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auf das Knabenspielzeug, das einstmals dem kleinen Hans gehörte, der nun so lange schon da draußen unter der weißen Decke schlief.
Das erste Kerzchen war erloschen. Zischend und prasselnd hatte es ein paar Nadeln des Zweiges angesengt, an dem es befestigt gewesen, dann war das kleine Flämmchen bläulich aufgeflackert und entschwunden. Nur der dünne Docht kohlte noch, und ein graues Rauchfähnlein ringelte sich mit leisem Duft von Wachs und Tannennadeln auf. Weihnachtsgeruch ging durch das Zimmer.
„Wie schön das ist!" sagte Georg. Seine Stimme zitterte ein wenig, aber seine Augen waren wieder klar. „Du und Herr Gerold, ihr beide. . . und Sephi..."
Frau Marie Bang küßte den Buben auf die Stirn. Sie verstand ihn, wenn er auch nicht den letzten Satz zu Ende sprach. Sie wußte, es war seine Welt, der Inhalt seines jungen Lebens, der ihm in dieser stillen Weihestunde auf die Lippen getreten war. — —
Das Weihnachtsgeschenk, das Herr Gerold sich selbst geschenkt hatte, war ein Harmonium. Er hatte das Pianino, das er bisher besessen hatte, mit einer Aufzahlung im Tausche dafür hingegeben. Als Georg am ersten Weihnachtsfeiertage zu ihn: kam, hörte er schon in: Vorzimmer die orgelartig tiefen Töne des Instrumentes, die sich zu schwermütigen Melodien fanden und die die Räume weihevoll durchfluteten.
Und dieses ernste Instrument schien von da ab für des Herrn Gerold ungebrochenen Schmerz Ableitung und Beruhigung zu bieten. Er liebte es, und es schien Leben zu finden unter seinen Händen.
Oft, oft in der Dämmerstunde saß er nun davor und spielte. Wie wenn er Zwiesprache pflegte mit dem toten Söhnchen, war sein Spiel. Ein trauervolles, sehnend mildes Phantasieren, in dem der Schmerz zu heißer Sehnsucht wuchs, bis er sich still verklingend, tränenmüde löste.
Die Dämmerung brach herein, es dunkelte. Man konnte die Gestalt auf ihrem hohen Stuhle nicht mehr erkennen.
Aber die Töne strömten durch das nächtige Gemach, und was der Spieler nicht in Worte kleiden konnte, das gab er ihnen mit. das sagten sie und trugen es empor.
Auch die Kinderlieder alle, die Herr Gerold den Seinen auf den: Klavier gespielt hatte, spielte er nun auf dem Harmonium.
Mit wehmütiger Freude sah er auf die beiden, auf Georg Bang und auf die kleine Sephi, wenn sie dann Hand in Hand an seiner Seite standen und wenn die beiden jungen Stimmen sich zusammenfanden.
Weniger war Frau Gerold mit dem neuen Instrumente einverstanden.
„Es ist nicht gut für ihn," klagte sie wohl zu Georgs Mutter, wenn diese kam, den Buben abzuholen. „Er sollte sehen, sich von seiner Trauer Zu befreien — so aber ist's" ein .immer tiefer sich Berbohrerä in den Schmerz. Gewiß ist es ein furchtbarer Schlag, der uns getroffen hat — aber habe ich denn weniger darunter zu leiden als er? Weiß ich als Mutter nicht, was uns der Hans gewesen ist? Der arme Hans..."
Die schöne Frau drückte das feine Taschentuch ein paarmal an die Augen und schluckte.
„Mein Gott — aber darf man sich so gehen lassen? Stark ist mein Mann ja nie gewesen — aber, wie er jetzt aussieht, so schlecht hat er nie ausgesehen. Und wie das alles seinem Herzen schaden muß — der Arzt hat ihn von je vor Aufregungen gewarnt. Er sollte mehr ins Freie gehen, nicht immer wieder daran denken. Aber was ich auch rede, alles ist umsonst."
Frau Bang seufzte und schwieg . . Gewiß, die schöne Frau da vor ihr hatte recht: man sollte sich die Dinge nicht zu tief zu Herzen nehmen. Man sollte sich mit Kraft von
dem befreien, was einen Zu der Erde niederzog. Man sollte ... ja, wenn man es könnte!
Sie sah im Geist das müde Angesicht des armen Mannes. Wie bitter und verquält sah es nicht aus!
Doch da begann die schöne Frau vor ihr wieder zu
sprechen:
„Auch der Herr Crispi — ein guter Freund von ihm, der
manchmal zu uns kommt — Ihr Georg kennt ihn — auch
der sagt, daß es so nicht weiter gehen könnte. Und der meint doch gewiß auch nur sein Bestes!"
Die Tür aus dem Nebenzimmer wurde aufgemacht, und mit den Kindern kan: Herr Gerold herüber.
Er mochte die letzten Worte noch gehört haben, denn er sah fragend auf seine Frau. Und diese nahm den Blick mit leisem Erröten auf und wandte sich zu ihrem Manne.
„Ich sagte eben zu Frau Bang, daß du mehr für
deine Gesundheit tun solltest — daß auch dein Freund gesagt hat ..."
„Welcher Freund?" Ein seltsames Flimmern lag in den Augen Heinrich Gerolds.
„Nun ja — dein Freund — der Herr Crispi —"
Jetzt lächelte Herr Gerold, ein ganz leises bittertrübes Lächeln.
„Das also ist mein Freund?" sagte er dann.
Und über Georg, der an seiner Seite stand, zog es gleich einem Schauer hin. Er blickte zu Sephi hinüber. Wie hatte doch Herr Gerold einst zu ihr gesagt? — „Er ist ein Levantiner." Und den Buben ergriff es wie damals, da er, ohne es zu verstehen, das Wort zum ersten Male gehört hatte, wieder mit unabweisbarer, geheimnisvoller Kraft.
Frau Gerold aber lachte kurz für einen Augenblick.
„Hm — du bist komisch!" sagte sie dann nur. Und wie sie sich erhob, griff sie in jener steilen schönen Geste, die ihr eigen war, mit ihrer linken Hand empor und drückte sich mit ausgespreizten Fingern die Nadeln in dem Knoten des leuchtend blonden Haares fest.
Ein paar Herzschläge lang war es nun völlig still.
Frau Bang lag's wie ein Würgen um die Kehle. — Mein Gott — mein Gott — das auch noch! dachte sie. Sie wollte lächeln, tun, als hätte sie das nicht verstanden, was aus den Fragen da gesprochen hatte. Sie wollte zu ihm gehen und von anderen Dingen reden, aber sie brachte kein Wort hervor und wagte nicht, sich zu erheben.
Herr Gerold selber brach schließlich das Schweigen.
Er sprach mit stiller Stimme vor sich hin: „Ja es ist wahr, ich bin recht angegriffen, ich habe wenig Schlaf und bin ermattet. Im Frühjahr wird das alles vielleicht besser werden." Und dann kam er auf gleichgültige Dinge, so daß es Frau Marie Bang für einen Augenblick beinahe war, als hätte sie geträumt, sich eine Torheit eingebildet, wie ihr die Worte früher so hart ans Herz gegangen waren.
Dann aber, als sie mit dem Buben schweigend durch stille, winterliche Gassen nach Hause ging, und als ihr jenes Bild und jene Worte aufs neue in der Erinnerung lebendig wurden, da wußte sie, daß Heinrich Gerold auch noch an einem anderen Schmerze trug: an einem Zweifel.
„Mutter..."
Sie schreckte auf.
„Mutter — was ist ein Levantiner?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt — zu Hause, Georg."
Dann aber, als sie eine Weile still gegangen waren, fragte sie selbst den Buben:
„Sag', Georg, kommt der Herr, von dem sie da gesprochen haben, öfter hin, ich meine, hast du ihn schon oft gesehen?"
„Ja, erst — und dann in der letzten Zeit."
Sie schwiegen wieder beide.
Und Frau Marie Bang dachte im Gehen: Der arme Mann! Wenn er doch Klarheit fände! (Fortsetzung folgt.)
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