht haben und dementsprechend nicht in die Lage gekommen sind, infolge der geistigen Überbürdung, kurzsichtig, engbrüstig und muskelschwach zu werden. So

wurden zum Beispiel nach den Angaben des preußischen Unter-