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1802 gegründeten deutschen Universität Dorpat gefunden. Indem Adel, Patriziat und Literatentum sich gewöhnten, ihren Angehörigen die höhere Bildung an der Universität Dorpat erteilen zu lassen, wurde ein gemeinsamer Boden geschaffen, auf dem die früher schroffen Standesunterschiede sich mehr und mehr milderten, so daß schließlich die Zugehörigkeit zur Hochschule, besonders auch zu ihren landsmannschaftlich gegliederten Verbindungen Zum eigentlichen charakteristischen Erkennungszeichen des baltischen Deutschen wurde. Man begreift leicht, welchen Schlag für das Deutschtum unter diesen Umständen die Russifizierung der dann „Jurjew" benannten Universität um das Jahr 1890 bedeuten mußte! Der Stand der
deutschen Literaten wurde dadurch zum Aussterben verurteilt; der Großgrundbesitz, die Großkaufmannschaft und die Großindustrie mußten sehen, wie sie durch Ausbietung ihrer
materiellen Mittel auf privatem Wege ihren Familien deutsche Bildung erhalten wollten. Das haben sie, trotz aller Regierungsschikanen, auch nach Kräften redlich getan; aber der deutsche Kulturschatz, den die Universität darbot, konnte damit doch nicht ersetzt werden.
Doch auch das Verhältnis zur Urbevölkerung, zu den Letten und Esten, ist von der Berrussung der Universität aufs schwerste betroffen worden. Bis vor zwanzig Jahren galt es als selbstverständlich, daß, wer von den Esten und Letten sich höhere Bildung aneignete, dadurch zum Deutschen wurde. Wenn er auch die Zugehörigkeit zu seinen Stammesbrüdern nicht verleugnen wollte, so war er doch von deutscher Bildung und deutschem Wesen so durchtränkt, daß er sich nicht mehr fremd den Deutschen gegenüberstellen konnte. Das vollbrachte im entscheidenden Maß die Universität. Nachdem sie russisch geworden und überhaupt aus einer Stätte der Wissenschaft zu einer Anstalt äußerlichen Drills und geheimer Intrigen geworden war, konnte sie das natürlich nicht mehr leisten; Deutsche, Letten und Esten gingen ihre gesonderten Wege, alle im stillen bestrebt, ihre Eigenart mit möglichster Zähigkeit zu wahren.
Man hat den Deutschen öfters zum Vorwurf gemacht, daß sie die Letten und Esten nicht „germanisiert" hätten. Soweit dieser Vorwurf überhaupt einen Sinn hat, könnte er sich nur auf die Zeiten unbedingter Gewaltherrschaft beziehen, in denen man vielleicht das Deutschtum den Eingeborenen ebenso hätte aufzwingen könrien, wie man ihnen das Christentum aufzwang. Für das neunzehnte Jahrhundert aber ist der Borwurf vollkommen widersinnig. Viel zu entwickelt war in ihm von Anfang an das Nationalgefühl, als daß es denkbar gewesen wäre, daß zweimalhunderttausend Deutsche zwei Millionen Esten und Letten, die von der Leibeigenschaft befreit waren, gewaltsanr hätten zu Deutschen machen können. Dagegen darf man unbedenklich aussprechen, daß deutsche Kulturerrungenschaften ihnen bei voller Wahrung ihrer Muttersprache reichlich zugute kamen. Die lutherische Religion wirkte nach dieser Richtung hin sehr stark, da die ganze Geistlichkeit deutsch ausgebildet, da alle religiösen Schriften aus dem Deutschen übersetzt waren, da der ganze Gottesdienst sich streng an den deutsch-protestantischen anschloß. Die Volksschule, die vor der Russifizierung ausschließlich der Selbstverwaltung des Landes unterstand, von jeder Regierungseinmischung frei war, überlieferte lauter deutsche Kulturelemente, wenn auch in der estnischen oder lettischen Sprache; sie war vorzüglich eingerichtet und hatte die gesamte Volksbildung auf eine hohe Stufe gehoben. In der eigenen Verwaltung und Justiz, die den Behörden der Landgemeinden gewährt war, in den Berwaltungs- angelegenheiten, die sie gemeinsam mit den Deutschen in den größeren Kirchspielsversammlungen erledigten, bewegten sie sich durchaus im Rahmen der im Lande von jeher geltenden deutschen Rechtsgrundsätze, das russische Recht kam hier überhaupt nicht in Betracht.
Aus alledem geht schon hervor, wie vollkommen grundlos der Vorwurf ist, die Deutschen Hütten das Landvolk grausam bedrückt. Es war dazu längst gar keine Möglichkeit mehr
vorhanden. Auch die Bedrückungen in den Zeiten der Leibeigenschaft waren nicht schlimmer als in manchen anderen deutschen Gebieten gewesen, man lese z. B. des alten Johann Heinrich Boß „Idyllen" von den Leibeigenen in Holstein; aufgehoben aber wurde die Leibeigenschaft in den baltischen Landen schon 1819 auf eigene Initiative der Ritterschaft. Dem folgte allerdings zunächst eine Periode der Fronwirtschaft. Aber um die Mitte des 19 . Jahrhunderts begann, wiederum aus eigenem Antriebe der Reformpartei des Adels, eine zweckmäßige Bodenreform, durch die ein leistungsfähiger, grundbesitzender Bauernstand im Laufe von etwa zwei Jahrzehnten geschaffen wurde. Der Wohlstand der Landbevölkerung hob sich unter der zielbewußten Förderung des deutschen Großgrundbesitzes im Laufe des 19 . Jahrhunderts in solchem Maße, daß schon das äußere Bild der Lebensformen sich völlig verändert zeigte. Diese ganze Entwicklung ist von der russischen Regierung immer nach Möglichkeit erschwert worden; wenn öfters behauptet worden ist, die russische Regierung habe die Esten und Letten gegen die bösen Absichten der Deutschen beschirmt, so sind das bare und blanke Lügen.
Trotz alledem soll nicht behauptet werden, daß in dem Verfahren der Deutschen im baltischen Lande keinerlei Ursachen zu der traurigen Entwicklung zu finden seien. Gerade bei der Agrarreform stehen die Licht-- und Schattenseiten dicht nebeneinander. Man hatte sich mit Erfolg bemüht, einen lebensfähigen Kleingrundbesitz auf verhältnismäßig großen und ertragreichen Bauerngütern zu schaffen. Es liegt aber auf der Hand, daß gerade deshalb diese Vorteile nur relativ wenigen Bauern zuteil werden konnten, daß der größere Teil landlos bleiben und als Tagelöhner, „Knechte", bei den Groß- oder Kleingrundbesitzern sein Brot verdienen mußte. Hierdurch kam es unter den Letten und Esten auch zu einer Art ständischer Scheidung. Der Landbesitzer — Gesindewirt, wie er in Livland genannt wird — trat in eine gewisse Solidarität mit den: Rittergutsbesitzer. Diese wurde noch dadurch verstärkt, daß auch für die ländliche Selbstverwaltung natürlich nur der Landinhaber in Betracht kam und der „Wirt" hierdurch mit dem Gutsherrn auch in eine gewisse Gemeinschaft politischer Aufgaben eintrat. Um das Schicksal der Landlosen aber kümmerte man sich dabei sehr wenig. Ein schwerer Vorwurf wird freilich aus dieser Unterlassung kaum abzuleiten sein. Daß die Masse der „Knechte" jemals politische Bedeutung gewinnen könne, dieser Gedanke ist wohl vor einem Menschenalter kaum irgend jemand gekommen, und zwar dem Eingeborenen wohl ebensowenig wie dem Deutschen. Und war es denn außer den Grenzen der Ostseeprovinzen viel anders? Trotz allen: Liberalismus, der damals herrschte, war der demokratische Zug, der in den letzten Jahren mit so gewaltiger Stärke in Europa aufgetreten ist, damals noch nicht merkbar und auch von den Wenigsten voraus gesehen.
Schwerer dürfte eine andere Unterlassung zu bewerten sein, die den Deutschen während der letzten Jahrzehnte zur Last gelegt werden muß. Je mehr Esten und Letten zu höherer Bildung emporstiegen, desto größer wurde natürlich unter ihnen auch der Wunsch, die eigene nationale Kultur ihres Volksstammes zu heben, in ihrer eigenen Sprache eine eigene politische Presse und Schöne Literatur ins Dasein zu rufen. Hierbei fanden sie aber nicht die Sympathien der Deutschen. Während diese früher, besonders die protestantischen Geistlichen, selbst dafür gearbeitet hatten, die Volkssprachen im Interesse des kirchlichen Lebens und der Elementarbildung überhaupt erst Zu Schriftsprachen Zu machen, zogen sie sich mißtrauisch zurück, als die estnischen und lettischen Literaten anfingen, sich höhere und weitere Ziele zu stecken. So bildete sich allmählich eine Kluft zwischen den vorgeschrittenen, sogenannten „Jungesten" und „Jungletten" auf der einen und den Deutschen auf der anderen Seite. Es schien dies aber Ziemlich bedeutungslos zu sein, bis die entschiedenen Russifizierungsbestrebungen der Regierung seit 1880 die ganze Lage der Deutschen veränderten. Nun hätten sie sich darüber klar werden müssen, daß sie nur im