Heft 
(1906) 05
Seite
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Rasch warf er dm Lader: zu und lief unruhig in der Hütte auf und nieder, denn er wußte sich überzeugen, daß er noch lebe, daß er nicht empfindungslos und tot sei wie diese eisigen Berge. Von neuem fiel sein Blick auf des Freundes Stiefel; so oft er auch wegblicken wollte, immer wieder suchten seine Augen den Fleck auf, wo sie standen. Sie gewannen immer mehr etwas Persönliches und spukhaft Lebendiges, er sah dort in der Ecke auf der Bank den Freund sitzen, leib­haftig sitzen. Diese irre, ihn verfolgende Einbildung steigerte sich ihn: bis zur Unerträglichkeit. Er hatte die Stiefel hinaus­werfen mögen und wagte doch nicht sie anzugreifen und sie in den kalten Schnee zu schleudern. Er stand ihnen gegenüber, seine Zähne schlugen im Fieber aufeinander, und seine Augen starrten immer wieder die Stiefel an, als müßten diese sich mit einem Male bewegen, langsau: auf ihn zuschreiten, tapp! tapp! Er mußte hinaus an die Luft rennen und sich den kalten Wind über die fiebernde Stirn streichen lassen. Er, der furchtlose Bergsteiger, empfand ein Grauen bei dem Gedanken, eine Nacht hier in dieser Hütte zubringen zu sollen.

Rasch ergriff er seinen Pickel, stülpte den Hut auf und sprang vor die Tür. Das Wetter schien sich unerwartet zum guten wenden zu wollen, die Wolken hatten sich gelichtet, wie große weiße Tücher waren in der Tiefe die mächtigen Schnee­flächen des Suldenferners zu erkennen. Auch der Wind hatte nachgelassen, nur ganz leise fuhr er ihn: noch über die er­hitzten Wangen.

Aber die Stille, diese unheimliche, tödliche Ruhe, die nun entstanden war, machte die Einsamkeit noch viel schrecklicher, noch viel fühlbarer. Es war die Einsamkeit eines riesigen, endlosen Kirchhofes, das Schweigen eines gewaltigen, unendlich tiefen Grabes. Rings nur Schnee, Eis, kalte nackte Felsen, kein Gras, kein Baum oder Strauch Zu sehen, nicht einmal der Schrei einer Krähe Zu hören. Rings Schweigen.

Unterbauer trat näher an den Hang heran, der Zum Sulden- gletscher hinabführt, und den er und sein Freund am Morgen hinaufgestiegen waren. Er erschrak bei jedem seiner Schritte, denn das Knirschen der Nagelschuhe auf den Felsplatten kam ihm in dieser Stille so unwahrscheinlich laut vor. Aus der schwarzen Tiefe leuchtete in bleichem, fahlem Glanze der Gletscher herauf wie das riesenhafte gebrochene Auge eines Toten. Er lehnte sich auf seine Eisaxt und überdachte rasch die Möglich­keit, dort hinabzukommen; drunten, unter jenen dunkelen Schatten wohnten ja Menschen, Menschen mit Fleisch und Blut, nach denen er sich sehnte, die er hätte herbeirufen mögen in seine furchtbare Einsamkeit, selbst wenn es die verworfensten Ver­brecher aus einem Gefängnisse gewesen wären! Er mußte eine menschliche Stimme Hören, und obgleich er sich vor seiner eigene:: fürchtete, stieß er doch mit aller Kraft seiner Lungen einen lauten langgezogenen Schrei aus, einen scharfen Schrei,

ähnlich dev: Jauchzer, den sich Bergsteiger von: Gipfel zum Tal zusenden.

Der Schrei flog ersterbend von Klippe zu Klippe über die grauen, eisigen Schneefelder hinweg, und plötzlich gab ihm von irgendwoher ein Echo Antwort, ein deutliches, unheim­liches Echo.

Da erfaßte den starken Mann jähe, feige Angst, Angst, wie er sie noch nie in seinem Leben empfunden hatte. Ihm war es, als habe der Tote ihm geantwortet, drunten aus einer der unergründlichen Klüfte im Ortlerferner. Kalter Schauer packte ihn, griff ihm ans Herz, ließ seinen Atem stocken, sein Blut gefrieren, lähmte ihm einen Augenblick seine Glieder. Er zitterte bei dem Gedanken, noch einmal diesen Schrei hören zu müssen, diesen entsetzlichen, klagenden, verzweifel­ten Schrei.

Jetzt hielt er es nicht mehr hier oben in der nächtlichen, tödlich kalten Nähe der Hütte aus, er rannte dem Abhange zu, der seinen Fuß auf den Suldenferner setzt. Mit wahn­sinniger Anstrengung schmetterte er die Axt auf das steile Firnfeld nieder, daß die Eissplitter herumspritzten, in fieber­hafter Eile schlug er Stufe um Stufe, daß sie kaum Platz für den dritten Teil des Fußes boten.

Jeder Gedanke in ihm war zurückgetreten, jedes Bedenken und jede Furcht verlöscht hinter dem sehnlichen Wunsche, der furchtbaren Einsamkeit zu entfliehen, die ihn erdrückte, wieder unter andere Menschen zu kommen, die ihn verstehen könnten, vor denen er sich unklugen, deren Verzeihen er an­flehen wollte.

Nur hinab, immer weiter hinab!

Eine schwarze Felsrippe trat undeutlich aus dem ab­schüssigen Schneehange hervor, ihr steuerte er zu, ohne Über­legung, nur in dem dumpfen Glauben, dort brauche er nicht mehr so viel Zeit zum Stufenschlagen aufzuwenden, dort werde er hin ab kletternd schneller vorwärts kommen, hinunter zu den Menschen.

Jetzt stand er dicht an den glatten, mit einer dünnen Eiskruste überzogenen Felswänden. Weit streckte er die linke Hand aus und erfaßte einen kleinen Vorsprung, er wollte den rechten Fuß auf einen Tritt setzen, den er unter sich im Halb­dunkel undeutlich zu erkennen vermeinte, da brach der morsche Griff unter seiner Linken los, umsonst suchte der rechte Fuß an den dunkelen Platten einen Halt zu finden. Lautlos glitt der Körper einige Meter über die vereisten Felsen, dann ver­schwand er über einer steil abbrechenden Wand mit einer Wolke pulverigen Schnees und losbröckelnder Steine in der Tiefe.

Am anderen Morgen flogen zwei Dohlen mit häßlichen: Kreischen über einen dunkelen Gegenstand auf dem weißen Gletscher. Es war der Körper eines Menschen.

DerZentralelick". In früheren Zeiten war der böse Blick sehr gefürchtet. Mit der fortschreitenden Bildung und Aufklärung schwand aber die Macht dieses Zaubers, er lebt nur noch an den Grenzen der Zivilisation fort. Das ist natürlich, denn der böse Blick kann nur den bezaubern, der an ihn glaubt. In unserem Kulturkreise gelingt es selten, einen Menschen zu faszinieren, und wo dies der Fall ist, da handelt es sich zumeist um krankhaft oder minderwertig beanlagte Personen. Es fehlt aber nicht an Versuchen, den alten Zauber wieder zu beleben, indem man ihn: ein neues, modern ausschauendes Mäntelchen umbindet. Drüben in Amerika wendet man den ,,Zentralblick" an, um auf andere Menschen Einfluß auszuüben. Auch bei uns gibt es Lehrer dieses Machtmittels. Es erscheinen jetzt verschiedene Bücher und Büch­lein, in denen Anleitungen zum Erlangen von Erfolg und persönlichem Einfluß gegeben werden. In ihnen spielt auch die Macht des Blickes eine wichtige Rolle. Man soll sich vor den Spiegel stellen und sich selbst so lange wie möglich fest ins Auge sehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ist das Auge für diese Übung gestärlt, so macht man mit

einem Stück Kreide auf seine Nasenwurzel, also die Stelle zwischen beiden Augenbrauen, ein kleines Kreuz und fixiert dieses im Spiegel, sieht sich also nicht direkt ins Auge. Das ist derZentralblick", den man anderen Personen gegenüber anwenden soll, indem man ihnen nicht direkt in beide Augen sieht, sondern auf die Stelle zwischen den Augen. Dieser Blick hat nach der Ansicht seines Vertreters das Eigene an sich, daß er den, den man ansieht, glauben macht, man dringe mit dem Blick tief in sein Inneres. Er verwirrt den Gegner, flößt ihm ein eigenartiges, schwer definierbares Gefühl ein, das ihn zwingt, seine Aufmerksamkeit zu dezentralisieren. Während der Gegner in längerer Rede spricht, soll man ihm nie ins Gesicht blicken, sondern eine be- stimmte- Stelle seines Rockes, seiner Hosen, seiner Schuhspitze fixieren. Schon dadurch wird er unruhig gemacht, und wenn man nun selbst spricht, so soll man denZentralblick" anwenden, um sein Gegenüber völlig in seinen Bann zu bekommen. Es unterliegt gewiß keinem Zweifel, daß diese Art zu schauen, auf Leute, die sie nicht kennen, einen gewissen Eindruck machen wird. Handelt :s sich um welterfahrene