schnell verbreiteten, bei Uhrmachern und Maschinenbauern neue Anregungen zu solchen Fahrzeugen. wach. Statt Segel und Windrad dachte der Mensch auch seine eigene Körperkraft anzuwenden. So beginnen dann mit dem sechzehnten Jahrhundert die Nachrichten von Fahrzeugen, die wir heute als Glieder zwischen Automobil und Fahrrad ansehen müssen.
Die älteste Nachricht dieser Art bewahrt die Königliche Bibliothek zu Dresden in der Chronik des Petrus Albinus über die Stadt Pirna auf. Dort heißt es beim Jahre 1504:
„Selzamer wagen. Im (50H. (Jahr) unterstunde sich ein burger der fast viesirlich (im visieren, also in Mathematik und Mechanik, erfahren) war, einen wagen mit rädern und schraubengezeug zu machen, der folte ohne perdt, so einer darauff seß und fchraubete, für sich fahren.
Als er es nun wolt xrobiren gegen Dresden zwei meilen zu fahren und richtet alles nothdurfftig zu, furh er nicht weit, blieb in dem kot, der die zeit groß war, stecken; uff der eben und im truckenen hatte er es mögen enden. Dobey war ein groß weld volck (große Welt voll Volk), idermann wolt solch neue Ding sehen."
Wie dieser Wagen, an dem vor vierhundert Jahren jener Meister „fchraubete", in seinem Mechanismus ungefähr ausgesehen haben kann, veranschaulichen neun Entwürfe zu Kunstfahrzeugen, die wir in dem Prachtwerke „Kaiser Maximilians Triumph" finden.
Einen der Wagen zeigt Fig. 2 in starker Verkleinerung. Die Druckstöcke zu den Originalen dieser Wagenabbildungen besitzt heute noch die Kunstsammlung des Kaiserhauses in Wien. Von wem die Entwürfe zu den Wagen stammen, wissen wir nicht. Nicht einmal, von wem die Holzstöcke dieser Wagen gezeichnet sind, ist bisher sichergestellt. Nehmen wir, nicht, wie es neuerdings in einer Dürer-Monographie wieder geschah, diesen großen Meister, sondern Hans Burgkmair als Zeichner an, dann dürften die Entwürfe auf etwa 1618 anzusetzen sein. Ausgeführt wurden diese Wagen des nur allegorischen Triumphzuges wohl nie. Kaum eines der neun Ungetüme würde sich auf die angegebene Weise haben bewegen lassen. Beachtenswert ist an Fig. 2 die Kuppelstange zwischen den Triebrädern, die gleiche Kuppelstange, die wir heute zwischen den Triebrädern der Lokomotiven anwenden.
In Nürnberg, der alten Mechanikerstadt, war um die Mitte des 16. Jahrhunderts ein Erfinder von seiner Automobilidee sogar so eingenommen, daß seine Notizen und Zeichnungen nach dem Tode
„niemandt, dann meinem Lltisten Sohn, der meinen rod erleben wirdt"
anvertraut werden sollten. Und dieser sollte
„diß xuch bey seinem Aid niemandt eroffen, Lesen lassen noch ainiche Loxy darvon geben."
Der Meister hieß Berthold Holzschuher. Sein geheimes Buch besitzt heute das Germanische Museum in Nürnberg. Fig. 3 zeigt uns daraus den weitgehenden Entwurf des von ihm 1568 erdachten Fahrzeuges. Acht Männer drehen an den
Kurbeln, acht Fahrgäste zählen wir, das macht mit dem Mann am Steuer 17 Personen Besatzung dieses Ungetüms, das wohl nie weit gekommen wäre. Holzschuher will seinen Entwurf aber sogar zu einem derartigen Wagen mit Bollwerk und Kanonen ausbauen.
Erst hundert Jahre später gelang es zwei anderen Nürnberger Meistern, mechanische Wagen zu erfinden, die so gebaut waren, daß sie weite Berühmtheit erlangten.
Inzwischen war aber der Segelwagen in die Praxis getreten. Der ihn zuerst verwendete, war Prinz Moritz von Oranien, Statthalter der Niederlande, Erfinder des Wagens war der Mathematiker Simon Stevin. Wir kennen diese seinerzeit berühmten Fahrzeuge durch Flugblätter, durch eine Zeichnung auf einer Karte von Holland und durch eine Skizze (Fig. 4), die ein gewisser Andreas Selzinger sich in seinem Tagebuche auf einer niederländischen Reise machte. Die Erbauung dürfte in das Jahr 1599 fallen. Glaubwürdigen Berichten nach fuhr der Wagen auf seinen breiten Rädern längs der flachen Meeresküste in der Stunde sieben Meilen weit. Das ist für jene Zeiten eine außerordentlich große Geschwindigkeit, eine Geschwindigkeit, die nicht mal im Jugendalter der Dampfbahnen erreicht wurde. Bischof Wilkins sagt 1648 gar, diese Wagen, die „seit undenklichen Zeiten auf den Ebenen von China, sowie in Spanien im Gebrauch sind", könnten 20 bis 30 Meilen in der Stunde zurücklegen. Das glaube ich dem hochwürdigen Herrn aber nicht.
Die beiden berühmten Meister der Kunstfahrwagen, die vorhin erwähnt wurden, waren die Nürnberger Hautsch und Farfler.
Hans Hautsch, Zirkelschmied in der Ledergasse zu Nürnberg, war ein Genie. Leider aber auch ein Geheimniskrämer. Seine hervorragendste Erfindung ist der Windkessel an der Feuerspritze, wodurch er erst einen dauernd gleichmäßigen und hohen Wasserstrahl erzeugte. Hochtönende Flugblätter mit Abbildungen hinterließ uns der Erfinder zwar von seiner Spritze, wie von seinem Wagen, doch das „Wie" verriet er uns durch nichts. Der große Leibniz, der in Altdorf bei Nürnberg studiert hatte, bestätigt uns zwar in einem Briefe, daß Hautsch den
Fig. 4. Lolländischer Segelwagen um 1600.
Windkessel der Brandspritzen erfunden hat. Wie er aber seinen Wagen zuwege gebracht, darüber gehen die Meinungen der Späteren auseinander.
Die einen glauben ihm und sagen, der Wagen sei durch ein Uhrwerk bewegt worden. Das klingt, wenn man den Stand der Mechanik in der Mitte des 17. Jahrhunderts und
Fig. 3. Kunstwagen um 1558.