Dahin fuhr Astas Vater noch in der Nacht mit dem jungen Offizier. Was dort und was darauf in Hamburg geschehen war, das erfuhr Asta erst eine Woche später.
Theo hatte sich auf die Minka a. d. Gudrun gesetzt, ein vorzügliches Pferd, das auch schon seine Meriten hatte, wenngleich es noch nicht Klasse war, und ritt sie fünf Stunden lang. Am folgenden Tage wieder, kehrte damit aber nicht mehr zurück. Minka a. d. Gudrun wäre auf dem großen Übungsritt in Palzarone, vier Meilen nördlich von Mailand, den Folgen einer Kolik erlegen, so hieß es späterhin im Stall: ein böser Schlag für Sixt von Soter.
Aber wenigstens hatte er mit seiner berühmten Lethel Glück. Denn der famose Renner ging noch vor dem Distanzritt um einen bedeutenden Kaufpreis an seinen eifrigsten Bewerber nach Amerika: Patterson in New Jork. Der Baron von Gamp, so meldeten die Zeitungen, hatte in Hamburg persönlich die Einschiffung des kostbaren Pferdes überwacht, das einen besonderen aus New Port verschriebenen Pfleger mitbekam.
Ein paar Monate darauf, als die Lethel in New Pork versagte, tauchten jene Skandalnachrichten auf, die den jungen Freiherrn die Ulanka kosteten. Wenigstens nahm er plötzlich seinen Abschied und ging ins Ausland. Und bei diesem einen Opfer blieb es nicht. Man konnte ja öffentlich nichts mehr beweisen, denn der von dem Amerikaner zuerst erwartete Prozeß verlief im Sande: die Lethel stürzte und ging ein, und der Baron von Gamp war spurlos von der Bildfläche verschwunden. In Sportkreisen begnügte man sich, nach Besänftigung des ersten großen Aufruhrs, zu spotten: „Dieser
Gaul starb euch sehr gelegen!" Aber in Regierungskreisen
gab man sich nicht damit Zufrieden, daß der Inhaber eines so bevorzugten Vertrauenspostens den infamen Verdacht ungesühnt auf sich mit sitzen ließ. Den äußeren Vorwand zu der Entlassung in Ungnaden bildete ein Streit mit dem Landstallmeister. Aber das Ende war: Sixt von Soter folgte seinem Schwiegersohn kaum ein Vierteljahr später auf die Elendssahrt. Er sank rasch. Das Geld, das der Handel
eingebracht hatte, war sogleich vertan gewesen. Alle Quellen
waren mit dem einen Schlage wie versiegt. Sie hatten alle drei ja das Talent gehabt, auch die rundesten Summen im Umsehen kleinzukriegen ...
. . . Wie all das Trübe, das Gräßliche, aber auch all das Sonnige und Junge und Leichtsinnige jener Zeit in ihr wieder auflebte!
Zum dritten heimlichen Beisammensein brachte Theo eine freudige Botschaft mit: eine gute Stellung winkte ihm. Sixt von Soter hatte ihm nur einen Rohrpostbrief geschickt, worin eine blaue Banknote und ein paar Zeilen steckten. Das originelle Schreiben inr Depeschenstil lautete: „Hans Dittrich, Neue Automobilfabrik Frankfurt, braucht Direktor — zufällig mit heranspringen bei Ritimeisffer v. Gneitsch — nichts von mir sagen, wenn ja, dann eher schimpfen auf Deibel komm' 'raus — laß dir's gut gehn, alter Schwede, aber hüte dich vor Verbindung mit uns, sonst geht alles futsch. Mehr kann ich nicht tun!"
Theo strahlte, er war ein ganz neuer Mensch, als er den ehemaligen Kameraden verließ, um sich im Sturmschritt zu Asta zu begeben, ihr den schriftlichen Erguß ihres Vaters zu zeigen und ihr Bericht zu erstatten.
„Woher wußte Papa?" war dann seine erste Frage.
Ihr war alles ein Rätsel. Gewiß, ihr Vater, der sich immerwährend mitten unter Kapitalisten, in Sports- und Adelskreisen bewegte, konnte schon leicht eine gute Witterung bekommen. Aber daß er so keck und bestimmt in aller Hast gleich einen regelrechten Feldzugsplan entworfen hatte, das verblüffte sie.
In der Wohnung war es nie ganz still. Immer hörte man die Hunde bellen, vom Platze drang das Dröhnen und Klirren der vorbeisausenden Straßenbahnwagen, das vielstimmige Geschrei der spielenden Kinder herauf. Aber doch
kam eine zärtliche Verträumtheit in Astas kokettem Salon über sie beide. Und heiße Erinnerungen stiegen in ihnen auf.
Theo ging in seiner lebhaften Art auf und nieder. Während er sprach, griff er da ein Kissen, dort eine Ouaste, eine Nippessache an, spielte damit, amüsierte sich über Kleinigkeiten auf dem Schreibtisch, die er aus der alten Zeit wiedererkannte — kurz, er war das Kind geblieben, das er damals gewesen war, stürmisch und voller Optimismus, gutmütig, leichtsinnig, willensschwach und nur dem Augenblick zugetan.
„Weißt du, Gneitsch war im Kadettenkorps doch mein Erzieher. Hernach hatt' ich ihn in Hannover als Reitlehrer. Wie ich so bei ihm antanze, da guckt er und guckt, und ich merk's ihm an, ganz allmählich steigt eine Erinnerung in ihn: auf, und er weiß nicht recht: soll er mir die Hand geben oder nicht. Ja, das ist immer ein bißchen sauer. Weißt du, altes Mädel, in solchen Situationen — da fühlt man manchmal einen bösen Druck auf der Kehle, da geht's einen: an Herz und Nieren."
„Gott, Theo, ich kann's doch nicht vertragen, daß du immer und immer wieder davon anfängst!"
Er sann ein paar Sekunden lang vor sich hin. Dann ging ein wehmütiges Lächeln über sein schmales Gesicht, und er sagte kurz abbrechend: „Na ja. Hast recht."
„Und wie war Gneitsch hernach — so im ganzen? Fragte er nicht, woher du wüßtest?"
„Ich mußte mich setzen und ihm erzählen. Über die Sache von damals sprach er natürlich auch. Er sagte aber nur: ,Sie waren in schlechten Händen, Gamp; wir wußten
alle, daß Ihr Schwiegeralter Sie in die Bredouille mitgerissen hat. — Na ja, aber darüber wollen wir jetzt doch auch nicht reden/"
Asta seufzte bloß auf.
„Details wollt' er gottlob nicht wissen. Reizender Kerl ist er, der Gneitsch. Du, er hat eine großartige Partie gemacht."
„Aber aktiv ist er auch nicht mehr?"
„Nein. Ein Fräulein Simon ist es gewesen, mit Heidenbatzen, wie mir scheint. Nun haben sie da also eine Automobilfabrik in Frankfurt aufgetan und brauchen einen Vertreter."
„Sprach er gleich davon? Oder hast du angefangen?"
„Ein Wort gab das andere. Er hätte immer viel für mich übrig gehabt. Und wie ich ihn: da von Bombay erzähle, ward's ihn: ganz weh zu Mute. Na, er ließ eine Flasche Rheinwein kommen — und bei 'ner guten Import wurde alles besprochen." Theo blieb stehen, dehnte sich und verschränkte die Arme in: Nacken. „Im Grund ist's wohl mehr der Name, den sie brauchen. Glänzend ist's ja auch nicht vorderhand. Aber ich könnte mich sachte einarbeiten, meint er. Dittrich, sein Kompagnon, sei ein Original. Nein, du, was er mir von den: erzählt hat. Der spricht nämlich ganz schwäbisch, mußt du wissen. Gneitsch hat ihn nachgemacht: ,Ha, wisse Se, Herr Rittmeischter, oiner hat's Geld und der ander hat's Schenie. Mir ischt's Geld awwer ahng'nehmerll Nein, wir haben dann noch beide so. gelacht."
Sie war nun gleichfalls aufgestanden. Er hatte so etwas Rührendes in seiner Herzensfreude. Daß er von den: ehemaligen Kameraden trotz allen: menschlich behandelt worden war, das hatte ihn: ungemein wohl getan und ihn in seiner eigenen Schätzung gehoben. Das Glas Rheinwein, mit dem er auf seine neue Zukunft hatte anstoßen dürfen, schien für ihn eine Art Rehabilitierung. Wie genügsam ihn doch das harte Leben da draußen gemacht hatte.
„Wann sollst du reisen?"
„Übermorgen. Gneitsch hat mir einen kleinen Vorschuß ge geben. Er meint, in Räuberzivil dürft' ich dort nicht ankommen, Dittrichs wegen."
„Wirst du Papa aussuchen?"
„Besser nicht. Du sagst ihm doch auch nicht, daß wir uns gesprochen haben?"
„Nein, um Gottes willen nicht. Überhaupt niemand darf wissen ..."