112
Die Freunde.
(Schluß.) Novelle von Georg
er Nebel war so dicht geworden, daß man kaum Zwanzig Schritte weit sehen konnte, die beiden Bergsteiger befanden sich mitten in einer Wolke.
„Halte dich nur auf dem Grate selbst!" rief Unterbauer dem über ihm Kletternden zu.
Wilde, phantastische Felszacken stiegen vor ihnen aus den hin und her wogenden Dunstmassen auf. Das ruhlose Treiber: der Wolken ließ das Gestein lebendig erscheinen und gab ihm die Form abenteuerlicher Fratzen, es verlieh ihm eine überraschende Ähnlichkeit mit allerlei tollem Getier. Vorsichtig arbeiteten sie sich auf dem steilen Grate empor.
Jetzt tauchten die schwarzen Umrisse eines Felsturmes aus den Wolken, er sperrte den Weg, wie eine massige steinerne Bastion den Zugang zu einer Festung verwehrt. Der kalte Sturm stöhnte um seine Mauern, tausend Stimmen in den Klüften und Rissen weckend, als seien lebende Wesen hier hinter jeder Felskante und in jeder Spalte verborgen, und alle pfiffen, schrien, heulten und lachten in höllischem Jubel.
Ein kurzer Schneegrat führte an den Fuß dieses Turmes, er hing nach links weit über den Abgrund hinaus und bildete eine breite Wachte, wie der zusammengewehte Schnee im Winter über das Dach eines Hauses herausragt, alle Augenblicke bereit abzubrechen und hinabzustürzen. Jeder erfahrene Bergsteiger kennt diese trügerischen Gebilde im Hochgebirge. Wehe dem, der sich ihnen unvorsichtig ohne Seil anvertraut, plötzlich weicht der Boden unter den Füßen des Unglücklichen, und er zerschellt auf den Felsen der Wand oder verschwindet in einer der tiefen schwarzen Randklüfte, die am Fuße des eigentlichen Berges das Firnfeld durchschneiden.
Hans Steinhof war Stufen schlagend anfänglich ein Stück den Hang hinabgestiegen, wenige Schritte hinter ihm folgte Unterbauer. Plötzlich hielt er einen Augenblick überlegend inne und begann dann mit dem Eispickel wieder nach aufwärts im weißen Firn Tritte herzustellen. Unterbauer sah erstaunt diesem Beginnen zu, der zum Ortlerferner niederstürzende Abhang war zwar stark geneigt und ein Ausgleiten mußte sie rettungslos bis auf den Gletscher hinunterfallen lassen, aber der Grat über ihnen war unmöglich zu begehen, wenn man anders kein tolles Würfelspiel ums Leben treiben wollte; dort oben hing die heimtückische Schneewächte über dem jähen Abgrund. Stephan blieb stehen, sein Herz klopfte heftig, fast stand ihm der Atem still. Hatte der Nebel des Freundes Blick getrübt, dachte er an Ellen, daß er so völlig die drohende Gefahr übersehen konnte? Aber er schwieg. Fest schlug er die stählerne Spitze der Axt bergwärts durch den Schnee in das spröde Eis, seine Hand packte den Stiel, als wollte sie ihn wie morsches Holz zusammendrücken. Er starrte seinen Freund mit weitgeöffneten, funkelnden Augen an, aber er schwieg, er warnte ihn nicht, er rief ihm nicht zu, daß er nur noch wenige Schritte von der überhängenden Mächte entfernt war, daß er sich mit jedem Tritt dem Tode näherte. Und doch wußte er genau, daß man gerade an der Stelle den Grat selbst nicht betreten durfte, daß man den Felsturm einige Schritte unterhalb seines Fußes auf einen: schmalen schneebedeckten Sims umgehen mußte. Aber was ging ihn jener an, das war ja sein Freund nicht mehr, das war ein Fremder, ein Feind!
Da drehte sich Hans Steinhof um; ihm fiel es auf, daß sein Genosse nicht mitkam, daß er unter ihm stehen geblieben war, nachdem er noch kurz vorher wegen des schlimmen Wetters immer zur Eile angetrieben hatte. Er stieß einen fröhlichen Jauchzer aus, sein hübsches Gesicht glühte von der Anstrengung des Stufenschlagens, von der Freude, die ihm ihre gewagte, mutige Kletterei bereitete, von der scharfen Luft, die schneidend über die Höhe blies und ihm prickelnde Eiskristalle in die Augen trieb.
von der Gabelentz.
„Was wartest du denn?" rief er. „Es ist doch richtig, oder soll ich unten am Hang bleiben?"
Auf und niederhuschender Nebel jagte und kochte an den eisigen Hängen, der Wind winselte mit seltsamen Tönen wie' das Klagen eines Menschen in den Lüften. Finstere Entschlossenheit prägte sich aus den Mienen Stephans aus, seine Augen hatten einen harten Blick bekommen.
Jetzt sollte sickffs entscheiden, jetzt mußte der Feind fallen! Jeder andere Gedanke war in ihm erstorben. Er liebte Elle::, wehe dem, der sich zwischen ihn und sie drängte!
„Es ist gleich, such dir den Weg, geh wo du willst!" rief er zurück, den Sturm übertönend; leiser fügte er einige Sekunden später, mit gepreßter Stimme, aber laut genug, daß der oben Stehende es hören konnte, hinzu:
„Geh nur hinauf auf die Schneide! Hinauf ff'
Er verfolgte jede kleinste Bewegung des Freundes mit gespannter Aufmerksamkeit. Was wird er tun? Der Maler blickte einen Augenblick arglos unter sich, dann fuhr seine Art klirrend auf das Eis, daß die losgelösten Stücke mit leisem Rieseln hinabglitten. Er stieg empor. Endlos lang schien Unterbauer die Zeit, bis Steinhof die Höhe erreicht hatte und sich trotz des wirbelnden Schnees, der über den Kamm hinüberstob, auf die Schneide emporschwang. Oben richtete sich der Maler langsam, den Oberkörper nach rückwärts gegen den Wind gelehnt, auf, noch immer ahnungslos, daß dicht hinter ihm die gebrechliche Schneewächte hing. Ein Augenblick lähmender Erwartung folgte.
Da wollte Unterbauer rufen. Er wollte dem Freunde zuschreien, daß er falsch gegangen sei, er solle Herabkommen, aber die Stimme versagte den Dienst, seine Zähne waren wie im Krampfe aufeinander gepreßt. Er schwieg, er rührte sich nicht.
Ein stärkerer Windstoß fegte plötzlich über den Kamm, riß für einige Sekunden die tanzenden Nebelballen auseinander und , jagte sie hinaus in das Weite, in die freie Luft, die fast von allen Seiten die beiden Bergsteiger auf den: schwindelnde:: Grat umgab. Der große Felsturm vor ihnen kam wie ein Verggespenst in all seiner wuchtigen Masse zum Vorschein. Da trat Steinhof, sich vorbeugend, um einen Blick hinab nach den: Trassier Tale zu werfen, einen Schritt, nur einen kleinen Schritt zur Seite. Ahnte jener nichts? Unterbauer vermochte kaum noch zu atmen. Im selben Augenblicke tönte ein scharfer, kurzer Knall — ein dumpfes Gepolter folgte, und ein Schrei durchschnitt gellend die Luft. Die Stelle, an der der Maler noch eben gestanden hatte, war leer.
Gleichzeitig trieb ein heulender Windstoß einen dichten, kalten, verhüllenden Schleier über das Schneedach des Grates.
„Hans!" Laut, verzweifelt rief Unterbauer den Namen seines Freundes, als könnte seine Stimme den Verschwundenen dort oben aufhalten und erretten von seinem Todessturze in die gähnende Tiefe, drüben hinter der weißen Schneide.
Mit einem Male hatte er alle Fähigkeiten in erhöhtem, gespanntem Maße wiederbekommen.
Ohne auf die Gefahr zu achten, nur dein Zufalle es dankend, daß er den Fuß nicht neben eine der kleinen Eisstufen setzte, klomm er selbst die Höhe hinan. Die Hände in den Schnee bohrend, schob er sich über den Absturz hinaus und blickte jenseits durch den wogenden Nebel hinunter auf die jähen, von Felsrippen durchsetzten Hänge.
In einer Breite von mehreren Metern war die Mächte abgebrochen und hinabgeflogen, deutlich sah er im Schnee ihre:: Weg gezeichnet, er verfolgte ihn bis zu einer Stelle, wo senkrechte Felswände die Fortsetzung verbargen. Tief unten lag der untere Ortlerferner, aber nur ab und zu ward seine grauweiße Fläche zwischen den treibenden Wolken sichtbar.
Wie lange Stephan Unterbauer dort gelegen hatte, hinab- starrend in die grausige Tiefe, wußte er nicht. Er mochte sich