Heft 
(1906) 04
Seite
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Ja, leichtsinniges Huhn wie ich, liebster Benno! Jemine- infam viel Schulden Hab ich doch auch und bin trotzdem ein netter Kerl. Oder etwa nicht?"

Sabine amüsierte sich.Wie ulkig Sie das Vorbringen!"

Ja, Mama gegenüber geht mir's natürlich nie so leicht über die Lippen. Aber beichten muß ich ihr's doch vor jeder Auslandsfahrt. Und wenn's erst einmal hm auf die Hochzeitsreise geht o du mein!"

Sabine mußte über seine übertrieben zerknirschte Miene hell auflachen. Ihre Blicke tauchten dabei wieder für eine Sekunde ineinander. Sie hatte viel für ihn übrig, vielleicht gerade, weil er in allem genau das Gegenteil seines so überaus korrekten, ängstlichen und dabei anmaßenden Schwagers war.

Ich hatte hierbei ja nur ein Amt und keine Meinung, mein gnädigstes Fräulein!" suchte der Legationsrat möglichst kühl das Thema abzuschließen.Meine Frau wollte bloß, daß ich Sie auf dies und das aufmerksam machte; ein privates Urteil Hab' ich mir ja nicht erlaubt."

Sabine fand es geradezu feig, daß er sich aus diese Weise den Rückzug zu decken suchte.Über das geringe tatsächliche Material war ich gottlob schon ausreichend unterrichtet," gab sie überlegen zurück.Meine Freundin Asta hat mich bei Gelegenheit selbst in alles eingeweiht."

So, so. Dann war es ja allerdings überflüssig."

Gewiß, Herr Legationsrat."

Sie ritten nun schweigend nebeneinander her. Erst nach einer längeren Pause sagte Tielernhorst, da er's nicht ver­winden konnte, abgeblitzt zu sein:Wenigstens werden Sie die

freundschaftlichen Gründe anerkennen und billigen, mein gnädigstes Fräulein. Man wollte Ihnen doch bloß Vorsicht anempfehlen."

Sie hob stolz den Kops.Ihre liebe Frau, Herr Lega tionsrat, hat mit achtzehn Jahren einen Gatten gewählt; ich glaube, mit einundzwanzig selbständig genug zu sein, um mir eine Freundin aussuchen zu können."

Famos!" entfuhr es dem Oberleutnant, den dasKlug­schnacken" des Schwagers nun schon lange genug verdrossen hatte.Die Gefahr ist ja auch wesentlich kleiner."

Wer weiß!" erwiderte der Schwager. Er schien es absolut nicht dulden zu wollen, daß ein anderer das letzte Wort behielt.

Sabine nahm ihn nun schon gar nicht mehr ernst.Das ist ja wieder eine höchst geheimnisvolle Anspielung."

Wer sagt Ihnen denn, daß sich's dabei um nichts weiter als um Ihre Freundschaft handelt?"

Um meine Freundschaft nicht? Um was sonst?"

Alle Welt spricht doch davon."

Wovon?"

Daß die Gnädige Ihrem Herrn Papa in heraus­forderndster Weise die Kur schneidet. Uelata rotow!" setzte er sofort hinzu, da er beunruhigt den allzu starken Eindruck seiner Worte gewahrte.

Sabine hatte zuerst nicht ganz begriffen. Ihr Blick warn derte von einem ihrer Begleiter zum anderen.Herr von Wyschnewski," stieß sie fast atemlos aus,was sagen Sie dazu?"

Aber ich bitte Sie, gnädigstes Fräulein! Nein, Benno, hör' mal, das ist aber wirklich unverantwortlich!"

Weichen Sie mir nicht aus! Jetzt müssen Sie offen sein, Herr von Wyschnewski, ich verlange es! Ihnen hat man das auch gesagt?"

Mein Gott .

Und Sie haben geschwiegen?!"

Der Seemann zuckte die Achseln.Wenn Sie gleich so außer sich geraten! Was ist denn dabei? Ihr Papa ist Witwer sie ist frei!"

Das ist ja so entsetzlich so entsetzlich ist das! Mama sollte . . . Das sollte alles vorbei sein?!"

Aber regen Sie sich doch nicht so auf! Nein, Benno!"

Sie konnte ein Ausschluchzen nicht unterdrücken.

Bitte, bitte, gnädiges Fräulein! Nein, bitte, seien Sie mir doch nicht böse! Was kann denn ich dafür?!"

Lassen Sie mich! Ich will nichts mehr hören!"

Sie kämpfte mit ihrem Pferd, das wieder zu tanzen be­gann. Ein paar Tränen hingen in ihren Wimpern. Indem sie den Arm hob, um sie mit dem Handrücken wegzuwischen, bemerkte das Pferd, das den Kopf rechts gestellt hatte, die hastige Bewegung der Peitsche in der Luft. In der Er Wartung eines Schlages ließ es die rechte Flanke weichen, warf den Kopf nach der anderen Seite herum und brach au^ der Reihe aus, sofort wieder in einen stürmischen Linksgalopp fallend. Und sausend ging's davon.

Die Unruhe im vorderen Glied, eine ungeschickte Bewegung des Legationsrats, durch die er fast auf den Hals seines Pferdes geriet, als dieses, am Stallgenossen klebend, mit davon galoppierte, nahm sich für die dem kleinen Trupp folgenden Damen fast komisch aus. Aber ein jäher, durchdringender Aufschrei Sa binens jagte ihnen dann sogleich einen starken Schrecken ein.

Asta gab ihrem Pferd das Eisen und setzte dem Trupp nach.

Nach einer halben Minute schon hatte sie den Legations­rat eingeholt. Ohne sich nur ihn zu bekümmern, fegte sie an ihm vorbei. Sie sah etwa hundert Meter vor sich Herrn von Wyschnewski, der in einem ihr ganz fremden Elan seinen Falben bei jedem Galoppsprung von neuem mit Sporen und Schenkeln vorwärts trieb.

Weit voraus raste der Araber dahin.

Mein Gott!" stieß Asta angstvoll aus, als sie das Bild gewahrte.

Sabine schien beim Angaloppieren den Steigbügel ver­loren zu haben, sie hing ganz aus der linken Seite deo Sattels, ohne jede Herrschaft über das Pferd.

Eine aufregende Jagd entspann sich nun.

Asta beschleunigte das Tempo so sehr sie konnte, nur den Fuchs einzuholen und zur Raison zu bringen. Aber die Witterung des Durchgängers, vielleicht auch sein Gehör, war so scharf, daß er die Verfolgung merkte. In langgestreckter Pace fegte er weiter die kerzengerade an einem Graben hin­führende Waldschneise entlang.

Rufen durfte man nicht, um den Fuchs nicht noch mehr zu ängstigen. So konnte Asta der in verzweifelter Hilflosig keit nur noch halb im Sattel Hängenden nicht einmal eine Weisung geben. Alles Zerren an Kandare und Trense ver­schlimmerte jetzt nur die Aufgeregtheit des Tieres. Die Reiterin mußte den Fuchs auslausen lassen, sich nur unter allen Um ständen im Saltel halten. Denn ein Absturz in diesem Tempo, zudem hart am Waldsaum, am Rande des Grabens, war mit der größten Lebensgefahr verbunden.

Astas scharfer Sporn mußte das Pferd schon blutig gerissen haben, so energisch trieb sie's zu immer größerer Eile an.

Aber der Zwischenraum verkleinerte sich Noch immer nicht.

Jäh überfiel Asta plötzlich der Gedanke: dieser Waldweg führte direkt auf den Abhang zu, der nach dem Havelufer abfiel!

Wenn es Sabine nicht gelang, den Fuchs im letzten Augenblick noch herumzureißen, so war sie unrettbar verloren, mitsamt ihrem Renner, der sich in diesen: Parforcetempo aus der um zwanzig, dreißig Meter abstürzenden Waldbodenfläche zweifellos Überschlag.

Hinter ihr das geängstigte Rufen und Schreien der anderen sie hörte nichts mehr die Blicke ihrer starr aufgerissenen Augen klammerten sich an die schlanke, leichte, hilflose Gestalt da vorn.

Der runde, kleine Hut war Sabine in den Nacken ge rutscht- jetzt löste sich auch ihr tiefsitzender, dunkelblonder Haarknoten. Sie tastete plötzlich unter einem grellen Aufschrei in die Luft ... Gleich darauf fehlte ihre Gestalt über dem Pferderücken, man sah nur noch den rotbraunen, dampfender: Leib des vorwärts jagenden Arabers.

Aber abgestürzt war sie nicht: die Wegstrecke zwischen der: beiden Pferden blieb leer.

Da da!" Asta schrie es laut hinaus in ihrer Angst.

Die Reiterin war links aus dem Sattel hinab gerutscht, ihr Hut schleifte auf der Erde, sie hing aber noch mit den: Knie oben im hornförmigen Aufsatz des Sattels.

8 *