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lebt in unserem närrischen Glück . . . Damit begründete er den Plan. Und die Schlußfolgerung lautete für mich: bei der Truppe könnt' ich nicht mehr bleiben, wenn er keine Deckung schaffte/'
„Die Kaution — wo war die?"
„Sie stand auf dem Papier. Ja, lieber Gott, bei dem Ansehen, das er damals noch genoß: — wer zweifelte denn an ihm? Binnen einer Woche wär's nun zunr Wechselprotest gekommen. Ich wollte lieber gleich quittieren. Aber Asta war jung, schön, verwöhnt, lebenslustig . . . Und ich konnte sie nicht weinen sehen."
Der Rittmeister war aufgestanden. Er warf den Zigarrenrest weg und ging übers Zimmer. Plötzlich blieb er bei Gamp stehen und packte ihn bei beiden Schultern. „Alter Bruder Leichtsinn — Mensch, Mensch, Mensch! — Und gab's denn keine Seele auf der Welt, an die man sich wenden konnte, he? General Lestarp? Oder Exzellenz Bredow? . . Gamp, ich Hab' doch Ihre Konduiten gelesen. Prima war alles . . . Mindestens hätten Sie Königszuschuß kriegen können, darauf leg' ich meine Hand ins Feuer. Und Wichern, dessen Gäule Sie immer geritten haben. Ein kräftiger Pump wäre doch noch zu machen gewesen, wie? Sie hätte keiner fallen lassen, keiner. Freilich den Alten . . . Nee, Freundchen, das wäre bei Gott nicht nötig gewesen!"
Theo nickte. „Sagen Sie jetzt so. Und Asta hätte mit Königszuschuß nicht leben können. Es läßt sich hinterher nicht mehr so recht deuten, was man damals alles empfunden hat. Es war eben ein Zauber, der einen bestrickte, wahnsinnig machte . . . Und wenn's heute noch einmal die Entscheidung gälte . . ."
„Gamp, Schwerebrett noch einmal, das sollen Sie nicht ausdenken, geschweige denn sagen!"
„Sie wollten doch Offenheit."
Der Rittmeister dachte an ein Wort, das er erst kürzlich Zu seiner Frau und zu Dittrich gesprochen hatte: Wer kann von sich sagen, daß er morgen keinen Mord begehen wird? Die furchtbare Macht dieser Leidenschaft, die den unglücklichen jungen Menschen im Banne hielt, verstand er nicht, und die grausame Klarheit, mit der Gamp über sich selbst urteilte, erschreckte ihn.
Lange blieb es nun still zwischen ihnen. Gneitsch stellte sich ans offene Fenster und atmete die etwas kühlere Luft ein; sein ehemaliger Zögling hatte sich in die Sofaecke gesetzt, den Kopf aufstützend.
„Wenn mir all das widerfahren wäre, Gamp, was Ihnen passiert ist," sagte der Rittmeister endlich, „dann wäre in mir heute ein Haß, eine Wut . . . Jawohl, eine wahre Zerstörungswut!" rief er, sich steigernd. „Auf der einen Seite Opfer und wieder Opfer, auf der anderen nichts als ein lächelndes Empfangen, ein gieriges Nehmen. Sie haben Stellung, Titel, Namen, Stand, Ruhe, Behagen hingegeben. Die Jahre in Syrien und die in Bombay -— die nimmt Ihnen doch niemand mehr ab, was? Und jetzt kommen Sie zurück und hören, daß man Sie verlästert, daß man alle Schuld Ihnen zuschiebt, und da sehen Sie Ihre grenzenlose Gutmütigkeit noch immer nicht ein?"
Gequält suchte Theo auszuweichen. Aber der Rittmeister hatte sich immer stärker in einen ehrlichen Zorn hineingeredet und ließ nicht ab: „Miserabel hat sie an Ihnen gehandelt, Gamp."
„Nein, nein, miserabel nicht. Nur Schwäche war's — und die Furcht vor dem Elend."
„Ich weiß es aber doch; meine Frau hat mir ja selbst erzählt . . . Sie weiß die Sache von Leuten, die sie von niemand sonst als von Ihrer geschiedenen Frau wissen."
Theo stöhnte auf. „Herr im Himmel, was zerren Sie heute aber auch an mir!"
„Ich will Ihnen die Augen öffnen. Und will Sie aufhetzen. Sie sollen sich in den Zeitungen nicht so vermaledeite Redensarten gefallen lassen."
„Empfindlich dürft' ich nicht sein. In Syrien und in Bombay verlernt man das. Und jetzt — ach, es ist mir so gleichgültig geworden, wie die Handvoll Leute, die mich von früherher noch kennt, über die Sache denkt."
„So. — Ja, zum Henker, macht Sie denn die Vorstellung nicht rabiat?"
„Nein. Vielleicht bin ich nicht mehr so auf der Höhe wie früher als junger Soldat. Vielleicht bin ich. auch darüber hinausgewachsen. Ich weiß es nicht."
„Sonderbar. Wenn ich noch an den Druhsen denke, im Korps, der sich immer an Ihnen rieb. Wie Sie den 'mal beim Schwimmen vorkriegten und ihm den Kopf wuschen. Und schneidig waren Sie immer, immer. Gott, hundert Dinge fallen mir wieder ein. Ja, Menschenskind, warum sonst hatten wir alle an Ihnen den Narren gefressen? Sie haben Ihren Schild immer blank gehalten — weh' dem, der Sie nur scheel ansah. Und jetzt wollen Sie Ihren Hauptfeinden den billigen Sieg lassen? . . . Gamp, es taugt nicht in der Praxis, wenn man allzu christliche Tugenden übt. Die Sache vom Backenstreich in der Bibel — ,dem halte auch die andere Wange hinß oder wie's da heißt — die ist nichts für einen alten Soldaten, wie Sie's waren. Unterfangen die Kerls sich noch einmal, in dem verdammten Wurschtblatt Bemerkungen über Sie zu machen, dann Plempe heraus und kurz und klein dazwischengehauen. Das ist mein Rat."
Er hatte sich heißgesprochen und stürzte nun ein Glas Wein hastig hinunter.
„Wenn sich's nur um Soter drehte," sagte Theo, im tiefsten Innern aufgewühlt, „ja, mit dem hätt' ich auch kein Mitleid. Er hat an mir gehandelt wie ein . . . Äh, aber was nutzt es, sich heute noch so aufzuregen! Ich frage, was nutzt es?"
„Sie haben Ihre Schuld abgebüßt — die noch nicht. Das ist es. Und das muß Ihr Blut in Wallung bringen. Sonst — ei, Henker noch einmal!"
Es war spät geworden. Gneitsch wollte seine Frau aus der Oper abholen. Da man im Dunkeln die Uhr nicht erkannte, zündete Theo die Lampe wieder an. Sie vermochten beide nicht ins Licht Zu sehen. Als des Rittmeisters Blick das Antlitz des anderen streifte, erschrak er über dessen Blässe.
„Nichts für ungut," sagte er etwas leiser, ihm die Hand hinhaltend, „ich Hab' mich im Eifer bloß daran erinnert, daß wir damals gute Freunde waren. Da hielt ich's für meine Pflicht, Ihnen zu helfen. Zu helfen, Gamp!"
„Sie haben an mir ja schon mehr getan als irgend einer auf der weiten Welt. Sie haben mich an einen guten Posten gestellt — in einem Augenblick, wo mir sonst niemand geholfen hätte."
„Das war 'ne Lappalie gegen das, was ich heute an Ihnen tue, lieber Gamp. Haben wir uns verstanden?"
„Ich habe Sie verstanden. Gewiß. Ich fürchte nur: Sie verstehen mich nicht."
„Ich hoffe, dazu kommt's auch noch. Himmel, nun heißt's aber eilen. Heiß ist mir . . . Ihr Hochheimer hat's in sich. Auf Wiedersehen morgen bei der Arbeit. Dittrich' erfährt natürlich nichts von unserer Unterhaltung. Denn den ,alteriert des e soll — Na, und im übrigen, Kopf hoch und Brust heraus, alter Gamp! Und — all rl^ln!"
Damit ging er.
Theo stand noch lange am offenen Fenster.
Der Wortlaut seines letzten Briefes an Asta fiel ihm ein, des beruhigenden Abschiedsbriefes, den er ihr bei ihrer Verlobung nach Schwarzburg geschickt hatte: „. . . Werde glücklich, Asta. Schimpfen sie alle über mich und bringen's das Reitpferd, die Brillanten und der Kurfürstendamm so mit sich, daß Du mit einstimmen mußt, dann vergiß nur nicht in einem verstohlenen Winkel Deines Rätselherzens, Asta: ich Hab' sie alle für Dich gemacht, die Dummheiten, die mich schließlich bis nach Bombay hinausgepeitscht haben. Und gern und unbedenklich würd' ich sie heute noch einmal machen, falls