Heft 
(1906) 04
Seite
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Abstand hatte, Gesellschaft zu leisten. Sie stellten sich beide verschiedentlich recht ungeschickt an, und das machte Asta ungeduldig. Höflich nahmen sie ihre liebenswürdigen Hilfen wohl auf, aber doch kühl bis ans Herz hinan.

InOnkel Toms Hütte", dem sonst vielbesuchten, heute fast ganz leeren Reiterrendezvous, wurde eine kurze Frühstücks rast gemacht. Der Legationsrat und seine Frau kamen mit ihrer Verstimmung dabei nicht auf, denn der junge Wpschnewski war heute noch viel angeregter als sonst. Er erzählte allerlei Drolliges aus dem Marineleben, wodurch er Sabine und dann auch Asta zum Lachen brachte und dadurch allmählich zwang, auf seinen etwas ausgelassenen Ton einzugehen.

Auf seinen Vorschlag ward dann auch ein kleiner Spazier­gang nach dem Ufer des schmalen, schilfbestandenen Waldsees aus­geführt; die Pferde, die in dem großen Stall der Wirtschaft eingestellt waren, bedurften der kleinen Ruhepause, noch mehr be­durfte ihrer Frau von Tielernhorst-Trenklin, die seit dem Absteigen ziemlich wehleidig und kleinlaut geworden war und sofort Arm in Arm mit ihrer Freundin voranschritt, ohne sich nach Frau von Gamp umzusehen. Die Baronin war von einem soeben aus Potsdam eingetroffenen Paar, das sie von der Rennbahn her kannte und begrüßte, im Gespräch festgehalten worden, und Sabine war der guten Meinung, daß die beiden Herren Asta Gesellschaft leisteten. Das war aber nicht der Fall; der Legationsrat hatte sich vielmehr dem Schwager allein zugeseüt. Als Asta sich von den Potsdamern verabschieden wollte, sah sie die beiden Paare schon in zu großer Entfernung, als daß sie Neigung gehabt hätte, ihnen zu folgen. Sie wartete ihre Rückkehr also in einem anscheinend ganz flotten und interessierten Gespräch mit den Bekannten ab. Aber mit ihren Gedanken war sie nicht dabei. Und immer wieder wunderten auch ihre Blicke hinter den beiden Paaren drein. Sie empfand, nein sie wußte, daß jetzt da unten am Seeufer niemand anders als sie das Thema bildete. Es war ihr nicht entgangen, daß das Ehe­paar Tielernhorst-Trenklin ihr wenig freundschaftlich gesinnt war.

Was sprachen sie jetzt wohl über sie? Was wußten sie von ihr?

Ein trotziger Zug erschien auf ihrem Antlitz. Jedenfalls war mit den beiden eine neue Gefahr für sie aufgetaucht!

. . . Als sie wieder im Sattel saßen, bemerkte Asta, daß Sabine stark verstimmt war. Sabine fügte sich auch durchaus nicht dem Wunsche ihrer Freundin, die auf dem kürzesten Wege nach Berlin zurückkehren wollte. Sie setzte zum ersten Male, seitdem Asta sie kannte, ihr Köpfchen durch.Wenn du Zu müde bist, Berte, dann mag ich dir nicht Zureden. Reite mit deinem Mann zurück, wir machen noch eine Schleife nach der Havel hinunter und folgen über die Pichelsberge."

Allein, mit fremden Pferden?" fragte der Legationsrat ängstlich.Nein, das ist mir zu verantwortlich."

Unter militärischer Bedeckung natürlich!" sagte Sabine, den Oberleutnant mit einem besonderen Blick streifend.Ent­scheide dich also, liebe Berte!" Das kam wieder ziemlich kurz und bestimmt von Sabinens Lippen.

Der Erfolg war, daß der Legationsrat und seine Frau sich fügten. Aber sie taten es beide mit steinerner Miene. Da auf der weiteren Tour Herr von Tielernhorst-Trenklin im vorderen Gliede ritt, mußte Asta mit Sabinens Freundin die Nachhut bilden. Es war eine böse Stunde für sie. Ihre ganze gesellschaftliche Kunst scheiterte hier: die junge Frau setzte eine unnahbare Miene auf und gab auf die Bemerkungen der Baronin nur ganz kurz abgerissene, hochmütige Antworten.

Es kochte in Asta. Und eine nervöse Ungeduld bemäch­tigte sich ihrer mehr und mehr: so oft die drei da vorn aus dem Trab oder dem Galopp in die Schrittgangart fielen, be­gann eine lebhafte Debatte Zwischen ihnen. Asta entnahm es ein paar heftigen, ganz unreiterischen Bewegungen Sa­binens, bei denen ihr Fuchs erschrocken zu tänzeln begann, daß sie sehr erregt war. Offenbar verteidigte sie irgend etwas gegen Angriffe, die Tielernhorst-Trenklin vorbrachte.

Und wiederum wußte sie: das Thema bildete sie!

. . . Die lustige, sonnige Stimmung, wie sie zwischen Sabine und dem Marineoffizier beim Ausritt geherrscht hatte, war jedenfalls ganz und gar entschwunden. Zuerst hatte ihre Freundin Berte sie zu bearbeiten gesucht, um das kamerad schaftliche Verhältnis zwischen ihr und der Baronin zu erschüttern, jetzt unterzog sich Bertens Gatte der wenig erfreulichen Aufgabe. Und wenn sie wenigstens bestimmte Tatsachen hätten Vorbringen können; aber es waren nur un kontrollierbare Gerüchte, die über die arme Frau umliefen, und denen sie ohne weiteres Glauben geschenkt hatten.

Wie käme ich dazu, auf ein reines Gerede hin Asta so tief zu demütigen? Man spricht über sie man will wissen man hat gehört? Nein, wie ich das hasse!"

Herr von Wpschnewski nahm, schon Sabine zu Ge fallen und weil er der Baronin für ihre Protektion Dank schuldete, ebenso freimütig ihre Partei. Die diplomatische Kunst des Legationsrats reichte in diesem Falle nicht aus, denn wirk liche Tatsachen wußte er nicht, durch deren vorsichtige oder teilweise Enthüllung er hätte Terrain gewinnen können.

Übrigens Hab' ich Asta ja zufällig gerade bei Bertens Mama kennengelernt," warf Sabine hin.

Wohl eben zufällig. Wer so stark überlaufen wird wie meine Schwiegermama ihrer schrecklichen Basargeschichteu wegen, der kann nicht immer wählerisch sein. Du darfst nur die leichte Kritik nicht übelnehmen, Heinrich!" setzte er für den Schwager hinzu.

Sabine war mehr böse als gekränkt: die überlegen

hochmütige Art von Bertens Gatten hatte sie schon gereizt, noch bevor er das heikle Thema aufgebracht hatte. Sie brauchte jetzt Bewegung, körperliche Betätigung, um wieder Herrin über sich zu werden. Ungeduldig suchte sie ihren Fuchs in Galopp zu setzen. Er reagierte auf den Sporn so übertrieben, daß es dabei stets zu einem kleinen Tanz kam. Da er in­folge von Sabinens Erregung schlecht geführt worden war, so befand er sich schon in starker Unruhe. Er machte nun jäh­lings einen Satz zur Seite, stieg und verfiel dann mit einem erneuten Sprung in ein Galopptempo, wie es Sabine noch nicht geritten hatte. Die beiden anderen Pferde wurden davon angesteckt und mit fortgerissen, und so kam es zu einer Pace, über die sich Asta, als sie an der nächsten Waldecke die drei dahinrasen sah, nicht wenig wunderte. Wohl oder übel mußte Frau von Tielernhorst ihren Zuckeltrab nun auch aufgeben.

Atemlos, mit feuchter Stirn, gelangten die drei Reiter, die über einen Bahnübergang wegfegten, endlich auf einen chauffierten Weg, die Prinzessinnenallee, auf dem die Pferde das Tempo von selber verlangsamten.

Plötzlich parierte Sgbine energisch und zwang ihren Fuchs, Schritt zu gehen.Alles was man gegen meine Freundin vor bringt," nahm sie kampflustig das Gespräch wieder auf,kann man jeder Frau nachsagen, die das Unglück so wie sie getroffen hat."

Der Legationsrat verwünschte schon das Thema. Er wäre viel lieber längst aus dem Sattel und daheim im Schaukel stuhl bei einer Zigarette gewesen. Aber zurücknehmen wollte er durchaus nichts.Die meisten Frauen eben, meine Gnädigste, die ein solches Unglück erlebt haben, suchen die Stille, die Einsamkeit. Frau von Gamp aber strebt danach, Mittelpunkt zu werden."

Wer so glänzende Talente hat wie sie-!"

Aber es sollen doch nicht einmal die äußeren Mittel vor­handen sein. Sind Sie darüber unterrichtet?"

Gewiß. Asta hat mir sogar gesagt, sie wäre arm."

Man muß es wohl noch negativer ausdrücken."

Wie meinen Sie das?

Herr von Soter und seine Frau Tochter sollen infam viel Schulden haben."

Sollen, sollen! - Haben Sie auch davon gehört, Herr von Wvschnewski?"

Der Seeoffizier lachte und zeigte seine weißen Zähne. Möglich. Aber derlei Dingen messe ich kein allzu großes Gewicht bei. Das kommt im den besten Familien vor."

Schlimm genug, Herr Schwager."