haben Sie sich dort nicht mehr blicken lassen. Bis dahin hatte ich in Frankfurt an der Oder gelebt, wo mein Vater Justizrat und ein vielbeschäftigter Advokat war. Unsere Berliner Verwandten haben uns oft zu sich eingeladen. Ich konnte aber nicht leicht von Hause fort, meine Mutter war gestorben, als ich erst vierzehn Jahr alt war, da mußte ich für sie eintreten, die Wirtschaft führen und den Vater versorgen und meinen einzigen Bruder, der zwei Jahr älter war als ich. Erst als der Vater gestorben war, konnte ich das Haus verlassen, da der Bruder längst als Pächter auf einem großen Gut im Fränkischen lebte. Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt, noch eine rechte Provinzpflanze, der es sehr not tat, in der Großstadt ein bißchen aufzublühen. Aber bis zur gnädigen Frau, wie Sie mich nennen, habe ich's in Berlin nicht gebracht. Ich bin noch immer Fräulein und werde als solches wohl auch dereinst zu meinen Müttern versammelt werden.
Sie hatte das ganz heiter gesagt und sah mich nun mit einer Miene an, als ob der Ausdruck meines Gesichts sie im höchsten Grade belustigte.
Scheint Ihnen das so unglaublich? sagte sie. Trauen Sie mir nicht so viel Verstand zu, daß ich mit meinen vierunddreißig Jahren mich resigniert haben sollte, endgültig sitzen geblieben zu sein und dazu verurteilt, die Heilige
Katharina zu frisieren? Oder bedauern Sie mich aufrichtig, daß ich die sogenannte Bestimmung des Weibes verfehlt habe?
O, mein Fräulein, versetzte ich nun auch in dem gleichen scherzhaften Ton, ich machte ein so dummes Gesicht, nur weil ich vor einem ganz anderen Dilemma stand: entweder zu glauben — verzeihen Sie, wenn ich etwas sage,
das nach einem Kompliment aussieht — daß die Männer keine Augen im Kopf gehabt hätten, oder daß keiner
gekommen wäre, der Ihr Herz hätte rühren können.
Und welcher dieser beiden Hypothesen würden Sie den Vorzug geben?
Jedenfalls der letzteren. Vielleicht gerade, weil Sie viel umworben wurden, Haben Sie ^die Oual der Wahl empfunden und immer noch auf den entscheidenden Himmelswink gewartet.
Sie sah nachdenklich vor sich hin. Ihre Lösung des Rätsels ist sehr schmeichelhaft, aber sie trifft nicht ganz zu. Um zu verstehen, wie das so gekommen ist, müssen Sie mich und das wunderliche Leben, das ich geführt Habe, näher kennen. Das wäre aber zu weitläufig und kann Sie nicht ernstlich interessieren.
Glauben Sie? sagte ich. Das kann Ihr Ernst nicht sein, da es, abgesehen non dem Eindruck, den Ihre Person auf mich gemacht hat, überhaupt mein Metier ist, Menschenschicksale zu ergründen. Und da ein freundlicher Zufall uns zusammengeführt hat und wir hier ungestört sind —
Sie lächelte. Sie haben recht, ich sitze hier wie im Beichtstuhl, und Sie Haben gewiß nicht zum erstenmal die Bekenntnisse einer mehr oder weniger schönen Seele mitangehört. Auch ist, was sich mit mir ereignet hat, nichts, was nur aus meinem besonderen Charakter zu erklären wäre, oder gar einer Schuld entspränge, die man geheim halten möchte. Mein Fall ist der von vielen Tausenden meiner Schwestern und läßt sich auf eine sehr einfache Formel bringen. Es soll eine russische Komödie geben, die den Titel hat: „Das
Unglück, Verstand zu haben." Sehen Sie, das Unglück ist mir begegnet.
Sie werden sagen, daß das heutigentags kein so großes Unglück für eine Frau sei, wie in der Guten alten Zeit noch vor fünfzig Jahren, wo man von dem schwachen Geschlecht, wenn es sich um eine Lebensgefährtin handelte, vor allem ganz andere Eigenschaften schätzte als Verstand: allerlei praktische häusliche Talente und was man Gemüt, Hingebung, Unterordnung unter den männlichen Willen nannte. Es ist wahr, wir sind aus diesem Puppenstand herausgekommen und dürfen unsere Flügel frei bewegen, und um zu wissen, in welcher
Richtung wir's am besten tun sollten, brauchen wir ja auch ein bißchen Verstand. Wohl gemerkt: ein bißchen! ja nicht zuviel, nicht so viel, daß wir dadurch „unweiblich" erschienen. Den Häßlichen und auch sonst vom Glück Gemiedenen unter uns erlaubt man allenfalls, sogar sehr viel Verstand zu haben, um ihr Leben auf eigene Füße zu stellen. Wenn man aber keine Not leidet, nicht um zu leben einen „Beruf" ergreifen muß und so aussieht wie — nun wie eben ich ausgesehen habe, als ich die Kinderschuhe ausgetreten hatte und nun lange Kleider trug — da ist es sehr übel angebracht, das Leben ernst zu nehmen, statt hübsch und liebenswürdig und so wie alle anderen zu sein und es sich merken zu lassen, daß man sich nichts Besseres wünschen könne, als möglichst bald eine gute Partie zu machen.
Meine Eltern hatten sehr glücklich miteinander gelebt, doch nur, weil meine liebe Mama auf das Recht, einen eigenen Willen zu haben, völlig verzichtete. Das hatte mich oft in ihre Seele hinein empört, da sie ebenso klug wie liebevoll war und guten Grund gehabt hätte, bei manchen Einrichtungen unseres Lebens ihrem Kopf zu folgen, wenn der Vater in seiner raschen Art sich vergriff. Aber ihr Herz beherrschte ihren Kopf so sehr, daß sie, wenn sie sich dann fügte, Gründe hervorsuchte, weshalb es so das Bessere sei. Hätte sie von Anfang an den Mut ihrer Persönlichkeit gehabt, so wäre es nicht zum Schaden ihrer Ehe gewesen, da der Vater, wenn man es richtig anfing, gegen Bernunftgründe sich nicht verstockte.
Als ich dann allein mit ihm geblieben war, ließ ich mir, was ich an meiner guten Mutter gesehen, zur Witzigung dienen und fand, daß ich ganz gut damit durchkam. Ich hatte viel vom Vater geerbt, er neckte mich damit, an mir sei ein Jurist verdorben, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich meines Bruders Schulstudien auf meine eigene Hand mitmachte. Im Latein kam ich auch so weit, daß ich Livius lesen konnte, im Griechischen erlahmte ich, als die schwierigeren Aufgaben kamen, und die Mathematik war mir ein Greuel. Übrigens betrieb ich diese „unweiblichen" Studien ohne irgend einen Zweck, wie andere höhere Töchter Klavier spielen oder singen lernen, wozu ich kein Talent in mir - fühlte. Und nichts lag mir ferner, als eine gelehrte Frau werden zu wollen oder mir auch nur auf mein bißchen klassische Anfangsgründe etwas einzubilden. Es war mehr eine Art Neugier, einmal zu erproben, was denn an der berühmten humanistischen Bildung sei, von der die Herren der Schöpfung uns einfältigen Frauenzimmern gegenüber ein so großes Wesen machen.
So hätte denn auch kein Hahn danach gekräht. Aber mein Bruder, der mich überhaupt vergötterte, verdarbt, indem er damit herumprahlte, wie gescheit ich sei und was ich alles lernte und wüßte. Das schadete mir nun vollends, da ich schon immer für eine unausstehliche kleine Person gegolten, die sich auf ihre Logik wunder was einbilde, dann allerdings hatte ich mir die Redensart angewöhnt, wenn mir bei einem Disput etwas allzu Dummes erwidert wurde: „Das ist nicht logisch."
Nun wußte man. warum mir der Kamm geschwollen war: Griechisch und Lateinisch und auch Geschichte hatte ich aus den Büchern meines Bruders gelernt, etwas gründlicher als in unserer Töchterschule gelehrt wurde.
Daß ich über meiner Gelehrsamkeit nicht versäumte, eine ganz leidliche kleine Hausfrau zu machen, auch gern an allerlei Lustbarkeiten teilnahm und leidenschaftlich tanzte, wurde nicht in Anschlag gebracht. Es konnte mich nicht wundern. Ich war wirklich eine der Hübschesten in unserm geselligen Kreise; nun auch noch für eine der Gebildetsten zu gelten, durfte man mir nicht einräumen. So wurde mir
der Ruf aufgebracht, daß ich unendlich stolz auf meine Wissenschaften sei, und die jungen Herren, die schon ohnehin mir's nicht verzeihen konnten, daß ich sie zuweilen aä ud8ur- 6um führte und in ihrer Selbstgefälligkeit beschämte, waren nur allzu willig, den Namen eines pedantischen Blaustrümpfchens,