Heft 
(1906) 06
Seite
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Darin hatte ich mich auch nicht verrechnet.

Bald nachdem ich in den Berliner Kreisen aufgetaucht war, fanden sich Bewerber um meine Hand, die in den Augen meiner Angehörigen durchaus annehmbar waren. Nun aber stand mein alter Spielverderber, der Verstand, in anderer Weise als früher meinem Glück im Wege.

Er ließ mich nämlich sehr bald bei jedem der trefflichen Männer, die sich in mich verliebten, mit grausamer Klarheit erkennen, woran es ihm fehlte, und gerade die Gelehrten­schwächen, da die Freunde und Bekannten des Onkels fast sämtlich der Universität oder dem Polytechnikum angehörten, schienen mir besonders unleidlich, da ich mir durch mein bißchen Wissenschaft mein eigenes Leben verdorben hatte. Ich sah überall Pedanterie, Einseitigkeit, engherzige Verachtung aller allgemeineren Bildung, die für dilettantisch gehalten wurde, und daneben vielfach ein Strebertum, das mir mit einen: idealen Forscherleben nicht vereinbar schien.

Darin hatte ich wohl unrecht. Es gibt ja auch viele, die ihre Wissenschaft um ihrer selbst willen treiben, aber solche, die daneben Zeit und Bedürfnis haben, sich überhaupt nichts Menschliches fremd werden zu lassen, sind mir selten begegnet. Der Kreis jeder Wissenschaft ist ja so groß und erweitert sich so schnell, daß der Einzelne, wenn er nur Nachkommen will, nicht rechts noch links blicken darf.

Ich sah aber, daß auch alle anderen Berufsarten ihre besonderen Schwächen und Charakterfehler zu haben pflegen, Künstler, Militärs, Kaufleute. Fast glaubte ich, diese anderen Schattenseiten oder, wenn man will, Fehler ihrer Tugenden eher mit in Kauf nehmen zu können als Professorensünden. Aber wenn auch einer oder der andere aus jenen Kreisen sich mir näherte und es nur eines geringen Entgegenkommens bedurft hätte, ihn zu fesseln ich konnte mich für keinen ent­scheiden. Das wollte ich denn doch meinem alten Lebens­feinde nicht zu Gefallen tun, daß ich ihm bei dieser wichtigsten Entscheidung das letzte Wort gönnte und eine sogenannte Ber- nunftheirat schloß. Eine Neigung aber, die mir den Entschluß über den Kopf wegnahm, eine Liebe, die höher war als alle Vernunft, die mit elementarer Gewalt sich meiner bemächtigt Hütte, die blieb mir immer fern, so schmerzlich mir die Erkenntnis war, daß ich nun wohl lebenslang allein bleiben würde.

Sie schwieg und sah an mir vorbei, zu den Wipfeln der Wälder hinauf, an denen wir vorüberflogen. Ich hatte sie sprechen lassen und nur von Zeit zu Zeit eine fragende Be­merkung dazwischen geworfen. Jetzt, da sie ans Ende ihrer Bekenntnisse gekommen zu sein schien und noch der Ausdruck einer müden Resignation auf ihrem Gesicht zurückgeblieben war, fühlte ich die Verpflichtung, meinen Anteil etwas aus­führlicher auszusprechen.

Sie sind noch so jung, verehrtes Fräulein, sagte ich. Sie müssen der Zeit nur Zeit lassen, und es braucht kein Wunder zu geschehen, damit das Leben auch Ihnen noch einmal das Beste be­schert, was es zu bieten hat: eben jenes Zusammenklingen von Verstand und Gemüt, von Seele und Sinnen, jene, wie Sie selbst sie genannt, elementare Macht, die uns mit einem anderen Menschen unwiderstehlich verbindet? Ob das dann zun: Heil oder Unheil ausschlägt, ist gleichgültig. Man hat doch einmal erfahren, was den Menschen über alle anderen Geschöpfe erbebt, und ich kann nicht glauben, daß dies Höchste Ihnen versagt blei­ben sollte, da nur ein bißchen Genialität des Herzens, jener Leichtsinn, der allem Genialen eigen zu sein pflegt, dazu gehört, der alten Schwiegermutter Weisheit aus der Schule zu laufen.

Das war eine etwas gekünstelte Phrase, aber in der Verlegenheit fand ich nichts Besseres. Sie aber schien das Geschmacklose daran nicht zu empfinden.

Sie hatte, wahrend ich sprach, die Augen zugedrückt. Ein schmerzlicher Zug war an ihrem Munde erschienen. Als sie wieder aufsah, schimmerte es feucht unter ihren Lidern.

Und wenn das alles, wie Sie's da schildern, schon eingetroffen wäre?

Ich hörte diese Worte in einiger Bestürzung, da ich begriff, daß ich an eine Wunde gerührt hatte. Doch schwieg ich, um es ihr zu überlassen, ob sie mir eine weitere Aufklärung geben oder darüber hinweggehen wolle.

Ja, Verehrtester, fuhr sie nach einer Pause mit leisen: Seufzer fort, es ist so gekommen, aber das vermeintlich geniale Herz hat sich zum Schluß sehr ungeschickt benommen und hätte dem Verstände diesmal nicht dreinreden sollen, als er die Sache nach seinem Sinn zu ordnen gedachte. Wenn ich Ihnen wirklich nicht schon viel zu viel von mir und meinem alltäglichen Schicksal vorgeschwatzt habe, mögen Sie nun auch das noch hören. (Schluß folgt.)

Der Blitz und die Schwalbe.

Don Detlev v. Liliencron.

i

Mürrisch zeigt ein grau Gewitter Seine finstre Stirn im Süden.

An der Himmelsmaske lauert Lüstern längst zum Sprung der Blitz.

A)ie die Schlacht, die meilenferne, Dumpf ununterbrochen donnert,

Sich dann drohend langsam nähert, Rollt das schwere Wetter an.

Eine kleine liebe Schwalbe,

Die sich schon ins Nest geflüchtet, Steckt noch einmal sehr sürwitzig Aus dem Schlupf das Köpfchen vor.

Kleine Schwalbe, laß dich warnen,

Dagel stößt dir das Gefieder,

Bleibe unter deinem Giebel,

Übermut tut selten gut.

Doch mit lautem Zwitschern schießt sie In die Höhe, immer höher,

Kreist und steigt und schwenkt und hebt sich, Tummelt sich nach Herzenslust.

Und sie schlägt den flinken Flügel Spottend an die schwarze Wolke.

wollen in die wette fliegen,

Komm heraus, du Blendeblitz!"

Komm heraus, du Häuserzünder, Nur hervor, du Wolkenfärber, Immerzu, du rasche Kerze,

Gilt die Wette, schlag ich dich.

Lassen wir uns niederfallen,

Eins, zwei, drei, wie Steine sinken, Und mit Jubel hat gewonnen, wer zuerst die Erde küßt.

Nun, ich merke, Regenxförtner, Menschenschrecker, Eichensxeller, Höllengruß und Sonnenvetter,

Ei, du wagst es nicht mit mir!"

Und ich wag es: In die Lüfte Schwing ich mich, was kann das geben, Schneller flieg ich als der Sturmwind, Schneller als der schnellste Blitz!"

Kleine Schwalbe, laß dich warnen, Laß zum letztenmal dich warnen, Siehst du nicht das blaue Feuer, Hämisch äugt es hinterm Spalt.

plötzlich, ach, die Strahlengarbe Schlug auf ihrem Sprung nach unten Platz da, Bahn frei, weg Gesindel! Meine kleine Schwalbe tot.

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