Heft 
(1906) 06
Seite
130
Einzelbild herunterladen

130

den die Freundinnen mir gaben, in allen Häusern, wo ich verkehrte, mir anzuhängen.

Ja, einen noch boshafteren. Ein junger Mann aus Süddeutschland war in ein Handelshaus bei uns eingetreten und bald überall eingeführt worden. Ich hatte ihn ein paarmal getroffen, und da er mir in läppischer Weise den Hof machte, ihn ziemlich unzweideutig ablaufen lassen. Als man ihn fragte, wie ich ihm gefallen habe, hatte er sehr von oben herab erklärt, es sei schade, daß ein Mädchen, das so gut tanze, so ein Fräulein Siebengescheit sei, die ihren Tänzer wie einen Schulbuben korrigiere, wenn er mal einen Schnitzer mache.

Das alles nur darum, weil er, um mir zu imponieren, allerlei geschichtliche Kenntnisse ausgekramt hatte, wobei es ihm begegnet war, Karl den Großen für den Vater von Philipp dem Zweiten zu halten und Katharina von Bora, was ihren Geburtsort betrifft, mit dem Käthchen von Heilbronn zu verwechseln.

Ich hatte freilich das Verbrechen begangen, ihn zu korrigieren. Zur Strafe dafür blieb ich nun bei all meinen Altersgenossen dieSiebengescheite", da das süddeutsche Wort rasch bei uns Eingang fand.

Sie haben einmal von einem Bauern erzählt, den man ebenso genannt hatte, und der sich auf seinen Grabstein schreiben ließ:

Tu nur nicht recht behalten Und bleib fein dumm.

Es war ihm im Leben schlecht gegangen, weil er klüger war als die anderen und sich's leider merken ließ. Das Buch habe ich erst später kennen gelernt und meinen Schicksals - kollegen herzlich bedauert. Aber freilich, ich hätte nur kaum eine Lehre daraus genommen. Man wird ja nur durch Schaden klüger.

Mein Bruder, der die Hauptschuld an meinem Schaden trug, war wütend, könnt' es aber nicht ändern. Ich selbst hatte schon früher eingesehen, daß nächst der Torheit, Verstand zu haben, die größte sei, sich's merken zu lassen. So bemühte ich mich aus Leibeskräften, es zy verbergen, wenn mir etwas Albernes, Widersinniges oder Unrichtiges vorkam, und wenigstens zu schweigen, so leicht das Widerlegen gewesen wäre. Aber Sie kennen das Sprichwort: Drei Dinge lassen sich nicht ver­bergen: Husten, Feuer und Liebe. Ich lernte noch ein

weiteres kennen: Verstand. Du magst ein noch so einfältiges Gesicht machen, sagte mein Bruder, das Fältchen an deinem linken Mundwinkel verrät, was du denkst.

Ich sah endlich ein, daß ich's unheilbar verschüttet hatte, daß man mir's eher verzeihen würde, wenn ich etwas Schlechtes begangen hätte, als den Hochmut, den man mir imputierte, als sei ich zu gut für diese Welt, in der doch manche waren, die ich von der Schule an wahrhaft lieb gehabt hatte, gleich­viel, was für Zensuren sie bekamen und ob sie auf der ersten oder letzten Bank saßen.

Auch diese zogen sich von mir zurück, so daß ich endlich in meinem Kreise ganz isoliert war. Ehrlich gestanden, nahm ich mir das nicht sehr zu Gemüte. Ich war über die Tanzjahre hinausgekommen, lebte jetzt für meinen Vater und hatte an guter Gesellschaft in meinen Büchern keinen Mangel. Nur wenn wieder eine meiner Freundinnen Hoch­zeit machte, stellte ich wohl mit leisem Seufzer Betrachtungen darüber an, daß ich dergleichen wohl nicht erleben würde. Sie können mir's glauben, es war mir dabei nicht sowohl um einen Mann zu tun, der mich heimführen sollte, als daß ich's gerade heraussage - um ein Kind, dessen Mutter ich werden würde.

Denn dies war einer meiner leidenschaftlichsten Wünsche.

Immer habe ich Kinder geliebt und sie zugleich glühend beneidet. Sie haben ja alles, was mir fehlt, die Fähigkeit der Illusion, das Glück, die nüchterne Welt ringsum wie in einem wachen Traum zu sehen und ihr Leben täglich wie ein

Märchen zu erleben, in dem gute und böse Feen auftreten. Ich dagegen, mit meiner traurigen Klarheit, meinem Wirklichkeits­sinn, wie das heutzutage genannt wird was hätte ich darum gegeben, die glückselige Dummheit oder Dumpfheit zu gewinnen, die andere neben mir über alle Abgründe und Untiefen des Schicksals hinwegtäuscht. Glauben Sie nicht, daß ich mich etwa von dem Pessimismus hätte anstecken lassen, der damals Mode wurde. Ich hatte keine Zeile von Schopenhauer gelesen, wollt' es auch nicht, denn ich fand, obwohl man mir diese neueste Weisheit, die so alt ist wie König Salomo, vielfach vortrug, daß es sehr viel Hübsches, Heiteres, Beglückendes in der Welt gab, wovon auch ich mein Teil genießen durfte, so wenig blind ich gegen die Schattenseiten war. Aber ich ließ mir auch, was ich schwarz sah, von niemand weiß machen, und die Hauptsache, einen Menschen, der mir um die gemeine Deutlichkeit der Dinge, wie Schiller so schön sagt, den goldenen Duft der Morgen­röte weben wollte, fand ich nicht. Das konnte, so viel ahnte mir, nur die Liebe, und man ließ mich ja beständig merken, daß ich nicht liebenswürdig sei.

Das wollte ich nun, so wenig eitel ich war, nicht gelten lassen.

Ich wußte ja, daß ich neben meinem Verstände, den man mir zum Verbrechen machte, auch so etwas wie ein Herz be­saß, ein ganz anspruchsloses, warmes, vielbedürftiges Mädchen­herz, das nichts Besseres verlangte, als irgend wo in festen Händen zu sein. Auch hatte ich von seinem Dasein Beweise der verschiedensten Art gegeben, indem ich an den Verliebungen und Brautschaften meiner Freundinnen lebhaften Anteil nahm. Daß ich das aber neidlos tun konnte, bestärkte nur das Vor­urteil, als hätte ich selbst keine Herzensbedürfnisse, natürlich weil mein hochmütiger Kopf dies ungebildete Organ für viel zu gering hielt, um ihm eigene Rechte einzurüumen.

So blieb es dabei: ich wurde fünfundzwanzig Jahr alt, ohne daß mir jemand auch nur die kleinste Liebeserklärung ge­macht hätte.

Ich, wie gesagt, nahm, so lange mein Vater lebte, die Sache nicht tragisch. Doch war ich auch nicht gesonnen, mich für immer dabei zu beruhigen. Als ich daher verwaist und einsam in dem alten Hause zurückgeblieben war, beschloß ich auszuwandern, nach einem Ort, wo man vielleicht nachsichtiger über meinen Charakterfehler dachte, und wohin der Ruf meiner Siebengescheitheit noch nicht gedrungen war.

Ich folgte daher freudig der Einladung meines guten Onkels, zu ihm nach Berlin Zu kommen. Jedem anderen würde ich nicht gestehen, daß ich nur deshalb gerade dorthin ging, weil ich hoffte, nirgends sonst so viel Gelegenheit zu finden, rund herausgesagt: einen Mann zu bekommen. Sie aber nach allem, was ich Ihnen schon vertraut habe, werden mich eher darum hochschätzen, weil ich nicht besser war als alle meines Geschlechts, die sich nur einfachzu versorgen" wünschen. In dem Sinne der äußeren Lebensversicherung braucht ich's ja nicht. Mein kleines Vermögen reichte eben aus für meine bescheidenen Bedürfnisse. Aber eine tiefere Bedeutung hatte das Wort für mich:Mich versorgen";

darunter verstand ich, mir Sorgen zu verschaffen für ein Wesen, das mir teuer wäre, und nachdem ich für meinen Papa nicht mehr zu sorgen hatte, dies für einen an­deren Menschen zu tun, am liebsten für ein geliebtes Kind. Das Leben ist ja so öde und leer, wenn man nur arz^ sich zu denken hat.

Nun war ich der Meinung, gerade in Berlin würde ich finden, was mir not tat. Die Berliner stehen ja im Ruf, so ungemein klug, gelehrt, witzig und von sich selbst durch­drungen zu sein, daß eine arme Siebengescheite aus der Provinz unter ihnen nicht auffällt, am wenigsten deshalb über die Achsel angesehen wird. Wenn sie überdies hübsch ist und nicht so arm wie eine Kirchenmaus und mit ihrer Gescheitheit nicht großtut, warum soll sie den Männern nicht begehrenswert scheinen?