Heft 
(1906) 06
Seite
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Außer den Umschlägen gab es für einen Leidenden wie Sixt von Soter nur noch eine einzige Medizin: ein braves Glas Rotwein. Bei der ersten Flasche pflegte sich sein Grimm, diesmal gegen den nichtsnutzigen Schimmel vom Bankier Schneider, noch zu steigern. Bei der zweiten ward er gewöhn­lich etwas sentimental.

In diesem Zustand war er dann jeder vernünftigen Vor­stellung zugänglich.

Daß sein Pech auch für Asta gerade jetzt recht ungelegen kam, sagte er sich selbst. Er brauchte ihre Hilfe ja nicht weiter, der Lazarettgehilfe verband ihn täglich regelrecht, und fürs Pfeifestopfen und für andere kleine Handreichungen hatte er sich Lotte herangebildet, aber es war doch wohl vor Gernots nicht zu umgehen, daß Asta sich ihm widmete, d. h. daß sie wenigstens der guten Form halber wieder nach dem Viktoria- Luise-Platz Zog.

Die Tage waren lang und wenig erquicklich. Was von draußen zu ihnen hereinkam, das waren eigentlich nur Rech­nungen. Und das Hinziehen und Vertrösten hatte Asta nach­gerade satt. Dabei hatte sie sich gerade in den letzten Wochen, weil sie doch repräsentieren mußte, zu großen Ausgaben ver­leiten lassen vielmehr zu deren Verpflichtung.

Sixt von Soter beunruhigte es weiter nicht, seine Tochter in so überaus glänzendem Aufzug zu sehen. Er lobte im Gegenteil ihren Geschmack und gab ihr wohl noch durch seinen Bericht über eine Pariser oder Londoner Toilette, die die Gräfin Soundso auf dem Hippodrom oder im Tiergarten zum erstenmal gezeigt hatte, eine neue Anregung.

Hol's der Deibel, mehr als bankrott kann man nicht werden!" pflegte er sich in Geldklemmen zu beschwichtigen.

Eine gute Verkaufsvermittlung, ein Gewinn am Totalisator, eine Wette, ein höherer Geschäftsanteil beim Jahresabschluß oder sonst ein Glücksfall hatte ihnen noch immer dazu verholfen, an den gefährlichsten Hindernissen vorbeizukommen oder auch schlank und skrupellos darüber hinweg. Gewöhnlich war es freilich nur der Ausweg, daß man, um das alte Loch zu stopfen, ein neues grub.

Jetzt mußte aber schon ein größerer Schlag gelingen sonst kam man in Teufels Garküche!

Was kann das schlechte Leben nützen!" stöhnte er und ließ sich eine neuePulle Rotspohn" von Lotte hecbeischaffen, die er in Fällen, wo sie in seinem Auftrag am Wirtschafts­geld der jungen Baronin eine Zwangsanleihe machte, gemüt­lichwonnige Wunschmaid" nannte. Er qualmte, trank, spielte mit den Hunden, blickte flüchtig in die Zeitung, legte Patiencen und philosophierte weiter:Das Leben ist kostspielig und zeitraubend!"

Dergroße Schlag" beschäftigte auch Asta fortgesetzt. Aber sie genierte sich vor sich selber, diese ganze Angelegen­heit so wie ihr Papa nur als eine Spekulation aufzufassen. Sie hielt doch immer noch Stücke auf sich. Und gerade in diesen letzten Wochen war sie einem so wohltuenden Einfluß ausgesetzt gewesen, daß sie glaubte, zwischen sich und ihrem Vater eine unüberbrückbare, von Tag zu Tag noch wachsende Kluft wahrzunehmen. Im Grunde war es ja doch nur eine Rolle gewesen, eine Art Birtuosenrolle, die sie in der fremden Umgebung gespielt hatte; aber von all der Zartheit und Sinnig- keit der Lebensformen, der Noblesse der Gedanken und Gefühle dort war doch mancherlei auf sie übergegangen. Oder viel­mehr: es hatte Verwandtes, in ihr Schlummerndes geweckt. Wenigstens war der ehrgeizige Wunsch in ihr lebendig geworden, das wirklich zu sein, was sie bisher nur schien.

Einen glatten, einwandsfreien Weg dazu gab es für sie. Das wußte sie nun schon seit rund einer Woche. Sabine nannte sieVizemama", sie hatte in einer empfindsamen Stunde gewissermaßen in höherem Auftrag sie in allerliebster Form gebeten,immer bei ihnen zu bleiben", und die Andeutungen, die Sabinens Papa am anderen Tage daran geknüpft hatte, stellten den ersten deutlichen Schritt seines Werbeganges dar.

Es wäre klüger gehandelt gewesen, wenn auch nicht so vornehm, hätte sie bei dieser Gelegenheit auch ihrerseits seiner Werbung einen Schritt entgegengetan. Hinterher grollte sie sich, da sie, ebenso verblümt und andeutungsweise, sich eine Bedenkzeit ausgebeten hatte. Denn nun war die Entscheidung wieder in die Ferne gerückt und damit die Oual der Wahl verlängert.

Asta war nicht so überlegen berechnend, wie ihr Papa glaubte. Für sie war die zweite Ehe, die sie nun einzugehen gedachte, mehr als ein Rechenexempel. Sie hatte jahrelang allen leichten und ernsten Verführungen getrotzt, sie war immer Herrin ihres Bluts geblieben. Die natürliche Sinnlichkeit hatte sie wohl auch wirklich mehr aus Klugheit denn aus Tugend niedergekämpft. Und so hatte sie schließlich selbst geglaubt, im Grunde eine durchaus kühle Natur zu sein. Aber in den letzten beiden Wochen war etwas Wunderbares, etwas für sie ganz Neues in ihr aufgetaucht und mählich emporgewachsen, etwas Schönes und Furchtbares zugleich, an das sie nur mit Zittern denken konnte: sie liebte.

Ja: sie liebte zum erstenmal, zum allererstenmal in ihrem Leben!

Und zwar liebte sie ihren Mann. Sie liebte Theo, von dem sie sich damals so kaltblütig, so trotzig ablehnend, unter so grausamen Abschiedsworten getrennt hatte.

Dreimal hatte er sie besuchen dürfen. Heimlich, ganz heimlich. Ihr Vater durfte nichts davon wissen. Nicht einmal das Dienstmädchen sollte eine Ahnung davon haben. Sie halte Lotte darum immer weggeschickt, mit einem Auftrag, der sie um die verabredete Stunde aus der Gegend entfernte.

Theo von Gamp war noch ganz der junge, liebe, im Grunde so gutmütige und dabei ausgelassene Bursche aus den Zeiten ihrer jungen Ehe.

Ein unheimlich banger Druck legte sich jetzt öfters auf ihr Gewissen, wenn sie an die Skrupellosigkeit dachte, mit der sie ihren leichtsinnigen, leidenschaftlichen, für sie opfer­bereiten jungen Gatten damals mit in den schlimmen Handel hineingejagt hatte.

Die einzelnen Phasen des Herganges, den sie nun schon seit Jahren zu vergessen bemüht war, quälten und bedrückten sie in der letzten Zeit wieder wie nie zuvor.

. . . Ihres Vaters berühmte Lethel a. d. Sgambia, auf der Theo das Armeerennen gewonnen hatte, war der Stolz und die Zukunftshoffnung von ihnen allen dreien gewesen, denn die Ebbe in der Kasse mehrte sich bedenklich, und Sixt von Soter murmelte manchmal grimmig etwas vonin den Schulden ersaufen". Es lagen für die Lethel hohe Angebote vor, besonders von einem Amerikaner, der sie für die New- Jorker Herbstrennen haben wollte. Aber Theo erwartete noch eine äußerste, besonders glänzende Steigerung von dem nah bevorstehenden Distanzritt Hamburg-Rom, für den er die

Lethel nun schon seit Wochen trainierte, in den letzten Tagen auf Urlaub in den Alpenpüssen.

Wo er weilte, erfuhren sie nur ab und zu durch ein Telegramm. Eines Tages, Asta befand sich gerade mit ihrem Vater in Berlin, war ihr Schreck daher nicht gering, als

Theo allein bei ihnen im Hotel eintraf, bleich und verstört

und niedergeschmettert. Er brachte ihnen die Hiobspost: die

Lethel war in einer abgelegenen Gegend von Oberitalien durch giftiges Trinkwasser binnen 24 Stunden an einer fürchter­lichen Kolik verendet.

Sie durften es keinem Menschen sagen, sonst hätten sich die Gläubiger, die sie auf dengroßen Schlager" vertröstet hatten, sofort über sie gestürzt. Mit Patterson, dem Amerikaner, stand Sixt von Soter längst in ernsten Unterhandlungen: sein Vertreter weilte bereits in Hamburg.

Seit einem Vierteljahr besaß Sixt von Soters Stall Numero IV eine Doppelgängerin der Lethel, die Minka a. d. Gudrun.