Heft 
(1906) 12
Seite
238
Einzelbild herunterladen

238

von Gamp aber war baldHans Dampf in allen Gassen". Er besaß eine nette, offene, natürliche Art; die Weltreisen unter wie erbärmlichen Verhältnissen er sie auch ausgeführt hatte waren seiner allgemeinen Bildung zugute gekommen, und was Dittrich an ihnr so ehrlich bewunderte, verfehlte den Eindruck auch auf keinen anderen, der mit dem Vertreter des Hauses persönlich verhandelte: Theo von Gamp verriet in Ton und Haltung stets und ständig den geborenen Aristokraten, ohne auch nur im geringsten anspruchsvoll zu wirken. Diegute Kinderstube", die er genossen hatte, die stramme Kadetten­erziehung, die forsche Rennreiterzeit das Beste von alledem war ihm bis auf heute geblieben, auch die Elendstage draußen hatten es nicht verwischen können. Und so kam's, daß alle Welt gern mit ihm zu tun hatte.

Zu einem gesellschaftlichen Verkehr zwischen dem Rittmeister und seinem Schützling war es noch nicht gekommen. Frau von Gneitsch, die Tochter des Bankiers Simon, der der erste Geld­geber des alten Dittrich gewesen war, mußte ihrer Kränklich­keit wegen sehr zurückgezogen leben. Sie hatte durch ein schweres Leiden äußerlich stark verloren; ehemals, das bewiesen noch ein paar Bilder, die Gamp im Privatkontor des Ritt­meisters sah, mußte sie eine blendende Schönheit gewesen sein. Hans Dittrich meinte es auch.Vielleicht norr e bißche zu altteschtamentarisch," sagte er einmal zu Gamp.Jetz für moin' G'schmack wär si ja nix g'wese. Ich mag bloß die blonde Mädcher loide, die aber arg."

Gegen den jungen Baron hatte Frau von Gneitsch an­fänglich eine gewisse Abneigung zu überwinden gehabt. Auf irgend einem Basar in Berlin war sie gelegentlich flüchtig mit seiner geschiedenen Frau bekannt geworden. Im Anschluß daran hatte sie eine Freundin nach den Scheidungsgründen gefragt, und da war ihr die Lethelgeschichte mit vielerlei für Gamp recht belastenden Einzelheiten aufgetischt worden.

Sie war daher gar nicht damit einverstanden gewesen, daß ihr Mann seinem Teilhaber den ehemaligen Kameraden empfohlen hatte. Sie war es auch, die ihn im Verlauf des Sommers immer wieder davor warnte, Gamp zu einer Ver­trauensstellung zuzulassen.

Eine gewisse Unschlauheit bemächtigte sich des bis dahin seiner Sache durchaus sicheren Rittmeisters erst, als die paar Zeitungsmeldungen die peinliche Pedigreegeschichte wieder auf­zurollen begannen.

Seine Frau hatte gelegentlich auch mit Dittrich über ihre Besorgnisse gesprochen.Mit meinem Mann ist schon ein paarmal das gute Herz durchgegangen," sagte sie.Immer hat er Kameraden oder alten guten Freunden, denen es schlecht ging, helfen wollen. Er hat nicht viel Freude daran erlebt. Ich wundere mich, daß er sich noch einmal hat beschwatzen lassen."

Gneitsch wurde ärgerlich, als er davon hörte, daß hinter seinem Rückenkonspiriert" worden war.

Vertrauensstellung hat er ja nicht. Wenigstens nicht so, daß für uns irgend eine Gefahr vorhanden wäre. Er Lut seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit und tut noch ein übriges, denn er läßt sich keine Mühe verdrießen, ist immer mobil, dabei bescheiden, liebenswürdig, und die Kunden ver­handeln mit ihm am liebsten. Was habt ihr also gegen ihn? Glaubt ihr, er wird sich heimlich Prozente geben lassen wie der Agent Krause?"

Nein, das wollten sie nicht gesagt haben. Dittrich schon gar nicht. Bester Beweis für Gamps Ehrlichkeit war ja der Umstand, daß er noch keinen einzigen Verkauf anders als zum vollen Originalpreis der Fabrik abgeschlossen hatte.

Ich gebe ja zu, ich bin mit meiner Menschenkenntnis ein paarmal eklig 'ringeschliddert. Aber Theo Gamp - mein Himmel, den kannt' ich doch schon, als er noch auf Kadetten­schule war. Ich bin drei Jahre lang sein Erzieher gewesen. Und dann später auf Reitschule in Hannover!"

Seine Frau fand nicht, daß dies irgendwelche Sicher­heit böte.

Na ja, ob man nicht morgen selbst einen Mord begehen wird, das kann man ja heute nicht wissen, wo die Umstände noch normal sind. Machen Sie nicht gleich so n entsetztes Ge­sicht, teuerster Dittrich! Aber so gut man überhaupt für einen Menschen bürgen kann, so gut bürge ich für ihn."

Moralisch!" schaltete seine Frau, die eine gute Rechnerin war, lächelnd ein.

Selbstverständlich nur moralisch," bestätigte er lachend, indem er Dittrich auf die Schulter klopfte.

Ha aber wenn Sie jetz doch sage, Herr Rittmoischter, Sie hawwen en von kloinauf beobacht't ..."

Ich mußt' ihm damals den Tod seiner Mutter mitteilen. Er war auf Ouarta, wenn ich mich recht entsinne. Die jungen Herren von elf, zwölf Jahren lassen's einander auf Kadetten­schule ja nicht gern merken, wenn sie noch viel für ,die zu Hause^ übrig haben. Das gilt unter den kleinen Junkern für unmännlich. Der Gamp war nach außen hin ebenso. Aber ein Herz dabei wie Wachs. Ich sag' euch, wie ich den Bengel auf meinem Zimmer hatte und so Aug' in Aug' mit ihm sprach: daß Nachricht von seinen Leuten da wäre und er seiner Mutter wegen heimmüßte . . . Nein, nein, nein, Kinder, den Ausdruck von dem armen Burschen vergeh' ich in meinen: Leben nicht ... Er sah mich nur an, sagte kein Wort, aber wie das arme, gequälte Herz in dem strammen, braunen Burschen aufschrie, und wie doch der ganze junge Soldat auf­recht vor mir stehen blieb und mich anguckte mit den großen, klaren, Hellen, wissenden Augen, aus denen es heiß nieder- tropfte . . . Nein, nein, laßt mal, der Gamp ist nie schlecht gewesen. Jedenfalls ist er besser als sein Ruf."

Ein andermal erzählte der Rittmeister einen netten Zug von Gamp als jungem Reiterleutnant, aus der Hannoveraner Zeit, und wieder ein andermal entsann er sich verschiedener Reden in Kameradenkreisen, nach seinen: Zusammenbruch. Es war auch nicht einer unter ihnen, der daran gezweifelt hätte, daß nicht er, sondern Sixt von Soter der eigentliche Urheber des Betrugs gewesen war.

Gamp war in solchen Dingen ein großes Kind. Da zerrte wohl sein Schwiegervater von der einen Seite Schulden waren da verliebt war er in das Weib ganz wahnsinnig na, er taperte eben in sein Unglück hinein, ohne auch nur eine rechte Vorstellung von der Sache zu haben. Das ist meine felsenfeste Überzeugung."

Hast du ihn denn nicht einmal angehalten, dir die Sache von seinem Standpunkt aus zu schildern?" fragte seine Frau, etwas nachdenklicher werdend.

Warum? Alles wird er wohl doch nicht sagen. Das täte kein Mensch. Ich tät's auch nicht. Und schließlich: wenn er mir nun auch wirklich eine Generalbeichte ablegte, ganz frank und frei, was hülfe es ihm und nur und euch? Würdet ihr's ihm etwa glauben?"

Sie schwiegen.

Na, sag' doch 'mal, rein akademisch gefragt" wandte er sich direkt an seine Frau.Würdest du's ihm glauben?"

Nein!" erwiderte sie ruhig.

Hm. Und Sie, Dittrich?"

Der zuckte die Achsel.Ich woiß net," gestand er kleinlaut.

Na also!" Der Rittmeister lachte.Warum dann erst große Verhöre anstellen?"

Aber seitdem der Zeitungsartikel erschienen war, ließ es ihm selber keine Ruhe mehr. Sein Urteil über den jungen Gamp ward davon ja nicht im mindesten beeinflußt. Rein psychologisch interessierte es ihn, mit seinem ehemaligen Kadettenschüler ein­mal offen darüber zu sprechen.

Es traf sich gelegentlich, daß er abends für ein paar Stunden Strohwitwer war. Man hatte mit den Vorarbeiten für die Einrichtung einiger Filialen mit Luxemburg und Kopenhagen stand die Firma bereits in Unterhandlung viel zu tun. Vor 9 Uhr konnte Gneitsch das Bureau selten ver­lassen. Seine Frau war im Theater, um dieMeistersinger" zu hören. Erst nach halb Zwölf war die Oper zu Ende.