Heft 
(1906) 06
Seite
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Das Urbild Biedermeiers.

Von I)r. Max Iaeobi.

/^ie ist uns heute vertrauter denn je, die liebe alte Bieder- meierzeit! Jene behaglich wehrnutsreiche Stimmung, die die müdgearbeitete Romantik verbreitete, als ihre letzten Größen hinter den warmen Ofen flüchteten und einige Nachtwächter­lieder auf die Gute alte Zeit und das tugendsame Spießbürger­tum harften. Als alles, was einen frischen Luftzug scheute, sich um das Panier des heiligen Bürokratius scharte und sorgfältig die Muffigkeit des eigenen Inneren hinter der faltenreichen Toga des allweisen Staatshämorrhoidarius barg. Es ist uns heute nahe, das Paradies der Biedermeier. Nicht in Wirklich­keit, Zum Glück. Aber diese oft zu arg verspottete Larvenzeit nationalkultureller Entwicklung hat unsere künstlerische Sym­pathie gewonnen. Das mag teilweise flüchtige kokette Mode­sache sein. Sicher aber birgt die Zeit der Biedermeier die Wurzeln unseres einzigartigen kulturpolitischen Aufschwungs. Man sollte darum den Biedermeier nicht immer karikieren. Und am allerwenigsten den leider viel zu rasch vergessenen Dichter", der bei der Schöpfung und Verbreitung dieses Namens Gevatter stand, das ehrsame schwäbische Dorfschul­meisterlein Samuel Friedrich Sauter.

Sauter, du lieblicher Sänger und Lehrer der frommen Gemeinde, Sei mir vor allen gegrüßt, o du gemütlicher Mann!"

So feiert ein Amtskollege den poeta laureatuZ, der von seiner Residenz" Flehingen in Baden aus den Musen ein köstliches Opfer darbrachte.

Im Jahre 1845 erschien diese poetische Gabe des bereits 79jährigen Schulmeisters von Flehingen, ein Sammelband vonGelegenheit- und Ehrgedichten", denen man anmerkt, daß der Dichter im Schweiße seines Angesichts sich gemüht hat, den wildgewordenen Pegasus zu bändigen, wie seine ge­horsame Schuljugend. Denn, nochmals, Samuel Friedrich Sauter war wohlbestallter Präzeptor seines Heimatdörfleins.

Wunderbar sind Gottes Wege!

Flehingen, das mich gebar,

Wo ich schier elftausend Tage Evangelischer Lehrer war!"

So harft er selbst, unser Schulpoet. Und gar stolz war er auf seine Amtswürde. Keiner von den Nörglern und Besser­wissern! Er blieb sich stets seines beschränkten Untertanen­verstandes bewußt. Und war auch keiner von denBiel­zuvielen", die ihren Beruf verfehlt haben. Begeistert singt er imBauspruch" seines neuen Schulhauses:

Hoch leb^ die Regierung, die Herren Minister,

Kreisräte, Beamte und Ärzte und Priester,

Kurz, jeder den Pflichten obliegende Stand,

Heil allen den Edlen im badischen Land!"

Er hatte kein rechtes Glück mit seinen Poesien, unser arg verkannter Pegasusritter! Dazu waren die Zeiten zu stürmisch. Und ein Jahr nach Erscheinen des Sammelbandes segnete Sauter sein beschauliches Dasein. Seine Stunde hatte eben noch nicht geschlagen. Aber fast ein Jahrzehnt später schlug sie, und der ehrsame Dorfschulmeister eroberte sich im Sturmes - flug die Herzen despoesieverständigen deutschen Volkes". Dazu hat es zweier Bahnbrecher bedurft.

Im Jahre 1865 veröffentlichten die unter der rührigen Leitung von Braun und Schneider rasch emporgeblühten Fliegenden Blätter" dasBuch Biedermeier", eine köstliche Blütenlese unfreiwillig humorvoller Poesien, die in der Leser­welt einen Heiterkeits- aber auch oft einen Entrüstungssturm erregten. Sie blieben durch zwei Jahrgänge ^ die Haupt­magneten des Lesestoffs derFliegenden Blätter". Das Publikum riß sich nach den einzelnen Biedermeiernummern,, nahm alles vergnügter Miene für bare Münze, selbst als sich der Verleger derFliegenden Blätter" einmal den Scherz ge­stattete, einen Spruch Goethes aus der AbteilungParabolisch"

(Eins wie's andere") dem wackeren Poeten Biedermeier in die Schuhe zu schieben.

Hätten nun die Leser derFliegenden Blätter" die sämtlichen Gedichte des alten Dorfschulmeisters Samuel Friedrich Sauter" gekannt, die 1845 in Karlsruhe erschienen waren, so hätten sie zu ihrem Erstaunen wahrnehmen müssen, daß ihr Lieblingsdichter Biedermeier an­scheinend die poetische Vlumenlese des wackeren Schulmeisters wacker ausgeschlachtet hatte. Denn was Biedermeier Harste, fand sich zum großen Teil wörtlich in diesem unbeachtet ge­bliebenenHausbuch deutscher Lyrik". Und das hatte seinen triftigen Grund! Denn Samuel Friedrich Sauter hat wirklich zwei jungen Poeten, denen der Schalk im Nacken saß, zu den poetischen Ergüssen Biedermeiers unfreiwillig Gevatter gestanden.

Im Mai des Jahres 1853 kam der junge Landarzt von Kandern, Dr. Adolf Kußmaul der später so berühmte Kliniker, dessenJugenderinnerungen eines alten Arztes" ein Kleinod der deutschen Memoirenliteratur bleiben werden durch den Redakteur Heinrich Goll zu Karlsruhe in den Besitz eines Exemplars der Sauterschen Poesien. Er lernte sie kennen und gebührend schätzen. Flugs übersandte er die denkwürdige Gabe seinem Freund und Leibfuchs von der HeidelbergerAlemannia", dem badischen Rechtspraktikanten Ludwig Eichrodt, dazumal in Durlach, der, gleich wie sein Landsmann Scheffel, auch lieber als sangeslustiger Abenteurer auf krummen selbstgesuchten Pfaden zum Parnaß stieg, ehe er hinter staubigen Aktenbündeln hockte. Eichrodt war gleich­falls von der humorvollen Poesiekraft des alten Schulmeisters entzückt und stimmte mit Freund Kußmaul überein, diesen Dichter der Rumpelkammer der Vergessenheit zu entreißen. So ent­stand dann als Frucht gemeinsamer Beschäftigung mit dem Werke Meister Sauters dasBuch Biedermeier", das in den Jahrgängen 185667 derFliegenden Blätter" kräftigen und weittönenden Beifall fand, aber auch das Pseudonym seines Autors unsterblich machte. Freilich sind nicht alle von Eichrodt und Kußmaul alsViedermeierpoesie" herausgegebenen Gedichte wirklich Erzeugnisse unseres Magisters. Das betont noch mit Recht Eugen Kilian im Vorwort zuSamuel Friedrich Sauters ausgewählten Gedichten" (Neujahrsblätter der Badischen Historischen Kommission" 1902), aber doch sind sie förmlich bezeichnend für den tugendsamen Autor des 1846 erschienenen poetischenQuellenwerks" und für weite Kreise seiner spießbürgerlichen Zeitgenossen. Die Umdichtung der Sauterschen Poesien durch Eichrodt die Ausgabe in Ludwig EichrodtsGesammelten Dichtungen" wird durch ein humorgetränktes Charakteristikum des zünftigen Biedermeiers aus der Feder Kußmauls eingeleitet läßt erst die poetische, politische und sonstige Naivität des Historikers und Präzeptors von Flehingen im hellsten Lichte erstrahlen. Was gibt's da nicht für poetische Früchte zu kosten! Die unfreiwillige Komik Sauters hat einigen seiner Gedichte auch ohne die Unterstützung des lobesamen Biedermeiers Unvergeßlichkeit gesichert. So die schöne Trauerode auf dasArme Dorfschulmeisterlein" mit der in Nord und Süd beliebten Eingangsstrophe:

Willst wissen, du, mein lieber Christ,

Wer das geplagtste Männchen ist?

Die Antwort lautet allgemein:

' Ein armes Dorfschulmeisterlein!"

Oder gar das herrlicheKartoffellied", das den Namen Franz Drakes auch in jene Kreise hat dringen lassen, die bei Hering und Kartoffel sich sonst keinen literar- und kultur­historischen Gedanken hinzugeben pflegen. Wie markig schallt's da:

Herbei, herbei zu meinem Sang!

Hans, Jörgel, Michel, Stoffel!

Und singt mit mir das Ehrenlied,

Dem Stifter der Kartoffel!"