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licher Genuß frischer Luft, verbunden mit Atemübungen, sowie fleißige Pflege der Haut durch Baden sind die goldenen Gesundheitsregeln für jeden Menschen und doppelt wichtig für denjenigen, der die Leistungsfähigkeit des Körpers Zur höchsten Vollendung entfalten will.
Hat der Schüler seinen Körper genügend gestählt und gelenkig gemacht, so wird er erst in die eigentlichen Geheimnisse des Dschiu-Dschitsu eingeweiht.
Jetzt lernt er die Kunstgriffe, mit denen er im Zweikampf den Gegner niederwerfen kann. Einige solcher Griffe erfordern große Muskelkraft.
Das ist z. B. bei dem „Wurf über die Schulter" der Fall, den unsere erste Abbildung wiedergibt. Zumeist wird er so eingeleitet, daß der Angreifer das rechte Handgelenk seines Gegners packt und nun den Arm von hinten über die eigene linke Schulter zieht. Blitzschnell läßt er sich dann auf sein linkes Knie nieder und drückt den Arm des Gegners hinunter, bis die Hand den Boden berührt. Nun richtet er sich mit entsprechender Beugung des Körpers auf, und die Folge davon ist, daß der Gegner über die Schulter zu Boden fliegt. Im passenden Augenblick kann man die Wirkung auch durch einen Ruck an dem Rock des Gegners unterstützen. In der Regel wird aber auf die Wucht des Angriffs nicht das Hauptgewicht gelegt. Überlisten ist hier vielmehr die zum Sieg führende Methode. Der Feind wird an der schwächsten Seite gepackt und festgehalten; sucht er sich mit Gewalt zu befreien, so bereitet er sich um so größeren Schmerz, und erschöpft in kürzester Zeit, ist er sozusagen durch seine eigene Kraft besiegt. Gegen alle diese schönen Kunstgriffe gibt es aber Gegengriffe, so muß man Angriff und Abwehr üben, gegen einen starken Trumpf wird ein stärkerer ausgespielt, es bedarf schließlich einer wahren Aalglätte, einer erstaunlichen Geistesgegenwart, um aus dem blitzschnell wechselnden Ringen als Sieger bervorzugehen. Der Mongole hält jeden Hieb '
und Griff für erlaubt, und wir können nicht sagen, daß schließlich der Kampf ritterliche Situationen aufweist. Auch der Kehlgriff wird von den Jüngern des Dschiu- Dschitsu geübt, und man hat sich viel Mühe gegeben, die besten Kehlgriffe und die besten Abwehrmittel dagegen zu erfinden.
Daß verschiedene dieser Griffe und Schläge gefährlich sind, liegt auf der Hand.
Hancock warnt in seinem Buch vor einer ganzen Reihe von Kunstgriffen und vor Schlägen, die auf der Stelle tödlich wirken. Aber die Japaner sind äußerst höfliche Leute und haben auch so unerschütterlichen Gleichmut, daß sie die gefährlichen Tricks niemals aus dem Übungs- oder Spielplatz anwenden, sondern nur im Ernstfall, im Kampf auf Leben und Tod von ihnen Gebrauch machen.
Ein geübter Dschiu-Dschitsukämpfer kann durch seine Geschicklichkeit selbst einen bewaffneten Gegner überwinden. Unsere Abbildungen geben die einzelnen Phasen eines solchen ungleichen Kampfes wieder, bei dem es sich um die Abwehr eines Dolch- oder Messerangriffs handelt. Zunächst (Abbildung 2)
sehen wir, wie der Angegriffene den beabsichtigten Stoß mit der gehärteten Handkante pariert. In der zweiten Position (Abbildung 3) hat er das Handgelenk des Messerhelden gepackt und sucht es zu verdrehen, gleichzeitig hat er mit der Linken den Kniff am Oberarm angewendet und dem Angreifer ein Bein gestellt. So bringt er ihn, wie dies die vierte Abbildung zeigt, durch schmerzhaftes Ziehen und Drücken
am Arm zu Falle. Zuletzt (Abbildung 5) kniet er sofort auf das Ellbogengelenk des Hingestreckten nieder und entwindet ihn: die Waffe.
An diesen Beispielen haben wir in aller Kürze die Grundsätze des Dschiu-Dschitsu skizziert; wir können aber die überschwängliche Bewunderung dieser Leibesübungen nicht teilen und auch nicht zugeben, daß die kleinen gescheiten Japaner darin etwas Neues ausgeklügelt haben.
Es gab auch bei uns eine Zeit, in der das Ringen die gleiche Bedeutung hatte wie bei den Samurais. Es wurde geübt als eine Kunst, den Kampf fortzusetzen, wenn die Waffe verloren gegangen war. So finden wir in den ältesten Anleitungen, die noch spärlich erhalten sind, Ratschläge, mit welchen schmerzhaften Griffen und Kniffen, mit welchen lähmenden Schlägen man den Feind niederzwingen oder auch abwehren kann. Da finden wir den „Haargriff" der Japaner, den Stoß mit dem Knie nach dem Bauch, die Kehlgriffe, wobei man dem Gegner den Zeigefinger in „eins der drei Löchlein am Halse" setzte. Jselin erzählt von solchen Kniffen in seiner „Geschichte der Leibesübungen". Am Hofe des Kaisers Friedrich war ein Jude, ein trefflicher Ringer, der alle Jünglinge des Hofadels im Ringen niedergeworfen hatte, indem er sie am Hüftknochen faßte und den Gegner durch den Schmerz, den dieses Anfassen verursacht, schwächte und besiegte. Das war ein geübter Dschiu- Dschitsumann im Mittelalter. Er war aber wohl zu höflich in der Ausübung seiner Kunst; denn als er mit einem „Riesen", der an den Hof kam, sich im Zweikampf versuchte, brach ihm
der Athlet das Genick. Noch im Jahre 1674 wurde von einem Ringer Nikolaus Petters in Amsterdam ein mit vielen Bildern geschmücktes Buch herausgegeben, in dem man eine Menge von Kunstgriffen beschrieben und abgebildet findet, die dazu dienen sollen, einen Gegner niederzuwerfen und unschädlich zu machen. Viele von ihnen gleichen den Vorschriften des Dschiu-Dschitsu bis aufs Haar. Sie werden bei der damaligen Unsicherheit der Landstraßen Zur Abwehr räuberischer Überfälle empfohlen. Wo aber in Europa das Ringen und Fechten der Kurzweil halber getrieben wurde, säuberte man es allmählich von derartigen Kniffen und Griffen, verpönte sie als Roheiten und sprach mit Verachtung von solchen Stücken, die „sich für grobe Leute gehören" und nicht „geselliglich" sind. Gewiß muß man zugeben, daß Ausschreitungen bei allen Kampfspielen Vorkommen können; je nach der Erziehung der Spielenden schwanken hier die Grenzen des Erlaubten,
Abb. 4. Fällen des Gegners.
Abb. 6. Entwinden der Waffe.
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