Heft 
(1906) 06
Seite
122
Einzelbild herunterladen

122

schast war gesorgt. Vor zwölf Uhr brauchte sie also nicht Zurück zu sein. Die Hunde knurrten im Speisezimmer, beruhigten sich aber sofort wieder, als sie Astas Schritt erkannten.

Erst als sie die Treppe Hinabstieg, überfiel sie mit einem Male wieder der Gedanke an Sabine, an Gernot.

. . . Wenn die ahnten, auf welchem Weg sie sich jetzt befand! . . .

Doch rasch suchte sie die Beängstigung von sich ab­zuschütteln. Der schöne Maiensonntag draußen zog sie wieder in den Bann.

Sie mußte auch eilen, um rechtzeitig zur Bahn zu kommen. Auf der Wanderung durch die schon von vielen Ausflüglern belebten Vorortstraßen, beim Anblick all der lustigen Feiertags­gesichter stellte sie sich immerzu Theo vor, der klopfenden Herzens ihrer harrte. Und sie fühlte, nein, sie hörte ihre eigenen Pulse hämmern.

Es war verabredet, daß sie vom Bahnhof Zoologischer Garten abfahren würde, während er die Wannseebahn benutzte. In dem-Coupe, worin sie Platz fand, saßen lauter Pärchen, meist ganz junge Leute. Stolz und glücklich und doch ver­legen blickten sie um sich und beobachteten. Sobald eines den Handschuh abzog, vereinigten sich die Blicke aller anderen auf dem Goldfinger. Nein, Trauringe trugen die auch nicht! schienen sie sich darauf mit einer gewissen forschen Genugtuung zu sagen.

Asta drückte sich ins Polster. Wenn sie nur den quälenden Gedanken an Wyschnewski hätte loswerden können. Sie war sich selber böse darüber, daß ihr gerade jetzt immer und immer wieder die peinlichen Umstände seines Besuchs einfielen. Wenn irgend jemand von den Bekannten sie heute da draußen sah, war zwischen ihr und Gernot alles vorbei. Das wußte sie. Warum begab sie sich sehenden Auges in diese neue Gefahr? War ihr Theo denn wirklich so viel wert? Stand er ihrem Herzen so nahe, daß sie alle Zukunftshoffnungen um dieser einen Stunde willen leichtfertig in den Wind schlug?

Wenn Gernot sein Vorhaben ausführte, wenn ihn keine Warnung ihrer Feinde noch im letzten Augenblick davon ab­brachte, wenn er ihr seinen Namen bot . . . Eine glänzende Zukunft tat sich dann vor ihr auf: die Zigeunerjahre waren vorbei, die Lüge hatte ein Ende!

Sie sah die jungen Paare im Coups nur noch wie durch dichte Wolkenschleier.

Ob sie im Zug sitzend leiben sollte, an der Station, an der Theo sie erwartete, vorüberfahren?

Knirschend ward jetzt die Zugbremse eingesetzt. Die jungen Herren im Wagen lachten, die Mädchen hielten sich die Ohren zu. Alles stand auf.

Wannsee!"

Sie fuhr mit empor und blickte hinaus. Über junges Birkengrün und durch das blaugrüne Gezweig der rotstämmigen Kiefern schweifte der Blick über den blauen See, auf dem sich weiße Segel spannten. Alles war in das Sonnengold des jungen Maientags getaucht.

Der Zug hielt, die Türen öffneten sich, lachend, schwatzend, drängend, kichernd strebte alles ins Freie. Es war eine solch zwingende, berauschende Lebenslust in dem jungen Volk.

Auf dem Bahnsteig stand Theo. In seinem neuen, sommer­lichen Anzug sah er noch ebenso jung aus wie damals als Bräutigam. Nur sein Blick hatte etwas Melancholisches bei aller Beherztheit seines Auftretens. Sie mußte an Hannover denken, an die Harzreise, an Cannes und Ostende und Ham­burg. Eine heiße, stürmische Blutwelle stieg ihr vom Herzen herauf. Seine etwas ängstlich blickenden Augen suchten in dem Gewirr der Hellen Toiletten, der Hellen Schirme und bunten Sommerhüte.

Asta!" stieß er plötzlich fast jubelnd aus.

Im Nu war er an der Tür. Und sie sprang die beiden Stufen hinunter ihm entgegen.

Die Nächststehenden, die ihr stürmisches Wiedersehen be­obachteten, lachten; ein junges Mädchen, das sich an den Arm eines hübschen Sergeanten klammerte, nickte Asta unwill­kürlich zu.

Das schöne Wetter, die fröhliche Stimmung, der Umstand, daß man überall fast nur junge Pärchen sah, stellte eine Art Vertraulichkeit her, über deren Berechtigung sich keines so genau Rechenschaft zu geben wußte.

Ich dachte schon, du kämst nicht, Asta!" sagte er ein wenig atemlos.

Sie nahm sofort seinen Arm. Es war ihr erst wohl, als sie seine Nähe, seine junge Wärme fühlte.

Ich Hab' dir's doch versprochen, du!" flüsterte sie. Aber sie erschrak über irgend etwas Fremdes in ihrer eigenen Stimme. (Fortsetzung folgt.)

- O 0--

Der Lettenausstand in Livland und Kurland.

Von Prof. vr. Otto Larnack.

ls ein Land idyllischen Stillebens, trotz stetigen geistigen und materiellen Fortschritts, galten vor einem Menschen­alter die baltischen Provinzen Rußlands, die ehemaligen Ordenslande desHeermeisters in Livland". Wer vor dreißig Jahren dort heimisch gewesen ist, der denkt noch heute mit unausrottbarer Anhänglichkeit an Lebensbedingungen und Lebensformen zurück, die unserer hastenden Zeit allgemeinen Daseinskampfes so unglaublich erscheinen wie die Märchen vom Paradiese. Aber mit wie grausamer Elementargewalt hat auch dort der Gang der Geschichte das Idyll vernichtet; der Bund mit des Geschickes Mächten ist auch dort kein ewiger gewesen. Zwei zerstörende Katastrophen haben das Land betroffen: zu­erst die Russistzierung der Verwaltung und des Bildungs­wesens, die nach manchen Vorversuchen gerade vor zwanzig Jahren mit konsequenter Brutalität ihr Zerstörungswerk begann, und jetzt die lettische Revolution, die, wenn sie auch nur die eine Hälfte der Urbevölkerung mit so fanatischer Gewalt ergriffen hat, doch den Gesamtzustand bis ins tiefste erschüttern muß. Wenn ich an den Zustand, der bis zu Anfang der achtziger Jahre herrschte, zurückdenke, so muß ich sagen, die Deutschen lebten schon seit dem Siege der Russifizierung in Ruinen ihres einstigen stattlichen Hauses; jetzt hat die äußere Zerstörung die

innere vollendet, und die rauchenden Trümmer der Schlösser und Fabriken sind die Symbole der zerstörten politischen und kulturellen Selbständigkeit. Und welch tragische Verkettung! Die zweite Katastrophe trat gerade in einem Augenblicke ein, da die russische Regierung selbst die Folge der ersten zum Teil rückgängig zu machen suchte, da sie einen Teil ihrer Russifi- zierungsmaßregeln selbst wieder aufhob. Ein Hoffnungsstrahl hatte also den baltischen Deutschen wieder geleuchtet. Ist er jetzt endgültig erloschen? Darauf kann nur ein Blick in ihre Geschichte und ihre Lebensbedingungen die Antwort geben.

Die deutsche Bevölkerung setzte sich von alters her aus drei Elementen Zusammen: aus den Besitzern der Rittergüter, die bis zum Jahre 1866 sämtlich in Händen des einheimischen Adels waren, seit dem genannten Jahr von jedermann er­worben werden konnten; sodann aus dem städtischen Patriziat, hauptsächlich der Großkaufmannschaft von Riga und Reval; endlich aus den sogenannten Literaten, d. h. Vertretern der Berufsarten, die akademische Bildung erfordern: Geistlichen, Ärzten, Rechtsanwälten, höheren Lehrern usw. Wenn in früheren Jahrhunderten diese drei Gruppen sich fremd, öfters feindselig gegenüberstanden, so hatten sie seit dem Anfang des neun­zehnten Jahrhunderts ein festes, einigendes Kulturband in der