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oerschmolzen ward. Man weiß, wie folgenschwer dieser Negierungsalt für Christian IX. und sein Land gewesen ist. Es kam zum Krieg mit Österreich und mit Preußen, und im Wiener Frieden vom 30. Oktober 1864 fielen Schleswig, Holstein und Lauenburg an die beiden deutschen Großmächte. Erst Jahrzehnte später hat sich Christian IX. mit den Tatsachen ausgesöhnt, und seit dem Tode seiner Gemahlin sind die Beziehungen zwischen dem dänischen und dem deutschen Kaiserhofe immer wärmer geworden zur Genugtuung der nachbarlichen Völker.
Daß Christian IX. als Herrscher eines verhältnismäßig kleinen Staates einen sehr weitgehenden Einfluß und eine gewichtige Stimme hatte, dankt seiner Nachkommenschaft. Er war Jahr-
Pros. vr. Theobald Ziegler-
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zehnte lang der „Schwiegervater" und später „Großvater Europas". Sein Sohn Georg ist seit 42 Jahren König von Griechenland, sein Enkel weiblicher Linie seit 1894 russischer Zar, sein Schwiegersohn seit 1901 König von Großbritannien und Kaiser von Indien und sein zweiter Enkel neuerdings König Haalon VII. von Norwegen.
Nun besteigt sein Sohn als Friedrich VIH. den dänischen Thron. Auch er ist kein Jüngling mehr, sondern ein Mann in der Vollkraft des Lebens.
Am 3. Juni 1843 geboren und auss sorgfältigste erzogen, gilt Friedrich VIII. als Kenner und Liebhaber der schönen Künste, als Reiter und Pferdebändiger ersten Ranges — vor allem aber ist er ein Mensch, der um seines Wesens willen die größten Sympathien genießt. Wir Deutschen dürfen uns seiner Thronbesteigung besonders erfreuen, hat er sich doch allzeit als ein Freund des neuen Deutschlands erwiesen. Schon als der erste deutsche Kronprinz 1873 die skandinavische Halbinsel bereiste,
fuhr ihm der dänische Thronfolger bis Malmö entgegen und lud ihn an den Kopenhagener Hof. Im Jahre 1900 erschien er dann selbst, um der Großjährigkeit des deutschen Kronprinzen Wilhelm als Vertreter seines Hauses beizuwohnen, und brachte 1902 in Cassel, wo er das ihm verliehene 2. kurhessische Husarenregiment Nr. 14 besuchte, einen begeisterten und begeistert aufgenommenen Trinkspruch auf das deutschpreußische Heer aus.
Am 28. Juli 1869 erfolgte seine Vermählung mit der Prinzessin Louisa von Schweden und von Norwegen, ein Bund, dem zahlreiche
Kinder entsprossen sind. König Friedrichs VIII. ältester Sohn, der am 26. September 1870 geborene jetzige Kronprinz Christian, ist durch seine Vermählung mit Alexandrine, Herzogin zu Mecklenburg, einer Schwester der Kronprinzessin Cecilie, unserm Kronprinzen verschwägert worden.
Ilosa von Wilde. (Zu dem obenstehenden Bildnis.) Für unsere jungen Leser und Leserinnen bedeutet der Name Rosa v. Milde nichts mehr, aber unseren alten Abonnenten ist er kein leerer Klang, ihnen rust er die Erinnernng an eine der meistgefeierten Bühnensängerinnen der fünfziger und sechziger Jahre wach, an eine Erscheinung von vollendeter lünstlerischer Harmonie, und sie werden die aus Weimar kommende Kunde ihres Todes mit stiller Wehmut vernehmen. Die Einundachtzigjährige, die ihr Leben am 26. Januar dort beschlossen hat, wo sie ihre größten Triumphe feierte, ihre schönsten Stunden verlebte, in Weimar, der klassischen Theaterstadt, ist einst — am 28. August 1850 — Wagners erste „Elsa" gewesen, und sie hat diese rührende Gestalt mit allem Zauber ihrer Persönlichkeit, ihrer Der Düppelstein im Schnee.
L. Held, Weimar, Phot
Rosa von Milde s-.
wundervollen Stimmmittel ausgestattet. In ihrem Gatten, dem berühmten, von Manuel Garcia ausgebildeten Baritonisten Hans Feodor von Milde, der ihr 1899 im Tode vorausging, hatte Rosa v. Milde den verständnisvollsten Berater.
Hheoöald Ziegler. (Zu dem nebenstehenden Bildnis.) Am 9. Februar d. I. feiert einer unserer ersten Philologen, Professor I)r. Theobald Ziegler, unser geschätzter Mitarbeiter, seinen 60. Geburtstag. Er stammt aus dem schönen Schwabenlande, das unserem Volke so viele hervorragende Männer geschenkt hat, und wurde 1846 zu Göppingen geboren. Nachdem er die Lateinschule von Herrenberg, das Stuttgarter Gymnasium und das theologische Seminar zu Schönthal absolviert hatte, trat Ziegler in das alte Tübinger Stift ein, nur Philosophie und Theologie zu studieren. Ohne Schwierigkeit bestand er sowohl das erste theologische, wie das philologische Professoralsexamen und erhielt schon als Zweiundzwanzigjähriger die Stellung eines Gymnasialvikars im alten Heilbronn, das er nach dreijähriger Tätigkeit verließ, um von 1869 bis 71 als Repetent in'Schönthal zu wirken. 1871 bekleidete er die gleiche Stellung in Tübingen, siedelte aber schon im selben Jahre nach Winterthur in der Schweiz über, als Lehrer am dortigen Gymnasium. Fünf Jahre lang blieb er auf diesem Posten, dann kam er, 1876, als Professor ans Gymnasium zu Baden-Baden, war von 1882 bis 86 Konrektor am protestantischen Gymnasium zu Straßburg und habilitierte sich 1884 daselbst. Das Jahr 1886 brachte ihm die Ernennung zum „ordentlichen" Professor, und von 1899 bis 1900 war er Rektor der Straßburger Universität. Theobald Zieglers Bedeutung liegt aber
nicht nur in seiner Lehrtätigkeit — so große Erfolge er auch als Pädagog gehabt haben mag. Er ist ein streitbarer Mann, und die Feder war in seiner schriftstellerisch gewandten Hand allzeit eine scharfe Waffe. Neben seinen hervorragenden Fachschriften — wir nennen von seinen Büchern nur einige der bedeutendsten: „Lehrbuch der Logik" 1876, „Studien und Studienköpfe aus der neueren und neuesten Literaturgeschichte" 1877, „Sittliches Sein und sittliches Werden" 1890, „Die soziale Frage, eine sittliche Frage" 1891, „Die Fragen der Schulreform" 1891, „Das
Grothues, der „Lew von Düppel" -j-.
Gefühl" 1893, „Der deutsche Student am Ende des 19. Jahrhunderts"
— von diesem 1896 erschienenen Buch liegt schon die sechste Auslage vor
— hat Theobald Ziegler mit einer Reihe glänzender Flugschriften in das geistige Leben unserer Tage eingegriffen. Getragen von einem sicheren
Wissen, unterstützt durch eine immer schlagfertige Dialektik, hat Professor Ziegler zu allen sozialen und religiösen Tagessragen in liberal positivistischem Sinne Stellung genommen, und sein Wort wird mit Achtung auch im Lager der Gegner gehört. Nun steht er auf der Höhe des Lebens und Schaffens, ein gereister und in sich selbst gefestigter Mann. Möge der 60. Geburtstag, der ihm eine Ernte von Ehren und Auszeichnungen bringen wird, ihm beweisen, daß es für ihn noch immer nicht zu ruhen, sondern zu kämpfen gilt, daß unsere Schule gerade jetzt, wo sie in ihren Grundfesten bedroht ist, des Rates der Erfahrenen und Einsichtigen bedarf!
Erinnerungen an Düppel. (Zu den beiden Bildern auf dieser Seite.) König Christian IX. ist in seinem Kopenhagener Schlosse sanft verschieden, und die Betrachtungen,