Heft 
(1906) 06
Seite
124
Einzelbild herunterladen

Bunde mit der Landbevölkerung den Russen widerstehen könnten, daß dem kolossalen Reich gegenüber das kleine Land sich nur behaupten könnte, wenn seine Bewohner alle unbedingt zusammen­stünden, wenn Deutsche, Letten und Esten sich als eine Ge­meinschaft fühlten und gegenseitig verträten. Aber diese Er­kenntnis kam nicht zum Durchbruch: die Deutschen verharrten in streng nationaler Einseitigkeit dabei, das Deutschtum allein den Kampf nach allen Seiten aufnehmen und ausfechten zu lassen.

Diese von überkühnem Selbstvertrauen geleitete Stellung­nahme hätte sehr schnell zur Vernichtung des Deutschtums führen können, wenn die russische Regierung an Stelle der deutschen Herrschaft im Lande irgend etwas Positives zu setzen verstanden hätte. Es zeigte sich aber auch hier, was sich in Polen, Litauen, Finnland gezeigt hat, daß der Russe nur Kultur zu zerstören, keinesfalls Kultur zu schaffen weiß. Anfangs, in den ersten achtziger Jahren nahm die Regierung die Miene an, als wollte sie die Letten und Esten in ihren Selbständigkeitsbestrebungen fördern und ihre nationalen Kräfte gegen das verhaßte Deutschtum ausspielen. Allein sehr bald erwies sich dies als eine Maske, die dann auch gänzlich fallen gelassen wurde und der leere, öde Zerstörungtrieb, der sich gegen alle kulturellen Besitztümer der Ostseeprovinzen richtete, wurde die einzige Triebfeder der Regierungsmaßnahmen. Die Volksschule wurde dem Namen nach russifiziert, in Wirklichkeit gänzlich ruiniert, so daß das Volk tatsächlich ohne elementare Bildung aufwuchs. Die einheimischen Verwaltungs- und Gerichtsbehörden wurden aufgehoben und durch russische ersetzt, deren Signatur wie überall die Bestechlichkeit und die Willkür waren; mit allen möglichen Mitteln suchte man das Volk von der protestantischen Kirche zur griechisch-orthodoxen herüber­zuziehen und untergrub dadurch nur die Achtung vor kirchlichem Leben überhaupt und die Ehrlichkeit religiöser Überzeugung.

Die Folgen einer derartigen zwanzigjährigen Regierungs­politik liegen jetzt klar zutage; eine Generation ist aufgewachsen, der die notwendigsten Grundlagen menschlichen Gemeinschafts­bewußtseins fehlen, die, losgelöst von ihrer Vergangenheit, von den gegebenen heimischen Verhältnissen, zugleich aber erfüllt von Haß und Verachtung gegen das Gesamtreich, nur ihren rohen Instinkten folgt und sich dabei bis zu Akten tierischer Wildheit fortreißen läßt. Wenn in diesem wüsten Gebaren die Letten weitaus die Esten übertreffen, so liegt das Zum Teil in dem Volks charakter, der bei den einen mehr sanguinisch, bei den anderen mehr phlegmatisch ist; dann aber auch in einem sachlichen Umstand. Bei den Esten sollen nach zuver­lässigen Berichten die bäuerlichen Grundbesitzer die Oberhand behalten haben und sollen der systematisch verwüstenden

Revolution noch heute in eigenem Interesse einen Damm ent­gegensetzen; unter den Letten dagegen haben die Landlosen, die nicht viel zu verlieren haben, das Heft in die Hand bekommen, haben offenbar unter der Leitung einzelner höher gebildeter Führer ihre angeblicheRepublik" organisiert und die lettischen Grundbesitzer, zum Teil sehr gegen deren Willen, gezwungen, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Ihr Ziel ist offenbar, Kurland und das südliche Livland in einen Zustand der Ver­wüstung zu versetzen, der den vertriebenen Deutschen die Rück­kehr einfach unmöglich macht.

Ünd so werden wir zu unserer anfänglichen Frage zurück­geführt: Ist dieser Plan im Gelingen, oder besteht noch eine Hoffnung für das baltische Deutschtum? Zunächst ist dabei zu betonen, daß das Deutschtum doch nicht identisch ist mit dem Großgrundbesitz, daß vielmehr auch die größeren Städte starke Horte der deutschen Kultur sind. Riga allein zählt gegen 70 000 Deutsche unter 2-300 000 Einwohnern, und sie repräsentieren Besitz und Intelligenz; daß sie von lettischen Banden verdrängt oder ausgerottet werden könnten, daran ist nicht zu denken. So wird ein Kern von Deutschen immer vorhanden bleiben. Auf dem flachen Lande freilich wird die Zukunft der Deutschen zunächst sehr prekär sein. Vielen werden sicher­lich die Mittel fehlen, um sich im Besitz ihrer verwüsteten Güter Zu erhalten; sie werden genötigt sein, sie bei wieder geordneten Verhältnissen zu verkaufen, und zum Ankauf werden sich die Letten natürlich gern bereit finden. Aber andererseits dürften die Letten doch nicht genügende Kaufkraft haben, um Rittergüter in Massen Zu erwerben, und da nach aller Wahrscheinlichkeit der grundbesitzende Adel in Estland und im nördlichen Livland seine Stellung behauptet, so wird mit dessen Hilfe voraussichtlich doch wohl nach manchen Wechselfallen auch im Süden der Grundbesitz wieder in deutsche Hände kommen. Freilich die Kraft und Aktionsfähigkeit der Inländischen und kurländischen Ritterschaft wird auf einige Zeit hinaus gelähmt sein, und der Schwerpunkt des Deutschtums wird mehr in die Bürgerschaft, vor allem nach Riga hinfallen.

Damit aber das Deutschtum diese schwerste Krise über­winden könne, bedarf es vor allem der materiellen und der moralischen Anteilnahme der Deutschen des Mutterlandes. Sie hat den baltischen Deutschen nur zu lange gefehlt. Hoffen wir, daß die furchtbaren Ereignisse der letzten Zeit unter uns mehr und mehr das Bewußtsein dafür erwecken werden, was wir jenen vorgeschobenen deutschen Kämpfern schulden, die seit siebenhundert Jahren, einst mit dem preußischen Ordensland vereint, jetzt schon seit vielen Generationen bloß aus eigener Kraft in der Ferne deutsches Wesen erhalten und verbreitet haben!

Dschiu-Dschitsu.

Von C. Falkenhorst.

ier wurde die Schlacht von Waterloo gewonnen!" Wellington selbst soll auf dem Spielplätze zu Eton diesen Ausspruch getan haben. Er wird oft und gern zitiert, wenn es sich darum handelt, den im Kulturleben schlaffer werdenden Menschen zu bedeuten, daß körperliche Tüchtigkeit eine der Grundbedingungen kriegerischer Erfolge bildet. Als nun in den letzten Jahren das siegreiche Vordringen der Japaner die Welt überraschte, begann man nach der Ouelle japanischer Kraft zu forschen, und einige glaubten sie in eigenartigen gymnastischen Übungen, die imLande der aufgehenden Sonne" sich eingebürgert haben, suchen zu sollen.

Dschiu-Dschitsu, zu deutschMuskelbrechen", heißt jenes System, das den Körper stählt und ihn schmiegsam und ge­lenkig macht, das aber außerdem eine Menge Kunstgriffe lehrt, die den Jünger des Dsckiu-Dschitsu instand setzen, sogar körperlich stärkere Gegner leicht zu überwinden. In England, dem Lande des Sports, und in Amerika hat man zunächst

dieser japanischen Athletik größere Aufmerksamkeit geschenkt; man ließ sich Lehrmeister übers Meer kommen, und nicht nur Männer, sondern auch Frauen begannen sich in Dschiu-Dschitsu zu üben. Später tauchten auch in anderen europäischen Ländern auf verschiedenen Sportplätzen Jünger dieser mongolischen Kunst auf. Auch Bücher, Leitfäden zur Erlernung dieser Kunstgriffe erschienen, und deren einesDschiu-Dschitsu" von G. Irving Hancock, wurde neuerdings von Max Pannwitz verdeutscht. Aus ihm erfahren wir auch einiges über die Entstehung und Entwicklung der Kunst des Muskelbrechens.

Im alten feudalen Japan gab es eine Kriegerkaste, die Samurai", die den Fürsten Heeresfolge leisteten, zum Ab­zeichen ihres Standes zwei Schwerter tragen durften und in mancher Beziehung in ihrem Verhalten den Rittern des mittelalterlichen Europas ähnlich waren. Das Kriegshandwerk war ihr Lebenselement, jede andere körperliche Arbeit galt ihnen schimpflich. Wie unsere Ritter ihre Turniere hatten, so