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Paradiesvogel.
(11. Fortsetzung.) Roman von Paul Oskar Äöcker.
(^heos Chef, Hans DitLrich, war ein sehr possierliches Herr- chen. Er war klein und fett, und trotzdem er erst etwa dreißig Jahre zählte, besaß er kaum ein Haar mehr auf dem Kopf. Er ging stets nach der neuesten Mode gekleidet, war immer „wie aus der Pelle geschält" und hielt überhaupt sehr viel auf Äußerlichkeiten.
Vielleicht hatte ihm lediglich aus diesem Grunde die Empfehlung Zugesagt, die der Teilhaber der Firma, Rittmeister a. D. von Gneitsch, seinem ehemaligen Zögling und Kameraden mit auf den Weg gegeben hatte. Dittrich war als Mensch und Staatsbürger sehr liberal und fortschrittlich gesinnt, der Adel imponierte ihm durchaus nicht, wie er oft versicherte; aber als Geschäftsmann erblickte er doch einen gewissen Vorteil in dem Umstand, daß man einen Herrn mit so feudalem Namen, mit dem Baronstitel und sonstigen nach außen hin glänzenden Eigenschaften als Agenten in die Firma bekam.
Es war für Theo von Gamp, der Sinn für Humor hatte, stets eine ' Quelle des Vergnügens, seinen drolligen kleinen Chef zu beobachten. Dittrich bemühte sich sichtlich, eine Wolke von Noblesse um sich zu verbreiten. Sein größter Kummer war's wohl, daß er keine Gardeerscheinung besaß, so wie z. B. sein Kompagnon oder wie die neueste Errungenschaft des Hauses: sein schlanker, sehniger, schneidiger Vertreter. Dittrich erschien im Bureau nicht anders als in einem modernen Taillenrock, der langschößig war und offen getragen wurde, sogar ohne Knöpfe. Dazu trieb er einen großen Aufwand in Phantasiewesten und überraschend farbenprächtigen Schlipsen. Sein gemütlicher Dialekt beeinträchtigte den von ihm angestrebten modernsezessionistischen Eindruck ebenso wie seine rundlich behäbige Erscheinung mit dem glatten Kegelkugelkopf und der drolligen Miniaturnase, die ein wenig aufgestülpt und leicht gerötet war. Wenn er mit dem jungen Baron oder mit seinem Teilhaber Gneitsch sprach, so war er immer bemüht, sich möglichst korrekt hochdeutsch auszudrücken. Im Geschäftseifer fiel er dann aber meistens wieder in seine gewohnte Mundart zurück.
Theo hatte Welt- und Menschenkenntnis, er war praktisch, er hatte in englischen Diensten vor allem das eine gelernt, was seinem Chef abging: die Ruhe bei geschäftlichen Verhandlungen. Hier, wo eine reiche Firma hinter ihm stand, fühlte er auch Sicherheit genug, um seine leichten, flotten Talente spielen zu lassen.
Ursprünglich war seine Stellung nicht anders als die eines Reisenden gedacht gewesen. Dittrich fand aber bald, daß er eine sprachgewandte Kraft wie die des Barons noch viel vorteilhafter in seinem Frankfurter Kontor verwenden konnte.
„Wisse Se, 's ischt mir net von weger dem, daß ich net mit denne Leut schwätze kenne dhät, wie sich's gehört. Ich Hab' moin' Cicero und moin' Lafontaine auf der Schul' g'habt wie oins — bloß, mer verschwitzt halt all des Zeigs. Aber wisse Se, es alteriert mich e so, mich mit dere G'sell- schaft abzuplage, ich Hab' e viel Zu foine Konschtituziohn fürs G'schäft."
Anfang Juni war der Rittmeister von Gneitsch mit seinem Hausstand nach Frankfurt übergesiedelt. Er fand den jungen Gamp schon ganz mollig im Geschäft eingearbeitet vor.
Bald überzeugte er sich, daß der Griff, den er getan hatte, wirklich sehr glücklich gewesen war.
Dittrich hatte große technische Fähigkeiten, auch kaufmännisch war er gut unterrichtet; aber der Umstand, daß zu Lebzeiten seines Vaters, der die Fabrik aus winzigen Anfängen innerhalb eines Jahrzehnts zu so stattlicher Bedeutung emporgebracht hatte, niemand neben ihm auch nur ein Wort hatte sagen dürfen, war für die praktische Entwicklung des jetzigen Chefs nicht günstig gewesen.
Als Theo seinem Protektor in drolliger Offenheit schilderte, in welcher Weise Dittrich ihm den Vorschlag gemacht hatte, die Vertretung bei den Kaufs- und Verkaufsabschlüssen, bei den Verhandlungen mit den Kunden und den Lieferanten zu übernehmen, lachte Gneitsch herzlich mit. „Das ist mein
ganzer Hans Dittrich. ,Es alteriert mich e so!' Er hat
nämlich 'ne Hundeangst, der Bengel, so oft er mit 'nem Fremden reden soll."
Die Arbeit innerhalb der Firma verteilte sich so in den nächsten Monaten auch ganz vortrefflich, und zwar sinngemäß nach den verfügbaren Talenten. Die Oberaufsicht in der Fabrik versah Dittrich. Der war dort ganz an seinem Platze. Das Nächste war frühmorgens bei seinem Eintreffen auf dem Fabrikgrundstück stets, daß er sich sofort seines unbequemen Biedermeierrocks entledigte und, so kurz und dick er war, mit geradezu erstaunlicher Gewandtheit bis in die letzten Winkel der Werkstätten und Lager und des Maschinenraums kroch. Herr von Gneitsch teilte sich mit dem Buchhalter in die Rechnungsführung und beaufsichtigte die Korrespondenz. Theo
1906. Nr. 12.
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