Heft 
(1906) 16
Seite
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jrühlingssehnsucht.

Don Ferne rief die Dommel übers Ried. Ich lag allein am jungen Waldesrand,

Don blauen Deilchen tausendfach umblüht. Der Himmel fang sein schönstes Farbenlied. Dann war die große Lohe ausgebrannt.

Die Dögel klagten. Stärker stoß der Duft Der Blüten rings. Und aus den Bäumen kam Lin Rauschen, das mich ganz gefangen nahm. Doll süßer Schauer war die Abendluft,

Und meine Seele bebte wundersam.

Da griff ich jauchzend in das kühle Grün Und dehnte mich in wundervoller Lust.

Den Himmel sah ich in Derheißung glühn, Sah goldene Wolken durch den Äther ziehn, Und heilige Sehnsucht füllte meine Brust.

unror unö Erziehung.

Eine Dlauderei von Otto Ernst.

ustere Bestien hat Goethe die Deutschen genannt. Das ist hart; aber leider ist viel Wahres daran. Nicht, daß wir nicht ganz gerne lachten, o ja; aber nachher wollen wir's nicht wahr haben, daß wir gelacht ha­ben; wir schämen uns des Lachens; wir haben nicht den Mut, uns zur Heiterkeit zu bekennen. Wenn wir im Theater

einen übermütigen Schwank sehen, so lachen wir vielleicht Io herzhaft wie irgend eine andere Nation; aber schon in der Garderobe leugnen wir's ab und schimpfen. Wir brauchten ja den Schwank nicht künstlerisch wertvoll zu finden; aber daß wir gelacht haben, das sollten wir eingestehen. Ludwig Fulda er­zählte mir einmal, er habe eines Abends im Theater einen Ber­liner Kritiker gesehen, der sich über das aufgeführte Lustspiel vor Lachen schüttelte, und am anderen Morgen habe derselbe Kritiker geschrieben, er sei schon beim ersten Akte eingeschlafen, und es habe schwere Mühe gekostet, ihn am Schluß der Vorstellung wieder aufzuwecken. Das war eine allgemein menschliche Lüge; aber sie hatte ein deutsches Aroma. Nicht weil es uns an humoristischen Talenten, nein, weil es diesen Talenten an der Hellen, freudigen, offenen Resonanz gefehlt hat, haben wir Deutschen eine verhältnismäßig arme humoristische Literatur. Wenn der Deutsche seine klassischen Lustspiele aufzahlen soll, so braucht er zwei und einen halben Finger; er nenntMinna von Barnhelm", denZerbrochenen Krug" und fügt dann mit einem Achselzucken hinzu:Na ja, -Die Journalisten^." Was heiter ist, das nimmt er nicht ernst.

Wie kämen ihm nun gar Zwei Dinge zusammen wie Erziehung" undHumor"! Die Erziehung ist ihm (gottlob!) eine sehr ernste Sache, darum meint er, sie nur mit ernstem Gesicht und ernster Gebärde betreiben Zu dürfen, ja, diese er­scheint ihm kaum auf einem anderen Gebiete so selbstverständ­lich und untrennbar vom Beruf wie hier. In der landläufigen Vorstellung vom deutschen Erzieher erscheint ein gewisser trockener, pedantischer, ja finsterer Ernst als ein ständiges Merkmal. Muß das so sein? O nein, das muß durchaus nicht sein!

Nun möcht' ich um alles nicht mißverstanden werden. Ich stehe auf dem Standpunkte, daß es mit unseren Schulen, hohen wie niederen, sehr, sehr viel anders werden muß, und allem, was dem abscheulichen toten Gehirnballast, dem kasernen­mäßigen Drill, der Vergewaltigung des Individuums, dem Gemüts- und Gewissenszwang, der abstrakten Weltentfremdung unserer Schulen zu Leibe rückt, allem, was dahin strebt, aus der Lernschule eine Lebensschule zu machen, dem stimme ich nicht zu, nein, dem jauchze ich zu aus vollem, freudigem, aufatmendem Herzen. Meine Hamburger Freunde und ich wollen mit unserer Forderung der künstlerischen Erziehung nicht mehr und nicht weniger als eine Renaissance der Pädagogik in jenem Sinne. Aber ich verhehle mir nicht, daß es hier (wie überall und immer) Exaltados gibt, die bei ihrem Verlangen nach Heiterkeit und Freiheit das Maß aller Dinge vergessen. Man kann den Kindern nicht alles leicht

und angenehm machen, und man kann ihnen, da sie doch unvernünftige Wesen sind, nicht jeden Zwang ersparen und jede Freiheit gewähren. Ich habe des öfteren Kinder gesehen, die nach anarchistischem Prinzip erzogen waren; in modernen Künstler-, Schriftsteller- und Gelehrtenkreisen hat man Gelegen­heit genug dazu. Ich kann nicht behaupten,, daß ich auch nur in einem einzigen Falle von den Resultaten erbaut gewesen wäre; ich kann wenigstens nicht entzückt sein, wenn ein Töchterchen, das von seiner Mutter einen Auftrag erhält, dieser Mutter, einer gutherzigen und freundlichen Dame, antwortet:Ach was, tu's doch selbst!" ich find' es

abscheulich, wenn Eltern ihre Kinder tyrannisieren; aber ich

vermag in dem Gegenteil keinen Fortschritt zu erblicken.

Ich habe wahre Monstra von Ungezogenheit, Frechheit und allgemeiner Verdorbenheit in solchen Familien beobachtet; aber ich habe, was noch mehr sagen will, Theoretiker gefunden, die solch einevorurteilslose Erziehung" verteidigten. Das sind die Philosophaster ohne Verantwortlichkeitsgefühl, die immer gefährlicher sind als die Reaktionäre. Ja, es hat sich etwas von diesem falschen Freiheitssinn der Allgemeinheit mitgeteilt, in Nordamerika beherrscht der jugendliche Rowdy die Straße, und es gibt bei uns sehr vernehmbare Anzeichen einer ähnlichen Entwicklung. Also dieses Maß und diese Art von Freiheit und Fröhlichkeit verherrliche ich nicht.

Und man kann auch nicht jeden Unterrichtsstoff in Zucker­brot und nicht jede Lehrstunde in eine Spielstunde verwandeln. Trotz aller gegenteiligen Versicherungen lernt man keine Sprache ohne Grammatik und Vokabeln (wenn man sie nicht unter ganz gleichen Bedingungen lernt wie seine Muttersprache); zur Geschichte gehören Zahlen, zur Naturgeschichte ein System, und aller Wissenschaften und Künste Anfang ist schwer und ermüdend. Aber allerdings bin ich der Meinung, daß es an den wirklich unumgänglichen Schwierigkeiten und Lästigkeiten gerade genug ist für ein Kind, daß man alle Mühe und allen guten Willen dransetzen soll, jede unnütze Last den Schultern der Kinder abzunehmen, und daß in dieser Hinsicht noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt. Den Lobrednern des Bestehenden, die die frische Bewegung in unserer Päda­gogik lahmlegen möchten und mit Eifer versichern, all diese neuen Forderungen seien entweder übertrieben oder bürgst er­füllt, sei von vielen: nur das Wenige vorgehalten: Warum

fordern unsere Prüfungsgesetze von jedem Schüler mathema­tische Leistungen, da doch jeder Einsichtige weiß, daß es ab­solut unmathematische Individuen gibt, und daß man ein ausgezeichneter Kopf sein und ein großer Mann, eine Zierde seines Volkes werden kann ohne alle Mathematik? Warum verlangen sie von allen ohne Unterschied, die die Universität beziehen wollen, fremdsprachliche Kenntnisse, da man doch ohne solche Kenntnisse ein durchaus gebildeter Mensch sein kann? (Für Bösartige bemerke ich nebenbei, daß mir weder fremde Sprachen noch Mathematik jemals Schwierigkeiten bereitet