120
Sie hatte ihm nur eine Stunde bewilligt. Um sechs Uhr mußte sie wieder am Kurfürstendamm sein. Hut und Schleier und Handschuhe hatte sie auch gar nicht erst abgelegt. Nun schlang er aber seinen Arm um ihre Taille und zog sie mit sich, indem er, von seinen Aussichten schwatzend, sich daran berauschend, über die Stube ging. Sie duldete es ein Weilchen. Seine Glückseligkeit hatte sie ganz weich gemacht.
„Wenn dir's doch nur gut ginge in Frankfurt. Mach' bloß keine Dummheiten, Theo."
Er lachte über ihre guten Lehren. „Weißt du, wenn ich
nur erst wieder, im Sattel sitze; reiten will ich dir dann die Bestie von Schicksal, daß du Augen machen sollst."
„Mach's doch auch so wie Gneitsch."
„Wie Gneitsch?"
„Gute Partie mein' ich. Hübscher Kerl bist du doch. Und frei. Es dürfte dir eigentlich nicht mehr fehlen."
„Ach du. Kleiner Racker. Von wegen frei."
Er war stehengeblieben und umfaßte ihr Kinn so, daß sie den Kopf heben mußte. Aber sie preßte die Lippen fest aufeinander. Plötzlich überfiel er sie wieder mit seiner ganzen Wildheit.
„Laß mich. Du hast versprochen . . . Theo, ich Hab' dein Wort. . . Laß mich, oder es ist alles aus, ich schwör' dir's zu!"
Unter seinen heißen Küssen erhitzte, berauschte sich ihr Blut wieder. Schließlich weinte sie — wie noch bei jedem Zusammensein mit ihm. An Tränen von ihr konnte er sich aus der früheren Zeit her gar nicht erinnern. Sie hatte jetzt aber gerade damit die größte Macht über ihn.
„Asta, sag doch, das soll nun doch nicht unser Abschied sein?" bettelte er, als sie endlich nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr ihn wegschicken wollte.
Sie konnte kaum sprechen, so stark war ihre Erregung; sie nickte nur heftig.
„Ich brauche doch erst übermorgen zu fahren, Sonntag früh, oder auch erst mit dem Mittagzug. Wenn ich bloß Montag bei Dittrich bin. — Also morgen abend, was meinst du? Asta! Ja — sag' doch!"
Sonnabends verließ Sixt von Soter gewöhnlich um acht Uhr die Wohnung. Dem Mädchen könnte man ein Zirkusbillett schenken, schlug Theo vor.
Ein leises Zittern meldete sich in ihren Knien.
Er umfing sie wieder, preßte sie an sich und küßte sie auf den Mund, die Augen, ins Haar, aufs Kinn und auf den Hals. Mit dem Kopf über seinen Arm zurückgesunken, die Augen schließend, gab sie sich seinen Küssen wie trunken hin.
„Was tust du — ach, Theo, was tust du!" flüsterte sie.
Die Angst riß sie wieder aus seinen Armen. In wenigen Minuten konnte Lotte von ihrem Weg aus der Stadt zurück sein.
„Ich darf kommen, Asta, sag'Ja, ich darf kommen, gelt?" fragte er bittend wieder und wieder.
„Ich weiß nicht. Nein, es ist besser ..." Sie hielt ihre Hände, von denen er ihr in zärtlichem Ringen die Handschuhe abgezogen hatte, an die Schläfen und schloß die Augen. „Du bist so grausam, Theo, so grausam."
„Du — vielleicht sehn wir uns dann lange nicht! Hast du denn nicht ein kleines Fünkchen mehr übrig für mich? . . . Wenn mir's dort schlecht geht, hörst du nichts mehr von mir. Das steht fest. Also deswegen — Angst brauchst du nicht etwa zu haben."
Sie schüttelte den Kopf und schlug die Augen groß auf. „Das ist es doch nicht, Theo," sagte sie leise, recht traurig, daß er sie nicht anders einschätzte.
Er küßte ihre Finger, küßte ihr auch die Innenfläche ihrer Hände, schmeichelte und bettelte, ganz wie früher. Dann lachte er wieder in seiner jugendlichen Art hell auf. „Aber sobald ich die erste halbe Million zusammengekratzt Hab', Asta, dann — verlaß dich drauf — dann komm' ich und hol' dich."
„Altes Kind du!"
„Und morgen? He?"
Ihr Atem ging wieder hastiger. „Ich schreibe dir. Zum Abend hast du einen Rohrpostbrief."
„Sicher?"
„Ganz sicher."
„Warum sagst du mir jetzt noch nicht? Warum nicht bestimmt?"
„Ich weiß doch selbst noch nicht, ob ich fort kann. Es darf doch nicht auffallen. Meine Freundin . . . Und auch hier Papa, das Mädchen ..."
„Schreib mir, daß ich Herkommen darf. Bitte, bitte, bitte. Abends. Ganz allein. Ja?" Er flüsterte es heiß und dringlich dicht an ihrem Munde.
„Ich will sehen!" hauchte sie.
Ein langer, langer Abschiedskuß. Dann blieb sie allein zurück.
Aber sie fand kaum ein paar Augenblicke, um sich zur Not zu sammeln. Dann klingelte es schon wieder an der Entreetür. Und als sie hastig öffnete, weil sie glaubte, Theo hätte etwas vergessen, stand Wpschnewski vor der Schwelle.
Da galt es, rasch wieder Herrin über sich zu sein.
* *
Am anderen Tage passierte dann der Unfall, der Scht von Soter auf unbestimmte Zeit ans Haus fesselte.
Noch spät abends, es war schon neun Uhr vorbei, kam ein Dienstmann, der ein Billett für Asta brachte und auf Antwort wartete. Sie hatte es nicht leicht, die Sache vor dem ungeduldigen Patienten zu vertuschen.
Theo schrieb ihr, an den Unfall glaubte er nicht. Wenn sie ihm nicht bestimmt verspräche, daß sie sich vor seiner Abreise noch sähen, so käme er hin, ganz gleich, ob es mit ihrem Vater dann endlich die Aussprache setzte, die sie doch alle drei lieber vermeiden wollten.
In den späteren Vormittagsstunden des folgenden Tages, eines Sonntags, hatte Asta sicher einen Besuch Sabinens und ihres Papas zu erwarten, denn sie würden ihrer Teilnahme an dem Unfall Ausdruck geben wollen. Also bestimmte sie Theo ein frühzeitiges Rendezvous. Sie wollte mit dem Sechsuhrzug nach Wannsee fahren. Um diese Stunde war es ausgeschlossen, daß man dort einem Bekannten begegnete. Das Frühaufsteher: war sie von ihren Ausritten her gewohnt, und er hatte dann immer noch Zeit, mittags den Zug nach Frankfurt zu erreichen.
Während sie sich in der Frühdämmerung erhob — ihren Vater ließ sie in der Meinung, daß sie eine Reittour verabredet hätte —- empfand sie eine prickelnde Lust an diesem Abenteuer mit seinen Heimlichkeiten und seinen Aufregungen.
Ihr erster Blick war der nach dem Himmel. Es versprach ein herrlicher Morgen zu werden.
Sie wollte sich recht jung und hübsch machen, um Theo zu gefallen. Aber freilich bedingten die frühe Stunde und die besonderen Verhältnisse, unter denen sie sich da draußen trafen, Einfachheit des Auftretens; vor allem ihrer Toilette, wollten sie nicht auffallen.
Von Kopf bis zu Fuß kleidete sie sich in frisches, duftiges, spitzenreiches Zeug. Nur ihr Kleid mußte schlicht sein. Auch seidene Unterröcke paßten nicht für eine solche Partie. Ihr neues blaues Eheviotkostüm war also das einzige, das in Frage kommen konnte. Es war sehr pikant gearbeitet, mit Plissees aus blaugrün karierter Seide; immerhin war es noch das am wenigsten auffällige. Ein einfacher Matrosenhut stimmte dazu am besten. Als sie vor dem Spiegel in aller Hast sich noch einmal musterte, mußte sie lächeln. Sie kam sich wie eine verliebte kleine Putzmacherin vor, die sich mit ihrem Verehrer oder heimlichen Bräutigam draußen im Grünen treffen wollte, in losgelassener Sonntagsstimmung.
Es war Mai, es war ein strahlender Morgen, und eine wehmutsvolle Zärtlichkeit, die sie selbst beglückte, zitterte in ihr.
Leise trat sie in den Flur. Dem Mädchen hatte sie noch abends über alles Bescheid gesagt. Für den Patienten und für die Wirt-