Heft 
(1906) 06
Seite
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Abb. 1. Wurf über die Schulter.

übten sich die Samurai fleißig im Handhaben der langen Schwer­ter, im Ringen, Laufen und Springen. In der Erziehung ihrer

Jugend legten sie auf Stählung des Körpers das größte Gewicht, wurde doch ein schwacher Jüng­ling aus dem handfesten Stande dieser Ritter ausgestoßen. Unter diesen Kriegern bildete sich nun allmählich ein System von Leibes­übungen aus, das von unserem Turnen, Ringen, Fechten und Boxen durchaus verschieden ist, aber von jedem etwas hat. Es ist das Dschiu-Dschitsu, das anfangs nur den Samurai bekannt war, seit einigen Jahrzehnten aber, nach der Umgestaltung Japans, ein Ge­meingut des Volkes geworden ist, und in dem auch die japanischen Soldaten und Polizisten nach Kräf­ten ausgebildet werden.

Es handelt sich dabei in der Hauptsache um einen Zweikampf, der so lange fortgeführt wird, bis der eine der Gegner sich ergibt, für besiegt erklärt. Dabei werden Kampfmittel angewendet, die auf unseren Sport- und Turnplätzen gegenwärtig nicht üblich sind. Zum Austeilen von Schlägen benutzt man z. B. im Dschiu-Dschitsu nicht die geballte Faust, sondern die Kante der flachen oder geöffneten Hand. Durch planmäßige Vorbereitung kann sie allerdings zu einem sehr wuchtigen, ja höchst gefährlichen Kampfmittel ausgebildet werden. Der Schüler im Dschiu-Dschitsu beginnt damit, daß er mit der äußeren Kante der offenen Hand täglich einige Minuten lang leichte Schläge gegen harte Gegenstände, wie z. B. ein Brett oder eine Tischplatte, ausführt. Der kleine Finger muß dabei mit verwendet werden, aber die Schläge dürfen nicht so stark sein, daß sich in der Hand Schmerzen einstellen. Allmählich steigert man die Wucht, und nach und nach wird die Handkante abgehärtet; schließlich erreicht sie eine solche Festigkeit nnd Unempfindlichkeit, daß es ein Leichtes ist, einen Stock zu zerbrechen, wenn man gegen ihn mit der Handkante einen senkrechten Schlag führt. So gelangt der Schüler in den Besitz einer natürlichen Waffe, mit der er dem Gegner äußerst schmerzhafte und lähmende Hiebe versetzen, ja mit der er ihm sogar den Armknochen Zerbrechen kann.

Noch raffinierter ist ein zweites Kampfmittel. Jedermann weiß aus Erfahrung, daß an verschiedenen Teilen unseres Körpers besonders empfindliche und leicht schmerzende Punkte vorhanden sind. Packt man z. B. eine bestimmte Stelle am Ober­arm so an, daß die Finger sich in die Muskeln hinter der Mitte des Knochens eingraben, während sich die Spitze des Daumens in die Muskeln vor dem Kno­chen drückt, so preßt man nicht nur die Muskeln, sondern auch die in dieser Gegend verlaufen­den Nervenstränge zusammen.

Die Folge davon ist ein heftiger Schmerz und zugleich eine Läh­mung des Armes, die den Geg­ner augenblicklich hilflos macht.

Diese schwachen Punkte sucht der Dschiu - Dschitsuschüler zu­

nächst an seinem eigenen Körper aus; er übt an ihnen ver­schiedene Griffe und Schläge ein; dadurch lernt er nicht nur die anatomische Lage der Angriffsstellen genau kennen, sondern setzt allmählich ihre Empfindlichkeit gegen etwaige Griffe und Schläge künftiger Gegner nach Kräften herab.

Eine weitere Vorbedingung für die Erlangung der Dschiu Dschitsukunst bildet die allgemeine Stärkung der Muskeln und möglichste Erhöhung der Gelenkigkeit. Eine der ersten Übungen, die zu diesem Zwecke vorgenommen werden, heißt wenig zu treffend der Fingerkampf. Die Gegner stehen einander gegen­über, strecken ihre Arme seitwärts aus und drücken ihre Hände mit verschränkten und übergehakten Fingern gegen­einander. Beide lassen sich nach vorn fallen, so daß sie Brust an Brust und mit gespreizten Beinen so weit wie möglich zurückstehen. In dieser Stellung fangen die Gegner an, mit­einander zu ringen, wobei jeder seine Brust, so stark wie er nur kann, gegen die des anderen drückt, um ihn zurück­zudrängen. Sieger ist der, der seinen Gegner zwingt, von der Mitte des Zim­mers allmählich bis zur Wand zurückzuweichen.

Wie einfach auch diese Übung er­scheint, so ist sie doch ungemein anstrengend und stärkt die meisten Muskelgruppen des Körpers.

Das ist auch ihr Hauptzweck und nicht das Ge­winnen, und darum wird auch bei den Anfän­gern der Sieger im voraus be­

stimmt.

Adö. 3. Packen und Drehen des Handgelenkes.

Abb. 2. Parieren des Dolchstoßes.

Im weiteren Verlauf kommt der Schüler an die Rücken­trägerübung, die eine Ergänzung des Fingerkampfes bildet. Die Übenden stehen Rücken an Rücken und halten die Arme seitwärts ausgestreckt, so daß die Hände etwa in die Taillen­höhe fallen. Zugleich haken sie ihre Hände so ineinander, daß die Finger dicht verschränkt sind und die Handrücken aneinander­liegen. Nun beugt sich der eine vorwärts, so daß er den anderen vom Boden hebt, und hält ihn so möglichst lange schwebend. Anfangs gelingt das nur für wenige Sekunden, ein Meister in der Kunst kann aber seinen Genossen mühelos hundert Meter weit tragen.

Bei allen diesen Übungen ist Vorsicht geboten, man muß darauf achten, daß das Herz nicht überangestrengt wird. Bei den ersten Anzeichen des Herzklopfens ist die Übung sofort zu unter­brechen und erst nach völliger Beruhigung wieder aufzuehmen. Erst allmählich stellt sich die nötige Anpassung ein. Der Schüler, der seinen Körper methodisch stählen will, muß natürlich seine ganze Lebensweise danach ein­richten. In dieser Hinsicht wei­chen die Vorschriften des Dschiu- Dschitsu nicht von denjenigen ab, die einsichtsvolle Lehrer der ! Gymnastik zu allen Zeiten ge­geben haben. Mäßigkeit in: Essen, Enthaltung von reizenden Getränken und Gewürzen, reich-