Heft 
(1906) 04
Seite
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so arg dezimiert, daß die jährliche Ausbeute an Fellen schließ­lich im Durchschnitt nur noch etwa 3000 Stück betrug. Heute gehen dank den strengen Jagdgesetzen auf jenen Inseln im Stillen Ozean jährlich wieder vom Mai bis Oktober schät­zungsweise fünf Millionen Seelöwen ans Land, von denen aber nicht mehr als 100 000 Stück getötet werden dürfen. In unseren deutsch afrikanischen Kolonien sucht man neuerdings der Ausrottung des Elefanten und anderen Großwildes dadurch zu steuern, daß man sehr hoch normierte Jagdscheine ausgibt. Was die Amerikaner konnten, was die Engländer anstreben, was die

Russen erreichten, sollten das wir Deutsche uicht auch können, und nicht zuletzt in unserem Deutschland, wo es u. a. in letzter Stunde den Biber zu retten gilt? Professor Conwentz (Danzig) schlug jüngst in einer Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde vor, dem Staate den Schutz der Naturdenkmäler nach genauer Aufnahme und Kartierung der vorhandenen Naturdenkmäler und schutzbedürftigen Naturcharaktere ebenso dringend ans Herz zu legen, wie es die Kunsthistoriker bereits mit gutem Erfolge für die Kunstdenkmäler taten. Auch uns scheint dieser Weg allein zum Ziele zu führen.

*

Die Freunde.

(3. Fortsetzung.) Novelle von Georg

insilbig wunderten die beiden Männer der Hütte zu, die zwei Stunden oberhalb Suldens hart am Fuße des Ortler liegt. Der Weg führte sie wieder bis zu den Hängen der Legerwand, dann quer über Steinmoränen des Gletschers, zu­letzt über wildes Geröll und mageren Grasboden hinauf an das Ufer des Gratsees. Schon begann die Dämmerung die Umgebung der Hütte in ihre traurigen, dunkelen Farben zu hüllen, als sie an dem klaren Wasserspiegel vorbeischritten. Ein großer Block ragte aus ihm empor, er glich aus der Ferne einem breitschultrigen Manne, der bis zum Gürtel im See stehend, sich tief über irgend etwas im Wasser bückte.

Der See hatte etwas Tiefernstes, fast Totes. Als Unterbauer zu ihm Hinabstieg, um in einem Blechkruge Wasser zu schöpfen, während Steinhof unterdessen in der Hütte Feuer anzündete, flogen einige Vergdohlen vom Ufer auf und kreisten neugierig und schreiend über seinem Haupte. Die schwarzen Vögel über dem schwarzen Wasser erschienen llnterbauer wie die Boten irgend eines Unheils. Er hob ärgerlich einen Stein auf und warf nach ihnen, aber die Vögel ließen sich nicht verscheuchen, und ihre neckenden, zornigen Rufe verstummten nicht. Es war, als ärgerten sie sich über das Eindringen der Fremdlinge in ihr Reich, als wollten sie diese warnen, sich weiter vorzuwagen.

Als er in die Hütte zurückkehrte, fand er den Freund am flackernden Herde bereits in emsiger Tätigkeit. Er hatte auf dem Tische die den Rucksäcken entnommenen Vorräte aufgelegt, hatte Bestecke hervorgesucht und beeilte sich nun, eine Suppe zu kochen.

Bei der gemeinsamen Mahlzeit wurde auch Unterbauer ge­sprächig, denn Steinhof hatte den Freund an frühere gemein­same Touren erinnert, an ähnliche Abende in irgend einer Klubhütte, an geteilte Gefahren und Genüsse, an vielerlei Bekannte und Freunde, die man in den Alpen gefunden hatte. Unmerklich fast wurde dadurch das alte brüderliche Verhältnis zwischen ihnen wieder hergestellt, und Unterbauer vergaß für einige Stunden, daß er noch eben nahe daran gewesen war, den Freund zu hassen.

Wenn nur die Nacht nicht gewesen wäre! Die Nacht, die ihn mit ihren unheimlichen Geräuschen, mit ihrem leisen Wind­geheul, mit dem Klappern der Holzläden und dem Herum­tasten an Dach und Wand lange wach erhalten würde.

Und im unruhigen Schlaf kam es diesmal über ihn wie ein Fieber. Er sah Ellen am Fenster des Hotels im weißen Gewände mit aufgelöstem Haare, umstrahlt von der glanz­vollen Helle des Zimmers. Er streckte im Traume die Arme nach ihr aus, er rief ihren Namen, aber unsichtbare Fäuste hielten ihn fest, bannten ihn, daß er sie nicht umfangen konnte. Diese harten Hände waren die des Freundes, waren Steinhofs Hände. Da rang er mit ihm, Haß im Herzen, keuchend. Brust an Brust kämpften sie. Neben Ellen stand der Professor, auf seinem stets ruhigen Gesicht zeigte sich kein Mitleid für ihn, er schien mit dem abwägenden prüfenden Blicke des Ge-

von der Gabelentz.

lehrten den Ausgang des Kampfes abzuwarten. Über ihnen aber kreisten wieder mit boshaften und triumphierenden Rufen die schwarzen Dohlen. Welcher Kampf!

Immer mehr drängte ihn Steinhof zurück, er fühlte seine Muskeln erlahmen, immer weiter entschwand ihm das liebliche Mädchenantlitz, immer lauter schrien die Dohlen. Er verstand ihre Sprache und sie riefen ihm zu: Dem Sieger soll Ellen gehören!

Nun bäumte er sich keuchend empor, mit Aufbietung ber­ichten Kräfte.

Plötzlich fühlte er hinter sich den Boden sinken, er ahnte einen Abgrund, das Ende, den Tod. Verzweifelt krallte er sich an seinen Feind, Heller Schein blitzte vor seinen Augen auf da erwachte er jäh und hatte den Arm Steinhofs gefaßt.

Dieser stand vor ihm, ein Licht in der Hand haltend, und bedeutete ihm, daß es Zeit sei, an den Aufbruch zu denken.

Du warst so unruhig die Nacht, bist du nicht wohl, Stephan?" fragte er, in das erschrockene schweißbedeckte Gesicht des Freundes blickend.

Ich nicht wohl? Nein, es ist nichts, 's ist schon gut, ich bin gleich bereit," antwortete llnterbauer, sich die Augen reibend. Dann wickelte er sich aus der wollenen Decke, die er über sich gebreitet hatte, und tauchte den Kopf in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Das erfrischte und ermunterte ihn. Er war froh, dem quälenden Traum entronnen zu sein.

Als Steinhof die Hüttentür aufstieß und zum Pickel griff, den er nach Bergsteigerart während der Nacht draußen gelassen hatte, drang mit dem Nebel eisige Kälte in den Raum und legte sich feucht auf alles, auf Tisch und Decken und an die Scheiben der beiden kleinen Fenster. Die Wanderer aber störte das nicht, sie waren die Kälte eines Morgens im Hochgebirge gewöhnt. Der Maler hatte Tee gekocht, und dieser wärmte beide aus.

Nun war alles bereit, das Feuer im Herd gelöscht, die Läden sicher befestigt, das Gerät der Hütte, die Decken, die Teller, Gläser und einige Bestecke gesäubert und an ihren Ort geräumt. Die Pfeifen brannten, und rüstig schritten die beiden dem wie eine graue Wand erscheinenden Gletscher zu.

Der Gratsee lag schweigend und schwarz da, die Dohlen schliefen wohl noch irgendwo in einer Felsenspalte. Am dunkelen Nachthimmel funkelten mit kaltem Blitzen einige Sterne.

Nach kurzer Zeit standen sie am Rande des Eises, das sich hier, als wollte es den: Tage entgehen, unter Schutt und Felsblöcken verlor. Beide hielten nach einigen Schritten an, Unterbauer rollte das Seil auf, legte es mit flüchtigen Worten Steinhof um, der unterdessen, wie er es von jeher gewohnt war, einige Bemerkungen in sein Notizbuch verzeichnete. Dann knüpfte auch er sich an das Seil und ergriff den Pickel, den er neben sich in einen Schneefleck gestoßen hatte.

Nun betraten beide, durch das Seil aneinander gebunden, das Eisfeld des Gletschers.

Noch war die Sonne nicht aufgegangen, der Schnee war hart, kaum hinterließen die genagelten Schuhe Spuren aus