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nicht erheben, niedergezwungen von dem Eindrücke des Schrecklichen und Unfaßbaren, das sich hier ereignet hatte. Er wollte an nichts denken, er sah nur immer starr, daß ihm die Augen schmerzten, hinunter, als müßte sich der Abgrund von selbst bis zu ihm herauf heben und verflachen, als müßte der Gletscher emporsteigen, von seinem Willen gezwungen, als müßte aus dem Nebel der Freund wieder auftauchen, ihn: heil und gesund wiedergegeben werden, lachend und glücklich, wie er ihn vor einer Stunde noch gesehen hatte.
Aber der Gletscher hob sich nicht, schweigsam und unbeweglich lag er dort unten mit seiner kalten Schneedecke wie ein riesiges, über einen Toten gedecktes Leichentuch. Nur verschneite, abenteuerliche, schwarze Felszacken erschienen dann und wann geisterhaft im treibenden Nebel.
Da durchschüttelte den Einsamen der Frost. Er wollte sich erheben, doch sein Anzug war auf dem Boden festgefroren, und er mußte ihn mit Gewalt losreißen. Wollte ihn der Berg hier bannen, ihn mit eisigem Arme zu ewiger Strafe an der Stelle fesch alten, von der sein Genosse, sein Freund, hinabgestürzt war, getötet durch seine Schuld?
Fest die Zacken der Steigeisen in die alten Spuren stoßend, stieg er vom Grate herunter und klomm allein den Weg zurück, den sie beide zusammen von der Hochjochhütte genommen hatten.
Er vermochte sich keine Rechenschaft zu geben, wie lange er gebraucht hatte, mechanisch war er geklettert, ganz mechanisch hatte er den schweren Eispickel gehandhabt. Es entfiel seinem Gedächtnisse, ob er sich auf der rechten oder linken Seite des Grates gehalten, ob er eine Felspartie an ihren Flanken umgangen oder sie überklettert hatte. Mit dem Instinkt, dem fast unbewußten Handeln des erfahrenen Bergsteigers war er nirgends vom Wege abgewichen, hatte er alle entgegenstehenden Schwierigkeiten überwunden.
Nun wurde die Hütte sichtbar, sie glich im Nebel einem viereckigen, niederen Steinblocke, der vom Hochjochgrate herabgerollt sein mochte.
Unterbauer öffnete die Tür und schwankte hinein. Achtlos warf er Pickel und Seil zu Boden und sank auf die Holzbank an den Tisch, den Kopf in die zitternden Hände gestützt. So saß er lange Zeit, vor sich hinbrütend, bemüht, alle die Gefühle, die ihn durchstürmten, alle die dumpfen, schweren Gedanken, die seinen Kopf schmerzend umklammerten, zu bannen und ihre Gewalt abzuschwächen. Merkwürdig, jede Spur von Haß in ihm gegen den Freund war verflogen, wie weggelöscht war seine eifersüchtige Leidenschaft. Es war ihm, als wäre ein wüster Traum an ihm vorübergezogen.
Eine Frage brannte mit glühender Schrift in seinem Gehirn: Was hast du getan, wie hast du so werden können? Nun preßte er die geballten Fäuste gegen die Stirn, suchte und suchte und fand doch keine Antwort.
Selbst seine heiße, wilde Liebe zu dem schönen Mädchen erschien ihm jetzt klein, schwach, unbedeutend, gegen das Ungeheuerliche seiner Tat gehalten. Er stöhnte dumpf vor sich hin, denn er trug die Schuld an dem Tode seines einzigen, seines Jugendfreundes, er hatte ihn absichtlich die trügerische Mächte betreten lassen, er hatte in frevelhaftem Gebete den Berg angefleht, ihm mit allseinen Schrecken beizustehen in dem Kampfe gegen den, der ihm Ellens Liebe gestohlen hatte. Und der Berg hatte den treuen Freund erhört, hatte wie ein durch seinen Ruf erwachter mächtiger Dämon Sturm und Nebel geschickt und dann jäh die gefährliche Schneewand in die Tiefe gerissen. Der Berg hatte ihm gut beigestanden, hatte es gut mit ihm gemeint — nun war ja Ellen sein! Er hatte es so gewollt, er war der Sieger!
Dem Sieger soll Ellen gehören! War's nicht so?
Ellen? Stephan sprang empor und lief auf und ab. Wie konnte sie jemals sein werden, nun, da er ihr den Bräutigam gemordet hatte? Liebte sie denn nicht jenen, der drunten, vielleicht für ewige Zeiten in einer der tiefen Spalten des Ortlerferners begraben lag? Konnte er ihr je wieder vor
Augen treten? Er, ein Mörder? Welch schrecklichen Klang gab dies Wort! Mörder!
Stephan lehnte sich mit finsterem Blicke an den Türpfosten, er wollte sich zu ruhiger Überlegung zwingen.
Jetzt erst bemerkte er, daß er vergessen hatte, die Steigeisen abzuschnallen. Er setzte sich wieder und riß sie von den Füßen, dann öffnete er mit zitternden Händen den Rucksack, um etwas zu essen, denn er verspürte Hunger. Seit vielen Stunden hatte er nichts genossen. Aber angeekelt schob er Brot und Käse bei Seite, es war ihm nicht möglich, einen Bissen hinunterzuwürgen. Er trank nur einen Schluck Rotwein aus der Feldflasche. Dann ging er nach dem kleinen Herde in der Ecke der Hütte, um Feuer anzuzünden, denn die Kälte durchschauerte ihn. Plötzlich fuhr er zurück, dort stand ein Paar Stiefel, die Stiefel des Toten. Jetzt entsann er sich
auch, daß dieser zwei Paar mitgenommen hatte, um abends auf der Payerhütte wechseln zu können, er mußte sie hier ver gessen haben, als er sie zum Trocknen beiseite gestellt hatte, vergessen natürlich in Gedanken an Ellen.
Ein bitteres und schmerzliches Gefühl überkam Stephan Unterbauer, ein Gefühl unendlicher Niedergeschlagenheit und Trauer. Er setzte sich auf die Bank, und heiße Tränen rannen dem starken Manne über die Wangen.
Jahrelang, von Kindheit auf hatte er mit dein Freunde alles geteilt, alle Freuden und Sorgen, Hans Steinhof war zu allen Zeiten sein einziger und bester Freund gewesen. Wie hatte er sich von ihm abwenden können, so weit abwenden, daß es nach Jahren inniger Liebe in wenigen Wochen zum tödlichen Hasse gekommen war nur wegen eines Weibes? Lohnte sich das? Die Liebe zu Ellen dünkte ihm nun ermattet, fast erloschen, ihm schien es, als wäre diese Seite aus den: Buche seines Lebens herausgerissen und zu Asche verbrannt. Er suchte angestrengt nach einer Erklärung seines Tuns, und er meinte sie gefunden zu haben, sie allein, Ellen, nicht ertrug an allem die Schuld, sie, die doch nicht anders, nicht besser war als alle Frauen, sie, die achtlos sein Herz unter die Füße getreten hatte, ihn beiseite geschoben, weil ihr der andere besser gefiel. Und wegen eines Weibes, eines hübschen Gesichtes war er zum Mörder geworden! War das nicht Wahnsinn, war diese ganze Liebe, diese kochende Leidenschaft nicht eine abscheuliche, furchtbare Krankheit gewesen? Gab es denn nicht auch für ihn ein unfehlbares Mittel, gegen den Wahnsinn „Liebe" genannt: die Zeit? Die Zeit, die auch ihn einst gesund gemacht hätte, und neben ihr die Berge, seine treuen Freunde, die ihn mit ihrer Reinheit, ihren: großen, ruhigen, wohltuenden Ernste, ihrer gesunden Kraft getröstet hätten! Welchem Wahne hatte er seinen Freund und sich selbst zum Opfer gebracht! Ihm graute vor seinem eigenen Ich.
Stephan stieß die Füße fröstelnd gegen den Boden und starrte wieder vor sich hin. Die Kälte durchschauerte ihn. Draußen heulte der Wind, schwoll der Nebel immer mehr, immer dichter an. Schon trieben einzelne Schneeflocken klatschend gegen die kleinen klirrenden Fenster.
Die Stunden rannen dahin, er merkte es nicht.
Es ward ihm unheimlich hier oben, in der engen, niederen rauchigen Hütte. Die Dunkelheit kam hereingekrochen, das feuchte halbverfaulte Holz, das er, sich zu wärmen, in den Herd geworfen hatte, schwelte und knackte, ohne Wärme zu spenden. Seltsame Töne klangen in den Lüften.
Unterbauer öffnete ein Fenster und blickte hinaus in die dämmernde Öde. In bleichem Licht schaute von Zeit zu Zeit der Schneedom des Monte Zebru durch jagende Wolken herüber. Kein noch so leiser, menschlicher Laut schlug an sein Ohr, am Himmel stand kein Stern, nur schwarze, dumpf hinbrausende Wolken ritten über seinem Haupte dahin.
Er hätte von neuem laut aufschluchzen mögen in dieser gewaltigen Einsamkeit. Das waren nicht mehr seine lieben Berge von früher, das waren heute ihn: fremde, feindliche Gestalten, die von Zeit zu Zeit durch die Nebel sichtbar wurden, wie phantastische, riesenhafte Gespenster.
1906. Nr. ö.
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