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und so ist es auch wohl gut möglich, daß Dschiu-Dschitsu in manierlicher, höflicher Art geübt wird. In seinen Grundzügen aber stellt es eine für unsere Zivilisation veraltete Form der Leibesübungen dar. Es ist auch dort drüben im fernen Osten ein Kind des Mittelalters, und es ist eine Frage, ob die Künste der Samurai in dem modern gewordenen Japan sich auf die Dauer erhalten. Denn das ist doch zu beachten, daß man die Stählung des Körpers, die Erhaltung der Gesundheit durch viele andere anziehendere Leibesübungen erzielen kann. Praktisch ist Dschiu-Dschitsu allerdings in Fällen, wo es sich um Abwehr roher oder gar lebensgefährlicher Angriffe handelt. Leute, die solchen Angriffen ganz besonders ausgesetzt sind, können sich mit Vorteil im Dschiu-Dschitsu üben, und darum sind Kurse darin bei Polizeibeamten usw. sehr angebracht. Das ist auch in verschiedenen Staaten versucht worden. Ob eine Ausbildung
im Dschiu-Dschitsu für die Wehrkraft des Volkes von wesentlichem Belang ist, muß sehr bezweifelt werden. Das Heer braucht eine gesunde, frische, kräftige Jugend; diese wächst auch auf guten Spiel- und Turnplätzen, in Wanderungen durch Wald und Äu, in Berg und Tal, bei Schwimmen und Rudern heran. Die Höchstleistungen des Dschiu-Dschitsu, die Kniffe und Kunstgriffe können in modernen Schlachten kaum verwertet werden. In ihnen liegen auch nicht die Wurzeln der japanischen Erfolge; die Siege von Liaujang und Tsuschima wurden doch mit europäischen Waffen erfochten, und die siegreichen Strategen waren gelehrige Schüler unserer Offiziere. Bei aller Anerkennung japanischer Genügsamkeit, Ausdauer und Gelehrigkeit dürfen wir doch nicht übersehen, daß die Hauptquellen der japanischen Kraft, die sich plötzlich so mächtig entfaltet hat, bei uns zu Lande geflossen sind.
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Charakterbilder.
Von Paul Leyse.
Das Unglück, Verstand zu haben.
er Zug war nicht überfüllt. Ich durfte hoffen, in meinem Coupo allein zu bleiben, zumal nachdem ich mich mit dem Schaffner darüber verständigt und meinen Wunsch durch einen gehaltvollen Händedruck bekräftigt hatte. Doch schon auf einer der nächsten Stationen, wo ein großes Menschengewühl den Bahnhof füllte, öffnete mein Gönner plötzlich die Tür und trug einiges Handgepäck herein, mit verlegenem Achselzucken und indem er mir Zuraunte: Hab's nicht
anders machen können. Js nur eine einzelne Dame, aber was für eine!
In der Tat folgte ihm auf dem Fuß eine Dame, deren Erscheinung das Zeugnis des Schaffners rechtfertigte: eine schlanke Gestalt mit leichten, sicheren Bewegungen, in der geschmackvollsten, doch sehr einfachen Reisetoilette, unter einem silbergrauen Schleier ein anziehendes, nicht mehr ganz junges Gesicht mit ernsten, dunkelen Augen und einem Grübchen in der linken Wange. Sie erwiderte meinen Gruß mit einem leichten Neigen und installierte sich in der leeren Fensterecke mir gegenüber, indem sie ein elegantes Handtäschchen neben sich stellte, den Schleier zurückschlug und ein Buch hervorholte, in das sie sich, sobald der Zug sich wieder in Bewegung setzte, eifrig zu vertiefen schien.
Ich hatte nun alle Muße, sie näher zu betrachten, da sie nicht die geringste Notiz von mir nahm und die Gegend, durch die wir fuhren, so reizlos war, daß sie keinen Blick durch das Fenster warf. Die breiten Augenlider fielen mir auf, die sie auf das Buch gesenkt hatte, die schöne Stirn unter dem leicht gewellten aschblonden Haar und die zarte Linie der geraden Nase, deren Flügel leicht erzitterten, wenn etwas, das sie las, sie erregte. Besonders schön war der Mund, der auch im Schweigen einen lebhaft bewegten Geist verriet, während das schon erwähnte Grübchen dem Gesicht bei allem Ernst einen witzigen Zug verlieh.
Das Buch, das sie las, war ein Tauchnitzband. Doch stand es mir außer Zweifel, daß ich eine Deutsche mir gegenüber hatte, und so sehr ich es sonst vermeide, in einem Eisenbahnwagen Bekanntschaften anzuknüpfen, diesmal fühlte ich eine lebhafte Neugier, von dem ungewöhnlich anziehenden Wesen etwas Näheres zu erfahren, vor allem zu hören, was für eine Stimme aus diesem weichen und doch charaktervollen Munde ertönen möchte.
Ein Blick, den ich zufällig auf das Handtäschchen warf, kam mir zu Hilfe. Ich las auf einem silbernen Schildchen den Namen der Besitzerin, einer: mir sehr wohlbekannten, da einer meiner Jugendfreunde, der in Berlin wohnte, diesen Namen trug. Ohne mich lange zu bedenken, ergriff ich diesen
Anknüpfungspunkt und sagte, als die Leserin nun doch einmal eine Pause machte und in die vorbeifliegende Landschaft hinaussah:
Ist es sehr indiskret, gnädige Frau, wenn ich eine Frage an Sie richte, zu der mich der Name auf Ihrer Reisetasche anregt? Alte Freunde von mir heißen so, und obwohl der Name nicht ganz selten ist, kommt er in dieser Schreibart doch nur in einem engeren Kreise weniger Familien vor. Wenn Sie daher mit dem Berliner Zweige verwandt wären — mein Freund ist Professor an der Universität. . .
Sie sprechen von meinem Onkel, erwiderte sie ruhig, dem älteren Bruder meines Vaters. Es ist wieder die alte Geschichte von der kleinen Welt, in der man keine hundert Schritte tun kann, ohne auf Menschen zu stoßen, mit denen man in näherer oder entfernterer Beziehung steht. Auch Sie sind mir nicht fremd, nicht bloß als Schriftsteller. Ich habe Ihr Porträt bei meinem Onkel gesehen, als ich vor acht Jahren längere Zeit in seinem Hause lebte und oft von Ihnen sprechen hörte.
Ihre Stimme war sehr klangvoll, aber ihre Art zu sprechen hatte etwas Müdes, Gleichgültiges, wie wenn sie es im Grunde nicht der Mühe wert hielte, sich zu äußern, oder, während sie sprach, an etwas anderes dächte.
Ich war längere Zeit nicht wieder in Berlin gewesen, und da mein dortiger Freund ein Feind des Briefschreibens war, ohne Nachricht von ihm geblieben. Nun hatte ich den besten Anlaß, das Gespräch mit meiner schönen Reisegefährtin fortzusetzen, indem ich sie nach allen Mitgliedern seiner Familie befragte.
Sie gab mir freundlich Bescheid, und die herzliche Art, wie sie von ihren Verwandten sprach, besonders von den beiden Töchtern des Hauses, ihren Kusinen, zeigte mir, daß sie die beste Eigenschaft des Menschen besaß, sich an fremdem Glück zu erwärmen. Beide Mädchen, die ich noch als Backfische gekannt, waren seitdem glückliche Frauen und Mütter geworden, was ich nur durch gedruckte Anzeigen erfahren hatte
Sie war mir, während sie sprach, immer schöner und liebenswürdiger erschienen. Ich tat immer neue Fragen, auch solche, deren Beantwortung mir ganz gleichgültig war, nur um zu sehen, wie ihre feingeschwellten Lippen sich bewegten und die weißen Zähne dazwischen vorglänzten.
Seltsam, daß ich Ihnen dort nie begegnet bin, gnädige Frau, noch von Ihnen gehört habe, sagte ich endlich.
Das ist sehr einfach, versetzte sie. Ich bin vor acht Jahren zum ersten Male nach Berlin gekommen, und seitdem