Heft 
(1906) 12
Seite
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Da begleitete er denn den jungen Gamp ein Stück Wegs. Schließlich ging er noch mit ihm auf seineBude".

Theo hatte ein bescheidenes Ouartier genommen, um Zunächst einmal seine Finanzen in Ordnung zu bringen. Er ge­nierte sich ein wenig vor dem Rittmeister, der durch seine stein­reiche Frau zu fast fürstlichem Luxus gelangt war. Gneitschs hatten im schönsten Teil von Frankfurt, am Rand der Anlagen vor dem Opernhaus, eine der pompösen Villen inne.

Der Rittmeister tat ihm den Gefallen, die beiden kleinen Hofzimmerurgemütlich" zu finden.

Nun ja," sagte Theo lächelnd,Notquartier ist immer noch besser als Biwak."

Der Vergleich aus dem Manöverleben traf bei ihm wirklich zu. Seit Jahren hatte er eigentlich immer nur biwakiert", während seiner Karawanenführerzeit in Cookschen Diensten in Syrien auch oft genug im wahren Sinn des Worts wochenlang ein aufreibendes Zeltleben geführt.

Heute ergab sich für Theo die erste Gelegenheit, sich für die Flasche Wein und die Zigarre zu revanchieren, die Gneitsch ihn: in Berlin angeboten hatte - die paar kleinen Aufmerksamkeiten, durch die sich der damals Schiffbrüchige wiederunter die Zivilisierten" ausgenommen gefühlt hatte.

Der Rittmeister hatte auf dem gebrechlichen Sofa Platz genommen und sprach von Tagesgeschäften. Theo war noch etwas unbehilflich in seiner Rolle als Gastgeber. Einen Dienst­boten besaß die Wirtin nicht, sie war deshalb selbst nach der nächsten Weinhandlung gelaufen. Theo bangte es insgeheim ein wenig vor dem Ergebnis ihres Einkaufs.

Sie machen ja so 'ne verzweifelte Miene, Gamp. Was ist Ihnen?" unterbrach Gneitsch das Thema.

Lachend gestand er nun:Es könnte nämlich sein, daß die Alte Vorsehung spielen will und gegen meine Wei­sung spart!"

Die Situation fand Gneitsch äußerst amüsant. Sie erinnerte ihn an irgend eine Burschenanekdote, die er zum besten gab. Als die beiden Flaschen Rheinwein endlich anlangten, prüften sie beide mit humoristischem Mißtrauen Marke und Korkenbrand.

Hl riM!" meinte dann der Rittmeister. Und sie stießen an und tranken.

Das Fenster stand auf. Um die Petroleumlampe, die nur einen kleinen Lichtkreis auf den mit roter Decke und weißem Hükeltuch bedeckten Sofatisch zeichnete, spielten die Mücken. Es war recht heiß im Zimmer.

Über das Dach des Vorderhauses drang der Lärm der Straßenbahnwagen. Nachdem sie von den Mücken ein paar­mal gestochen worden waren, schlug Gneitsch vor, die Lampe auszudrehen. Es war ihm auch zu heiß auf dem Sofa geworden, er setzte sich also in den kurz wippenden alten Schaukelstuhl am Fenster. Beide hatten sich Zigarren an­gezündet. Da nun bald auch das Licht in den gegenüber­liegenden Küchenfenstern jenseit des Hofes erlosch, ward es so finster im Zimmer, daß die brennenden Zigarren beim Raucheinziehen fast die einzigen Lichtquellen blieben.

Es kam nach des Tages vielgeschäftiger Arbeit, unter dem Einfluß der Wärme und des Weins, eine gewisse faule Behaglichkeit über den Rittmeister. Sein Ton nahm mehr und mehr etwas Vertrauliches an, was Gamp dann ansteckte.

Vom Preis der Pneumatiks kamen sie auf das Gordon- Bennett-Rennen zu sprechen, wovon die Firma Dittrich sich Heuer viel versprach, vom Automobilrennen auf die beiden glänzenden Chauffeure der Firma. Theo, der schon mehrfach mit großem Geschick ein Fahrzeug der Firma auf Probefahrten gesteuert hatte, stellte einen Vergleich mit den Rennen an, die er früher geritten hatte und so landeten sie in Hannover, beim Regiment, bei der Kadettenzeit und plötzlich fiel der Name Lethel.

Theo warf die Zigarre in den Aschbecher, stützte die Ell­bogen auf die Knie und ließ für ein paar Augenblicke die Stirn in die Hände sinken.

Er ahnte, nein, er wußte in derselben Sekunde: Gneitsch war nur deshalb zu ihm mit heraufgekommen, um mit ihm über die Lethel und alles, was damit zusammenhing, zu sprechen.

Nein, nein," wehrte er, sich hastig wieder aufrichtend,ich bitte Sie herzlich, das Thema wollen wir lieber lassen."

Warum denn, Gamp? Wär's denn heute nicht eine ganz geeignete Gelegenheit?"

Die Fakten sind Ihnen ja bekannt. Jetzt ist's gott­lob verjährt. Schließlich muß es doch einmal vergessen werden."

Gerade in diesen .Tagen holt man die Sache wieder her­vor. Das wissen Sie doch. Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und erzählen Sie mir 'mal, wie sich das alles da­mals so gemacht hat."

Ich Hab' kein Recht dazu."

Weil Sie andere mitbelasten. Nicht wahr, das ist es doch?"

Vielleicht."

Aber die Folgen haben Sie ganz allein getragen, Gamp. Das war nicht ganz gerecht verteilt, will mir scheinen."

Was hätte mir's genützt, hätten andere noch neben mir gelitten?"

Sie sind immer ein nobler Mensch gewesen, Gamp, das weiß ich. Aber in dem einen Falle will mir scheinen zu nobel."

Nobel? Ach, das war's wohl nicht."

Wohl nicht allein," ergänzte der Rittmeister. Er ließ den Kopf zurücksinken und zog an seiner Zigarre. Dabei versuchte er die schmale Gestalt Gamps und den Ausdruck seiner Miene schärfer zu erkennen. Er sah aber nur das Weiß der Hellen, großen Augen, die durch den kahlen Fensterrahmen ins Freie starrten.Einmal hört' ich, Gamp, Sie wären damals im ersten Jahr sehr glücklich gewesen. Es sei mehr als die landläufige Partie gewesen. Eine wirk­lich große Liebe."

Ganz versunken kam's nach kurzem Schweigen aus dem Dunkel des kleinen Stübchens:

Ja, das war's. Eine wirklich große Liebe. Vielleicht sogar eine Leidenschaft."

Und damals als Sie fortgingen hielt Ihre Frau zu ihrem Vater?"

Ich könnt' ihr nichts bieten."

Soter konnte es?"

Damals hoffte sie's noch."

Wieder gab's eine Pause.Wissen Sie, Gamp," nahm der Rittmeister dann das Gespräch wieder auf,wenn man Sie so hört, könnte man meinen, Sie hätten's noch immer nicht überwunden."

Theo stand mitten im Zimmer. Die Arme hatte er er­hoben und die Hände im Nacken gefaltet.Es ist jetzt ja aus. Sie hat sich wieder verlobt."

Hm. Ja. Ich Hörte."

Ich gönne ihr das Glück. Wenn's wirklich ein so großes Glück wird. Aber weh tut's doch."

Was mich schon ein paarmal süchtig gemacht hat, das ist nur das eine: die Leutchen haben in der Zwischenzeit, wie's scheint, kein gutes Haar an Ihnen gelassen."

Ach Asta hat mir wohl kaum einen Stein nach­geworfen."

So? Meinen Sie?"

Sie wußte ja am besten, wie alles entstanden ist. Als Soter mir die erste Andeutung machte in Hamburg da wollt' ich ihm an die Gurgel. Aber dann belehrte er mich, wie wir standen! Soter hatte ja eine gräßliche Wirtschaft, Es waren große Wechsel fällig für unsere Ausstattung man pfändete schon und da hieß es nun: nur das eine kann uns retten. Verteufelt hohe Summen waren im Spiel. Mit­schuldig waren wir beide ja auch, gewiß, ich in erster Reihe. Wir hatten ohne Sinn und Verstand in den Tag hinein ge-

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